„Capital“ & Co.: Klusmanns 100-Tage-Bilanz

Über den Umbau den G+J-Wirtschaftsmedien wurde in der Branche in den vergangenen Monaten wild spekuliert. Die Redaktionen aus München und Köln wurden nach Hamburg verlegt, 60 Redakteuren gekündigt. Trotzdem verläuft die Neuformierung erstaunlich gut, zieht "FTD"- und "Capital"-Chefredakteur Steffen Klusmann ein erstes Fazit. Gleichzeitig erklärte der 43-Jährige im MEEDIA-Interview, warum die Krise noch länger dauern könnte – und warum er dem Social Media-Trend nichts abgewinnen kann.

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MEEDIA: Herr Klusmann, die ersten 100 Tage seit dem Umbau der G+J-Wirtschaftsmedien sind um. Wie fällt Ihr erstes Fazit aus?

Steffen Klusmann: So gut wie erhofft – und besser als befürchtet. Die Zusammenarbeit zwischen den alten und neuen Kollegen verläuft hervorragend, wir ergänzen uns gut. Vor allem bei der Recherche funktioniert das Teamwork. Und selbst die Chefredakteure kommen gut miteinander aus, ich musste bislang nicht einen Streit schlichten.

Welches ganz persönliche Resümee ziehen Sie?

Was meine Rolle betrifft, gibt es noch ein wenig Optimierungsbedarf. In den letzten beiden Wochen, bevor „Capital“ in Druck geht, herrscht bei mir Land unter – für normale Termine ist da wenig Zeit, und bei der „FTD“ bleibt dann schon mal was liegen. Das habe ich unterschätzt und das muss wieder anders werden.

Nach Bekanntgabe der Umbaumaßnahmen war spekuliert worden, es werde auch Neuverpflichtungen geben. Ist der Vorgang abgeschlossen?

Der Umbau ist fertig, wir suchen nicht mehr. Es fehlen noch ein paar Leute, aber nur, weil die nicht schnell genug aus ihren Verträgen herauskamen – in ein paar Monaten sind wir komplett.
 
Sie haben in einem Interview gesagt, zu Beginn des Umbaus zur Zentralredaktion werde es sicher zunächst an der einen oder anderen Stelle ruckeln. Zu wie viel Prozent läuft jetzt bereits alles rund?

Organisatorisch gesehen läuft es schon erstaunlich rund. Bei den Abläufen muss sich noch einiges einspielen, aber das sind Kinderkrankheiten. Und was die Qualität betrifft: da sind wir bei gut 60 Prozent, es ist also noch Luft nach oben.

Nur 60 Prozent?

Wäre schlimm, wenn wir uns nach einer solchen Aktion nicht noch deutlich steigern könnten.

Wie sieht der Redaktionsalltag praktisch aus: Machen nun alle alles?

Im Prinzip ja, aber es gibt natürlich auch Zuständigkeiten, die Nachrichtenredakteure schreiben in erster Linie für die FTD und eine Gruppe ausgewählter Kollegen für die Magazine. In der letzten Ausgabe von „Capital“ hat Leo Müller die Titelgeschichte über die Deutsche Bank geschrieben, und drei Kollegen, die in erster Linie für die FTD arbeiten, haben ihn bei der Recherche unterstützt. Diese Art der Zusammenarbeit hat auch bei anderen Geschichten gut geklappt. Viele Kollegen, die hauptsächlich die Tageszeitung bestücken, können sich nun auch im Magazin austoben. Und den Magazinern brechen keine tollen Geschichten mehr weg, weil sie diese jetzt  in der FTD platzieren können.

Sie verantworten das Traditions-Wirtschaftsmagazin „Capital“ erstmals seit der Mai-Ausgabe als Chefredakteur und haben mit Interviews und Leitartikeln über Josef Ackermann, René Obermann und Dieter Zetsche eine viel beachtete erste Ausgabe vorgelegt. Die Unternehmensgeschichte rückt damit also nun stärker in den Fokus?

Das ist der Plan. Zu einem Wirtschaftsmagazin gehören nun mal auch gut und analytisch erzählte Unternehmensgeschichten. Und bloß, weil wir jetzt mehr Wert auf solche Stücke legen, heißt das noch lange nicht, dass wir den Finanzteil vernachlässigen. Der spielt für Capital nach wie vor eine entscheidende Rolle. Der Immobilienkompass, unsere Titelgeschichte der am Mittwoch erschienenden Juni-Ausgabe, ist der beste Beweis.
 
Über den Umbau der G+J Wirtschaftsmedien ist viel geschrieben worden in den letzten  Monaten: Haben Sie sich über die zum Teil harsche Berichterstattung geärgert?

Nicht wirklich. Ich habe die Kritik an den Sparmaßnahmen verstanden: Erst 120 Leuten kündigen, um dann 60 zu veränderten Konditionen wieder einzustellen, ist eine Maßnahme, für die man kein Lob erwarten kann – trotzdem war sie wirtschaftlich notwendig.

Was mich allerdings genervt hat, war das Geplärre von irgendwelchen vermeintlichen Branchenexperten. Die haben den Umbau niedergeschrieben, bevor auch nur eine Seite in den Magazinen aus Hamburg gedruckt worden war. Das hat viele meiner Kollegen unnötig nervös gemacht.

