Mr. Recherche: „Jeder Journalist ist eitel“

Hans Leyendecker gilt als der investigative Vorzeige-Journalist in Deutschland. U.a. hat er die Flick-Parteispendenaffäre aufgedeckt. Bei der "Süddeutschen Zeitung" leitet er seit kurzem das neu geschaffene Ressort "Investigative Recherche", in dem außer ihm noch Klaus Ott und Nicolas Richter arbeiten. MEEDIA sprach mit "Mr. Recherche" Hans Leyendecker über das neue Ressort, den Stellenwert des investigativen Journalismus und die Feindschaft zwischen Bloggern und Print-Journalisten.

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Herr Leyendecker, sind Sie eigentlich eitel?

Schon. In dem Sinne, dass man sich nicht unwichtig nimmt, ist wahrscheinlich jeder Journalist eitel. Aber man muss auch sich einordnen können. Alles ist relativ.

Sind Journalisten generell ein eitles Volk?

Das hängt ein bisschen vom Alter ab und davon, wie schnell sie Erfolg haben. Alles in allem ist es schon ein sehr eitler Beruf. Es gibt eine Menge Leute, die furchtbar beleidigt sind, wenn man es mal nicht so toll findet, was sie gerade gemacht haben. Die Eitelkeit in diesem Beruf ist manchmal mit Händen zu greifen.

Sie leiten das neue Ressort „Investigative Recherche“ bei der „Süddeutschen Zeitung“. Warum braucht die „SZ“ solch ein Ressort?

Recherche und investigative Recherche sind in den vergangenen Jahren, auch in der Wahrnehmung durch den Leser, immer wichtiger geworden. Das Kernteam in dem neuen Ressort wird mit anderen Leuten aus der Redaktion zusammenarbeiten, um die bereits gut ausgebaute Recherche der „Süddeutschen“ noch zu verstärken.

Aber in den Ressorts wird sicher auch selbst recherchiert. Bieten Sie den Kollegen dann Geschichten aus dem Investigativ-Ressort an oder kann man ihre Recherchedienste auch anfordern?

Das müssen wir ausprobieren. Das ist schon auch als Service für die Redaktion gedacht. Wir drei Kollegen aus dem Ressort „Investigative Recherche“ werden auch weiter unsere eigenen Themen machen. Aber wenn aus einem anderen Ressort Verstärkung gefordert wird, versuchen wir, zu helfen. Was ich bisher an Resonanz aus dem Haus dazu gehört habe, war sehr positiv.

Was verstehen Sie eigentlich unter investigativer Recherche?

Investigative Recherche ist der Versuch, einen Vorgang sichtbar zu machen, der gesellschaftlich von Bedeutung ist und vorher öffentlich nicht bekannt war. Da gibt es im Journalismus große Missverständnisse. Manche meinen, dass bereits die Ausbreitung eines Sachverhalts, über den die Staatsanwaltschaft ermittelt, investigative Recherche ist. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Bei investigativer Recherche muss man schon mit Dingen hantieren, die von Bedeutung sind und die man vorher so nicht gekannt hat.

Gibt es im deutschen Journalismus zu wenig investigative Recherche?

Kommt ganz darauf an, wen sie fragen. Der eine oder andere Leitartikler wird sagen, es gibt schon genug. Die recherchierenden Kollegen werden sagen, es gibt zu wenig. International kann man im Vergleich aber sehen, dass wir in Deutschland weniger Kollegen haben, die investigativ recherchieren als zum Beispiel in Amerika.

Warum, glauben Sie, ist das so?

Wir haben hier eine andere Kultur. Das hängt historisch damit zusammen, dass wir die Ost-Juden verloren haben. Da ist eine hochinteressante Recherche-Kultur durch die industrielle Menschenvernichtung im Nationalsozialismus verloren gegangen. Nach dem Krieg war dann der Meinungsjournalismus in Deutschland stärker ausgeprägt.

