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„NY Times“ verpennte Watergate-Story

Zwei ehemalige Journalisten der "New York Times" behaupten mit 37 Jahren Verspätung, sie hätten frühzeitig von Hintergründen der Watergate-Affäre 1972 gewusst. Die Hinweise fielen jedoch in tragikomischen Verstrickungen unter den Tisch. Mit der Aufdeckung landete dann die "Washington Post" einen Jahrhundert-Scoop, der Präsident Nixon zum Rücktritt zwang. Die jungen Reporter Woodward und Bernstein wurden durch Buch und Film zu Popstars des Journalismus.

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Die NY Times zitiert in eigener – und durchaus peinlicher – Sache den Ex-Reporter Robert M. Smith, der vom damaligen FBI-Chef L. Patrick Gray bei einem Essen deutliche Hinweise auf die Beteiligung des Weißen Hauses an der Affäre erhalten haben will. Das geschah am 16. August 1972, zwei Monate nach dem Einbruch ins Watergate-Gebäude im Juni 1972,  also zu einem Zeitpunkt, als die jungen „Post“-Reporter Woodward und Bernstein das Zentrum des Skandals noch nicht erreicht hatten. Deren wichtigste Quelle war bekanntlich Grays Stellvertreter Mark Felt, den 2005 die „Vanity Fair“ als reale Person hinter dem legendären Informanten „Deep Throat“ offenbarte. 
Smith habe die Hinweise an den Redakteur Robert H. Phelps weitergereicht; beide bestätigen heute, dass darüber Notizen und eine Bandaufzeichnung hergestellt wurden. Andere „Times“-Veteranen geben an, von Smith‘ Informationen nie gehört zu haben. Der inzwischen 89-jährige Phelps sagt: „Dann war es wohl mein Fehler, dass nichts aus der Sache wurde.“ 
Wie die brisanten Hinweise unter den Tisch fielen, ist zugleich mysteriös und tragikomisch: Smith verfolgte das Thema nicht weiter, weil er ein Jura-Studium in Yale aufnahm, Phelps trat eine monatelange Alaskareise an. In den Tagen nach dem ominösen Lunch zwischen Smith und FBI-Chef Gray war die „Times“, wie sie jetzt selbst berichtet, vollauf mit dem Parteitag der Republikaner ausgelastet. Woodward und Bernstein nutzen den gleichen Zeitraum, um sich und die „Washington Post“ zu Ikonen des investigativen Journalismus zu machen.
Ans Licht kam das groteske Versagen erst jetzt, weil Phelps den Vorgang als Anekdote in seinen Memoiren erwähnt. Die tragen den schönen Titel: „God and the Editor: My Search for Meaning at The New York Times“. Phelps, der sich nur undeutlich an das Gespräch mit dem aufgeregten Jung-Reporter erinnerte, rief Smith an und erfuhr, das der sich jahrezehnte lang gefragt hatte, was aus seinen Informationen geworden sei. Phelps wechselte Mitte der 70er Jahre zum „Boston Globe“, Smith arbeitete nach seinem Studium für das Justizministerium und als Anwalt.
Der Sohn des 2005 verstorbenen FBI-Chefs Gray bezweifelt allerdings stark, dass sein Vater die NY Times in Sachen Watergate munitionieren wollte: „Er mochte Smith, es war ein Verhältnis zwischen einem jungen Mann und seinem Mentor.“ Wenn sein Vater etwas gegenüber dem angehenden Jurastudenten  habe durchblicken lassen, sagt Gray, dann, „weil er annahm, der sei kein Reporter mehr“. 
Im US-Blog „Politico“ präzisiert Edward Gray heute seine Überzeugung: „Wenn mein Vater tatsächlich jemandem etwas hätte stecken wollen, können Sie davon ausgehen, dass auch etwas erschienen wäre.“

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