Können Sie etwas über Verkaufszahlen der ersten Ausgabe sagen?

Rund 11.000 Hefte der ersten Ausgabe wurden am Kiosk verkauft, das ist für einen Unternehmenstitel bei Capital nicht schlecht. Zufrieden bin ich damit allerdings nicht. Mittelfristig, das heißt, binnen der nächsten zwei bis drei Jahre, müssen wir im Einzelverkauf auch mit Unternehmenstiteln wieder zu unseren direkten Konkurrenten aufschließen.

Ein Blick auf das Internet, das den Paradigmenwechsel  in der  Mediennutzung zuletzt so stark vorangetrieben hat. Was haben Sie konkret mit Ihrer Wirtschaftsreaktion vor, um das redaktionelle Angebot zu verbessern?

Wir konnten die Zugriffe auf FTD.de während der Finanzkrise fast verdoppeln, das ist schon mal nicht schlecht. Grundsätzlich erweitern wir unser Angebot über alle Sites weiter – auch mithilfe von Magazinredakteuren.

Was halten Sie von der aktuellen Debatte über Bezahlinhalte im Netz: Ist Paid Content wirklich ein tragfähiges Modell für die Zukunft?

Fest steht: Wachstum spielt sich inzwischen vor allem im Internet ab. Printprodukte sind strukturell unter Druck, sowohl was Anzeigen- als auch was Vertriebserlöse betrifft. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, das Wachstum im Netz zu monetarisieren. Und das wird meiner Ansicht nach auf Dauer nur über ein Bezahlmodell für Online-Inhalte funktionieren.

Wie sieht es mit den boomenden neuen Mediendiensten wie Twitter aus: Bisher sind Sie hier ja nicht so aktiv?

Und ehrlich gesagt, glaube ich auch nicht, dass ich das sollte.

Warum? Denken Sie an Ihre Kollegen Roland Tichy von der „ Wirtschaftswoche“  oder Romanus Otte von „Welt Online“…

Ich habe einfach nicht so viel Interessantes zu erzählen wie meine Kollegen. Mein Leben ist nicht spannend genug, um dies regelmäßig in 140 Zeichen mitteilen zu müssen.

Konkreter zur gegenwärtigen Finanzmarktkrise nachgefragt: Haben wir das Schlimmste bereits überstanden?

Ich wäre mir da nicht so sicher. Die Börse zuckt zwar wieder, aber was heißt das schon bei diesen volatilen Märkten? Realwirtschaftlich jedenfalls steht uns noch einiges bevor: Bei vielen ist die Krise noch überhaupt nicht richtig angekommen. In den nächsten sechs bis zwölf Monaten könnte es auf dem Arbeitsmarkt noch ziemlich bitter werden. Und viele Banken eiern ganz schön durch die Stresstests. Ob die „Bad Bank“ uns von allen Problemen erlöst, muss sich erst zeigen.

Besteht nicht die Gefahr, dass Anleger der Börse nach so vielen Enttäuschungen irgendwann ganz den Rücken kehren – und damit Leser auch einem klassischen Anlegermagazin wie „Börse Online“?

„Börse Online“ ist ein zyklisches Medium, dessen Auflagenzahlen auch an der Entwicklung des Dax hängen. Grundsätzlich aber sollten wir uns von der gegenwärtigen Schwarzmalerei nicht verunsichern lassen: Der Markt kommt auch wieder zurück. Es ist genug Geld vorhanden, das derzeit darauf wartet, neu angelegt zu werden. Am Ende der Krise wird sich hoffentlich ein professionelleres Verhältnis zur Geldanlage einstellen – eine neue, unaufgeregte Anlagekultur, wie sie sich in anderen Ländern bereits etabliert hat.

Der Berufsstand der Wirtschaftsjournalisten hat für mangelnde Weitsicht zur aufziehenden Finanzmarktkrise eine Menge Kritik einstecken müssen. Zu Recht?

Ja, absolut. Wir haben die Krise zu lange unterschätzt, das müssen wir uns zurecht vorhalten lassen. Was ich allerdings nicht akzeptiere, ist der Vorwurf, wir würden die Krise mit unserer negativen Berichterstattung erst herbei schreiben und verstärken. Das ist absurd. Wer die Realität nicht erträgt, soll sich ein Märchenbuch kaufen.

Welche Medien lesen Sie selbst regelmäßig?

„Fortune“, „Businessweek“, den „Economist“, manchmal die „Herald Tribune“, und natürlich die englische Ausgabe der „Financial Times“. Auf dem deutschen Markt  das „manager-magazin“, , die „Wirtschaftswoche“ , den „Spiegel“, „Stern“, die „Zeit“ – und alle großen Tageszeitungen kreuz und quer, soweit das möglich ist.

Kommen Sie dazu wirklich  an einem normalen Arbeittag? Und wie sieht der aus?

Ich versuche es zumindest. Meistens kapituliere ich dann so um die Mittagszeit vor meinem Terminkalender.  

Und was machen Sie eigentlich, wenn Sie mal nicht arbeiten?

Wenn ich das Büro verlasse, geniesse ich die Zeit mit meiner Familie. Wir machen Ausflüge, gehen ins Kino, grillen im Park, was man eben so macht. Und im Sommer wollen meine Kinder ständig ins Freibad.

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