Ist es heutzutage schwieriger als früher, Skandale aufzudecken?

Wir erleben heute eine Vielzahl an Skandalen und angeblichen Skandalen in den Medien. Nehmen Sie nur die Daten-Affären bei Bahn und Telekom. Es werden fast täglich willkürlich irgendwelche Sachverhalte aus Papieren herausgerissen und als exklusive Nachricht angepriesen. Diese Exklusiv-Meldungen halten dann zwei Tage und dann platzt alles wieder. Ich halte es für ein Problem, dass ein Institut wie Media Tenor vermeintliche Exklusiv-Meldungen zählt und ein Ranking erstellt. In weiten Teilen des Journalismus gibt es eine Sucht, in solchen Rankings vorne zu sein. Das halte ich für fatal.

Was bringt dieser Wettlauf der Schein-Exklusivität den Medien?

Aufmerksamkeit. Medien schreien danach, bemerkt zu werden, das ist ein bisschen verrückt. Gleichzeitig gibt es Untersuchungen, dass Medien von der Bevölkerung als Chronist gesellschaftlicher Sachverhalte immer weniger ernst genommen werden.

In der aktuellen Medienkrise ist viel die Rede davon, dass Qualität bei Zeitungen und Zeitschriften kaputtgespart werden könnte. Sehen sie eine solche Gefahr?

Die Gefahr ist schon da, wenn sie sehen, unter welchen Bedingungen manche Kollegen bei Regionalblättern arbeiten müssen. Wenn ein Redakteur am Tag drei Seiten bearbeiten muss, dann brauche ich dem keinen Vortrag über investigativen Journalismus zu halten. Der würde mich zurecht anschauen, als käme ich vom anderen Stern. Wenn Redaktionen outgesourct werden und man danach schielt, für wenig Geld nur noch irgendwas zu bekommen, dann ist die ganze Diskussion um Qualitätsjournalismus nur noch theoretisch.

Ist die Medienkrise auch hausgemacht?

Wenn ein Medium sich so darbietet, dass kein Leser mehr Interesse daran hat, dann haben die Journalisten etwas falsch gemacht oder es gab keinen Markt oder der Verdrängungswettbewerb war zu groß. Der Journalismus muss auch in einer schwierigen Zeit gut recherchierte, interessante Geschichten anbieten. Dann wird er sein Publikum finden.

Kann man mit guter Recherche noch Geld verdienen?

Recherche ist das Rückgrat für guten Journalismus. Das kostet Zeit, Geld und verlangt Engagement. Ich glaube aber auch, dass Leser das verstehen und erkennen, dass damit etwas Einzigartiges geboten wird. Von daher glaube ich auch daran, dass gerade in der Zeit des Internets Angebote da sein müssen, die etwas tiefer graben und Zusammenhänge deutlich machen, die nicht im Internet darstellbar sind. Wobei ich das Internet nicht verteufeln will, manche Dienste sind hochinteressant. Früher war dpa in den Redaktionen die Währung. Was dpa brachte, das war wichtig. Heute ist es vor allem Spiegel Online und manchmal auch Zeit Online und Süddeutsche Online, die an diese Stelle gerückt sind.

Es gibt gerade so eine Art Gegnerschaft zwischen klassischen Journalisten und Bloggern. Letztere schimpfen gerne auf das so genannte Holzmedium. Manche Print-Journalisten hocken dagegen fast beleidigt in ihrem Elfenbeinturm. Täuscht der Eindruck?

Ich beobachte das nicht so genau. Vieles im Internet lese ich nicht. Ich finde, dort herrscht oft so ein menschenverachtender Ton und das mag ich nicht. Aber wenn jemand wie Stefan Niggemeier etwas zum Journalismus sagt, dann lese ich das und überlege mir, ob er Recht hat oder nur beleidigt ist.

