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„Der Gedanke wird im Netz weiterleben“

"Galore" heißt das jüngste Opfer der Printkrise. Im Juni wird Deutschlands Interviewmagazin eingestellt und fortan als Web-Portal weitergeführt. Im MEEDIA-Interview spricht Chefredakteur André Boße über die Zukunft des "Galore"-Teams, seine Liebe zu Print, die Gründe der Einstellung, sein Leben nach dem Blattmachen und die Chancen und Nachteile eines Internetauftritts: "Wir waren ein Lesemagazin. Im Netz ist das eine andere Geschichte."

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Herr Boße, wie konnte das passieren?
In der Medienlandschaft es nun mal so. Es waren mehrere Faktoren. Wir konnten mit Galore im Laufe der Jahre leider die Zahl der Leser nicht signifikant erhöhen. Wir hatten zwar über all die Jahre hinweg eine konstante Leserschaft, aber es ist uns nicht gelungen, da einen Riesenschritt nach vorne zu machen. Wie zum Beispiel Neon. Das allein wäre nicht so schlimm gewesen, weil wir ja einen konstanten Leserstamm hatten. Hinzu kam aber die Tatsache, dass der Anzeigenmarkt in den letzten Monaten wirklich eingebrochen ist.

Das ist für viele der übliche Verdächtige, aber es liegt auf der Hand, dass viele Werbekunden ihre Marketingetats drastisch gekürzt haben. Und da gibt es einfach einige Magazine, die zu den Pflichtbuchungen gehören. Wie der „Spiegel“ oder „Neon“. Aber „Kann“-Titel wie „Galore“, bei denen man erst überlegt, ob man noch Geld für eine Anzeige ausgeben will, werden ziemlich schnell aus den Listen der Anzeigenkunden gestrichen. Für so einen kleinen Verlag, wie wir es sind, war dann einfach irgendwann der Punkt erreicht, wo wir sagen mussten: „Es geht nicht mehr.“

Wie geht es jetzt weiter?
Galore zieht um ins Internet, das Magazin wird eingestellt. Ich persönlich werde den Umzug nicht mitmachen, weil ich mir überlegt habe, selbst etwas Neues zu beginnen. Ich sehe mich auch eher als Printjournalist. Von dem Ursprungsteam – es waren ja ursprünglich mal sechs Redakteure – wird ja jetzt Sascha Krüger, der auch eines der Gründungsmitglieder war, „Galore“ im Netz als Portal betreuen.

Portal bedeutet „Community“ und User generated Content?
Nein. Es bedeutet vor allem, dass das Archiv geöffnet wird. Alle bislang für Galore geführten Interviews (Anm. der Redaktion: Seit Beginn 2003 insgesamt 900 Interviews) werden alle gratis zu lesen sein. Zudem wird es pro Tag ein neues Interview geben, das dem User per Newsletter vorgeschlagen wird. Eine Community wird es aber vorerst nicht geben. Der Gedanke des Heftes „Wir bringen gute, große Interviews“ soll auch im Netz weiterleben. Und das erst einmal ohne eine Gemeinschaft wie Facebook.

Jeden Tag ein neues Interview. Das bedeutet mehr Arbeit für weniger Werbeerlöse, oder?
Nicht unbedingt. Das ist ein ganz anderer Kostenapparat. Die Produktion eines Magazins besteht ja nicht nur aus dem Schreiben von Texten. Es sind einfach horrende Kosten, ein Magazin zu drucken und es in die Läden zu bringen, die Online-Magazine einfach nicht haben. Eine Geschichte für`s Web hat es da einfacher. Die bekommst Du von einem Journalisten, redigierst sie und stellst sie ins Netz. Aber wie gesagt: Ich verstehe mich viel mehr als Printjournalist, weil ich die Stärken eines gedruckten Texts vorziehe und deswegen diesen nächsten Schritt nicht mitgehe.

Wie geht es für Sie weiter?
Ich werde mich aller Wahrscheinlichkeit nach erst einmal vom Blattmachen zurückziehen und an längeren Projekten arbeiten. Es wird ein Buch geben, an dem ich gerade arbeite. Ich werde mich als Referent betätigen und versuchen, meine Erfahrungen weiterzugeben. Sicherlich werde ich auch wieder als Autor bei anderen Magazinen in Erscheinung treten. Und dann schauen wir einmal, was sich für mich in den nächsten Wochen und Monaten ergibt. Weil ich auch vor „Galore“ freier Journalist war, passt mir das ganz gut in den Kram.

Das feste Team um „Galore“ wird es bald nicht mehr geben. Wer bleibt übrig?
Erstmal bin ich froh, dass es bei uns keinen Streit, wie beispielsweise bei „Vanity Fair“, gab. Wo der Verleger sagt: „Das war`s. Ihr geht nach Hause und viel Erfolg noch.“ Wir haben mit unserem Verleger sehr intensiv den Prozess des Einstellens begleitet. Es war also keine Überraschung. Deswegen glaube ich, dass die Mitarbeiter, die auch vorher für uns tätig waren, auch weiterhin online in Erscheinung treten werden. Also auch Patrick Großmann und Jörg Staude, die fest für uns gearbeitet haben. Trotzdem wird Sacha Krüger erst einmal der Einzige sein, der mit dem Marketing von „Galore“ und dem Aufbau des Portals beschäftigt ist.

Online-Medien wird nach wie vor Glaubwürdigkeit abgesprochen. Wird es genauso einfach sein, große Namen für Galore.de zu gewinnen?
Das wäre wirklich unrealistisch. Wir haben bei „Galore“ natürlich immer die Eitelkeit der großen Namen betrieben. Wir fragen ein Interview an mit Prominenten, und die Leute wussten, dass sie eine Acht- bis Neun-Seiten-Geschichte und tolle Fotos bekommen. Das war die Stärke von „Galore“. Es ist, glaube ich, unrealistisch zu denken, dass das auch im Netz funktioniert. Das Zusammenspiel von Bildern und Texten ist bei Printprodukten einfach ein anderes. Die meisten Verkäufe hatten wir ja auch im Buchhandel und nicht am Kiosk. Also an Orten, wo Leute etwas zu lesen gekauft haben. Wir waren ein Lesemagazin. Im Netz ist das eine andere Geschichte. Da werden sich jetzt die Kollegen eher auf außergewöhnliche Geschichten konzentrieren müssen. Die Chance, dass man mal eben mit Herrn Genscher spricht, wird sich in der kurzen Zeit nicht ergeben.

Als Chefredakteur eines Interview-Magazins: Mit wem würden Sie ein Interview führen wollen?
Gerne – und zwar mit viel Zeit – Peer Steinbrück. Weil ich glaube, dass er hinter all dem Krisenmanagement eine Art Generalplan hat, den ich gern aufdecken würde.

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