„Bing“: Microsofts Google-Killer ist da

Am kommenden Mittwoch hebt sich der Vorhang: Mit einer neu konzipierten Suche namens "Bing" startet Microsoft den bisher ehrgeizigsten Versuch, im Internet gegen Googles Marktmacht doch noch Land zu gewinnen. "Bing" wird Ergebnislisten stärker strukturiert darstellen und will den Nutzer bei der Suche behutsam leiten. Eine Marketing-Kampagne für 100 Millionen Dollar soll helfen, im lukrativsten Geschäftszweig des Internets Marktanteile von Google zu erkämpfen.

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Als „Entscheidungsmaschine“ („decision engine“) hat Microsoft-Chef Steve Ballmer die neue Suche gestern im kalifornischen Carlsbad einem Fachpublikum angepriesen: „Bing“ ist das Ergebnis jahrelanger Nutzerforschung. „Ich bin zuversichtlich, dass wir einen ersten Schritt geschafft haben“, erklärte Ballmer, „aber ich weiß, dass noch viele Schritte folgen müssen.“ Die Zurückhaltung erklärt sich aus der Historie: Rund zehn Jahre lang hat der Software-Riese bei der Internet-Suche trotz Milliardeninvestitionen nur Niederlagen gegen Google erlitten; „Bing“ könnte die letzte Chance sein. Die strategische Bedeutung der Suche wurde 2008 sichtbar, als Microsoft – erfolglos – 44 Milliarden Dollar für eine Übernahme von Yahoo bot. 
Was sich zum Start  am 3. Juni auf der Adresse www.bing.com abspielt, war gestern nur in Ansätzen zu sehen. Im Zentrum steht ein Navigations-Tool, das die Verfeinerung einer Suche in verschiedene Richtungen anbietet und sich dabei ständig anpasst. Die Inhalte von Websites werden schon in der Trefferliste verschieden und möglichst „intelligent“ aufbereitet; die Suche nach einem Filmtitel soll etwa gleich die Anfangszeiten in nahegelegenen Kinos auswerfen. Dem Konzept liegt die Erkenntnis zugrunde, dass die meisten Nutzer mit der Suchtechnik – in aller Regel also Google – zufrieden sind, obwohl sie in vielen Fällen nicht zum gewünschten Ziel kommen. „Wir treiben die Idee der Websuche ein gutes Stück voran“, versprach Microsoft-Manager Yusuf Mehdi. 
Vielleicht nicht weit genug, wie Kritiker sofort bemängelten: Aspekte einer sekunden-aktuellen „Echtzeit-Suche“, die von Webdiensten wie Twitter und Facebook geleistet wird, finden sich bei Microsoft nicht. Das Stichwort fiel bei Ballmer „kein einziges Mal“, bemängelt die „FTD“ und prophezeit, Microsoft bekomme bald „Konkurrenz von ehrgeizigen und innovativen Newcomern“. 
In Deutschland wird „Bing“ zunächst nur in einer Beta-Version verfügbar sein. Microsoft- Managerin Dorothee Ritz empfiehlt auch deutschen Interessenten einen Blick auf die amerikanische Version, die sich am 3. Juni komplett fertig präsentieren soll. Ein spezielles Feature des deutschen „Bing“ werden integrierte Ergebnisse von Ciao.de sein; die Preisvergleichs- und Einkaufsseite hatte Microsoft 2008 übernommen. In den USA kooperiert Microsoft mit diversen Websites, deren Input den Nutzen der Suche verbessern könnte. 
Auch den Microsoft-Managern ist klar, dass die Internetsuche nicht auf eine technische Revolution wartet: Google, Yahoo und Microsofts eigenes „Live Search“ sind ausgereift und funktionieren exzellent. „Microsoft steht vor einer Marketing-Herausforderung“, sagt deshalb Bryan Wiener vom Online-Vermarkter 360i. Das erst kürzlich durchgesickerte Kunstwort „Bing“ ist Teil einer Markenstrategie, die mit mindestens 100 Millionen Dollar Werbebudget befeuert wird. Mit dem undeutlichen Label „Live Search“ hat Microsoft keinen nennenswerte Identifikation erreicht und ist trotz enormer technischer Investitionen weiter zurückgefallen. „Ich hoffe, wie sehen im nächsten Jahr erste, kleine Erfolge“, sagte Steve Ballmer mit für ihn ungewohnter Bescheidenheit. Eine Zusammenarbeit mit der Suche von Yahoo – in den USA mit 20 Prozent Anteil noch weit vor Microsofts 8,6 Prozents – steht weiter im Raum, wäre für Microsoft aber teuer. 
Für die Medienbranche wäre ein starker Such-Rivale zweifellos wünschenswert: Gerade in Deutschland, wo Googles Dominanz mit über 90 Prozent noch stärker ausgeprägt ist als in den USA. Bei hiesigen Online-Medien richten sich sämtliche Anstrengungen in der Seiten-Optimierung, fast alle Ausgaben im Suchmaschinen-Marketing und ein großer Teil der Erlöshoffnungen über „Adsense“-Anzeigen auf den einsamen Marktführer. Konkurrenz kann allen Marktteilnehmern nur gut tun.

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