Dann haben Sie sicher gelesen, was er zu der „SZ Magazin“-Ausgabe zur Zukunft der Zeitung geschrieben hat. Er hat u.a. kritisiert, dass die Redaktion noch nicht einmal einfache Recherche-Schritte wie eine Suchmaschinen-Abfrage durchgeführt hat und so die falsche und missverständliche Angaben zu einem Text des US-Bloggers Felix Salmon machte.

Dieses „SZ Magazin“ hatte sicher einige ganz interessante Beiträge und auch einige Schwächen. Ich habe das nicht näher verfolgt, aber bei dem Text von diesem Felix Salmon, den sie ansprechen, scheint es ja wohl so zu sein, dass die Einordnung ein wenig unglücklich war. Niggemeier hat eine Gemeinde und das ist verführerisch. Er schreibt etwas und alle brüllen und sagen: „Denen hast Du‘s gezeigt!“ Da sind dann oft hunderte Kommentare drunter, die begeistert sind. Na gut.

Die Argumentation von Stefan Niggemeier war ja sinngemäß, dass die „SZ“ und andere Zeitungen Weblogs vorwerfen, dass zu wenig Fakten veröffentlich werden, dass es nur um Meinungen und das Aufbereiten von Inhalten klassischer Medien geht, dass nicht recherchiert wird. Auf der anderen Seite ist der Qualitäts-Journalismus, hier symbolisiert durch das „SZ Magazin“, noch nicht einmal in der Lage, bei einem eigenen Artikel die Autoren-Angaben nachzuprüfen. Verstehen Sie, dass Leute sich darüber aufregen?

Man muss sich immer anschauen, ob jemand, der Kritik übt, der Meinung ist, dass ein Gegenstand falsch dargestellt ist oder ein Thema falsch aufgearbeitet wurde. Dann muss man Kritik auch ernst nehmen. Wenn nur kritisiert wird, um zu grätschen, dann nicht. Ich persönlich schaue mir Kritik an. Wenn sie Quatsch ist, lösche ich sie. Wenn sie kein Quatsch ist, denke ich mir: Der oder die hat Recht. Und ziehe dann auch eine Konsequenz daraus. Hoffentlich.

Was halten Sie von dem Modell, das Arianna Huffington von der „Huffington Post“ in den USA einführt, bei dem investigative Recherche durch eine Stiftung finanziert wird. Ein Modell auch für Deutschland?

Die USA haben da eine ganze andere Tradition, mit Stiftungen zu arbeiten als wir. Generell meine ich nicht, dass wir so etwas brauchen. Wir brauchen vielmehr ein Klima, in dem Journalisten und Verleger erkennen, dass investigative Recherche notwendig und wichtig ist. Man darf auch keinen Mythos des investigativen Journalismus aufbauen. Das schreckt eher ab. Man muss in Verlagen dafür Verbündete gewinnen, dass mehr recherchiert wird und dass man bescheiden bleibt. Mittlerweile ist ja an einigen Stellen etwas im Gange. Es gibt mittlerweile ja eine Art Recherche-Task-Force beim ZDF, einigen Rundfunkanstalten sowie bei einigen Lokalzeitungen. Ob uns das irgendwann einen besseren Journalismus bringen wird, muss man sehen.

Haben Sie irgendwann schon mal den Presseausweis benutzt, um einen Rabatt zu bekommen?

Nein. Ich bin gegen Pressekonditionen, habe das auch gelegentlich gesagt und kann schon deshalb nicht den Ausweis zücken, um einen Rabatt zu bekommen. Da würde man mit Recht sagen, was für ein Heuchler. Als ich neulich wieder einmal etwas gegen Pressekonditionen geschrieben habe, habe ich hinterher erfahren, dass es bei verschiedenen Unternehmen Anfragen von anderen Journalisten gegeben hat, ob ich nicht doch auf irgendwelchen Rabattlisten drauf sei. Diese Anfrage war nicht investigativ, aber völlig in Ordnung.

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