Top-Datenbanken für Recherche-Profis

Die Möglichkeiten, die Datenbanken bei der journalistischen Recherche bieten, werden oft unterschätzt. So genanntes "Computer-Assisted Reporting" (CAR), bei US-Medien weit verbreitet, ist in Deutschland noch in der Entwicklungsphase. Neue Informationsfreiheitsgesetze, Veröffentlichungpflichten für Abgeordnete und Firmen oder EU-Datenbanken bieten aber auch in Deutschland interessante Ansatzpunkte für Recherchen. MEEDIA stellt acht Insider-Tipps für die professionelle Recherche vor.

Anzeige

Elektronischer Bundesanzeiger

Im elektronischen Bundesanzeiger findet man Jahres- und Konzernabschlüsse und Finanzberichte von Aktiengesellschaften, GmbHs, Kommanditgesellschaften, offenen Handelsgesellschaften und ausländischen Gesellschaften. Der amtliche Teil enthält amtliche Bekanntmachungen wie z. B. der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Daneben findet man noch Ausschreibungen oder Bekanntmachungen von Vereinen und Verbänden. Eine Volltextsuche und eine erweiterte Suche bieten die Möglichkeit, den gesamten elektronischen Bundesanzeiger nach bestimmten Begriffen oder Kriterien, wie zum Beispiel den Veröffentlichungszeitraum, zu durchsuchen.
Im Zuge des Übergangs von der Papierausgabe hin zum elektronischen Bundesanzeiger werden in nächster Zeit weitere Bekanntmachungen folgen. Ähnliche Informationen wie der elektronische Bundesanzeiger, jedoch mit anderen Suchmöglichkeiten, bietet auch das Registerportal der Länder, handelsregister.de.
 
 
Whois.net

Whois-Datenbanken ermöglichen nicht nur herauszufinden, ob eine Domain schon oder noch registriert ist, sondern auch wer Domaininhaber, administrativer Ansprechpartner oder Provider einer Internetseite ist. Dies kann wichtig sein, um herauszufinden, wer wirklich hinter einer Webseite oder Organisation steht. In Whois-Datenbanken lässt sich auch nach Schlüsselwörtern oder in gelöschten Domains suchen.
 
 
Think Tank Directory Deutschland

Das Think Tank Directory Deutschland wird von dem Politik- und Medienberater Daniel Florian betrieben. Das Projekt entstand als follow-up-Projekt seiner Bachelorarbeit über Think Tanks in Deutschland. Das Verzeichnis liefert detaillierte Profile von zur Zeit etwa 50 deutschen Think Tanks. Die Profile informieren über Gründungsdatum, Typ, Zahl der Mitarbeiter, Themenspektrum, Finanzierung, Geschäftsführung, Produktportfolio und Pressestellen jedes einzelnen Instituts. Mittlerweile gibt es auch einen Think Tank Directory Europe.
 

Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten

Nach der Geschäftsordnung  müssen Bundestagsabgeordnete beim Präsidenten ihre zuletzt ausgeübte Berufstätigkeit, Tätigkeiten als Mitglied eines Vorstandes, Aufsichtsrates, Verwaltungsrates, Beirates in einem Unternehmen, einer Körperschaft oder Anstalt des öffentlichen Rechts oder in einem Verein oder Verband anzeigen. Zu den veröffentlichungspflichtigen Angaben zählen auch Beteiligungen an Kapital- oder Personengesellschaften und entgeltliche Tätigkeiten neben dem Mandat, wie Beratungs-, Vertretungs-, Gutachter-, publizistische und Vortragstätigkeiten. All diese Daten werden im Bundestagshandbuch, einer gedruckten Loseblattsammlung, veröffentlicht, sind meist aber vorher schon auf bundestag.de verfügbar. Die Webseite http://www.nebeneinkuenfte-bundestag.de/ übernimmt diese Daten, bereitet sie systematisch nach einzelnen Kriterien sortiert auf und ermöglicht so eine bessere Suche. Die veröffentlichungspflichtigen Angaben der Abgeordneten lassen sich z. B. mit der Volltextsuche des elektronischen Bundesanzeigers abgleichen.
 
 
Wobbing

Ähnlich wie die noch relativ jungen Informationsfreiheitsgesetze auf Landes- und Bundesebene oder das Umweltinformationsgesetz, gibt es auch auf europäischer Ebene ein Informationsfreiheitsgesetz. Wobbing = (Verb, niederländisch umgangssprachlich) ist das Erlangen von Dokumenten durch das Europäische Informationsfreiheitsgesetz. Die Seite wobbing.eu, die von dem Netzwerk-Recherche-Vorstand Brigitte Alfter betrieben wird, führt in Wobbing ein. Sie enthält unter anderem News zum Wobbing, Informationen über Informationsfreiheitsgesetze in den einzelnen EU-Ländern und ein sehr hilfreiches Tool, mit dem sich Anträge nach dem Informationsfreiheitsgesetz automatisch generieren lassen.
 

Finanztransparenzsystem der EU

Im Finanztransparenzsystem (FTS) der EU, das es erst seit dem letzten Jahr gibt, finden sich die Namen der Empfänger von rund 10 Milliarden Euro Finanzhilfen und anderen Formen der Unterstützung, die die Kommission jedes Jahr bewilligt. Die Daten für ein bestimmtes Jahr werden jeweils erst im darauffolgenden Jahr veröffentlicht. Das erste Jahr, für das ein kompletter Datensatz zur Verfügung stehen wird, ist 2009. Das System enthält Angaben über Empfänger, Land und Postleitzahl und die verantwortliche Dienststelle der EU-Kommission. Soweit verfügbar finden sich auch der Gegenstand der Ausgabe und der Name des betreffenden EU-Programms. Das FTS befindet sich zurzeit in einer Testphase. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen auch Daten über Beschaffungsverträge der Kommission einsehbar sein, die aus Verwaltungsausgaben finanziert werden.
 
 
farmsubsidy.org

Die Seite farmsubsidy.org wird von einem europaweiten Netzwerk von investigativen Journalisten betrieben. In ihr sind die Daten der Empfänger aller von der EU gezahlten Agrarsubventionen eingespeist. Die Daten wurden in mühsamer Kleinarbeit, auch durch offizielle Anfragen an die zuständigen Behörden in den EU-Ländern, zusammengetragen. Über ein Suchfeld lässt sich gezielt nach Firmennamen oder Orten suchen. Die Treffer enthalten Angaben über Namen, Beträge, Land und Förderprogramm. Darüber hinaus finden sich Statistiken über die Top-Empfänger in Europa und den einzelnen EU-Staaten und detaillierte Statistiken über jedes einzelne Land.
 

Europäische Ausschreibungsdatenbank TED
 
Ab einem bestimmten Auftragswert müssen Firmen und Institutionen Aufträge europaweit ausschreiben. Die Datenbank TED (Tenders Electronic Daily) ist die Onlineversion des „Supplements zum Amtsblatt der Europäischen Union“ für das europäische öffentliche Auftragswesen. TED, eigentlich dazu gedacht, Firmen freien Zugang zu Geschäftsmöglichkeiten zu ermöglichen, wird fünfmal pro Woche mit etwa 1500 Bekanntmachungen über öffentliche Aufträge aus der Europäischen Union, dem Europäischen Wirtschaftsraum und weiteren Ländern aktualisiert. Eine erweiterte Suche bietet die Möglichkeit im Volltext, nach Art und Name des Auftraggebers oder Auftragsart- oder ort zu suchen. Den Treffern lassen sich genaue Angaben über den Inhalt der Aufträge und Ansprechpartner entnehmen. Darüber hinaus lassen sich auch Suchprofile speichern.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige