„Unendlich viel Schwachsinn im Web“

Er gilt als Verfechter deutscher Sprache und gefürchteter Kritiker. Seit über 60 Jahren arbeitet Wolf Schneider als Journalist, leitete die Henri-Nannen-Schule und veröffentlichte 22 Bücher. Jetzt kämpft er unter dem Titel "Speak Schneider!" gegen den Verfall deutschen Sprachguts. Im MEEDIA-Interview spricht er über seinen Vorstoß ins Web-TV, die Blogosphäre, die Kürzung der ersten Folge und Twitter aus der Sicht eines PC-Verweigerers: "Ich habe keine Ahnung, wie ein Computer funktioniert."

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Herr Schneider, Sie haben bekennenderweise nicht so viel mit dem Internet zu tun. Wie kam es also, dass Sie viele Jahre nach der NDR-Talkshow mit „Speak Schneider!“ den Vorstoß ins Web-TV wagen?

Das war nicht meine Initiative, sondern die von vier Schülern der Henri-Nannen-Schule, an der ich nach wie vor vier Tage pro Jahrgang unterrichte. Die fanden offenbar, dass ich was zu sagen hätte, und haben alles eingefädelt, haben Sueddeutsche.de als Adresse gesucht, haben die Filmaufnahmen gemacht, mich reingestellt und so weiter. Ich habe mich passiv verhalten, aber hoch erfreut, dass ich auf meine alten Tage in diesem neuen Medium vertreten sein kann.

Verstehen Sie sich denn jetzt auch als Blogger?

(lacht) Das Wort Blogger ist für mich zu einem erheblichen Teil negativ besetzt. Es wird ja neben einigen gescheiten Dingen unendlich viel Schwachsinn produziert. Deswegen find ich es jetzt nicht wichtig, mich da einzuordnen.

Einige Ihrer Journalistenkollegen, darunter Matthias Mattusek und Jens Jessen, sind mit ihren Videokolumen auch im Netz vertreten. Haben sie sich schon bei Ihnen gemeldet?

Nein.

Ihr Video-Team versicherte mir, dass sie noch mit keiner Person zusammengearbeitet hätten, die so akkurat auf drei Minuten genau sprechen könnte. Bei sueddeutsche.de war allerdings nur eine Minute „Speak Schneider“ zu sehen. Warum?

Das wurde sehr ärgerlich gekürzt. Ursprünglich war das eine Dreiminutenaufnahme. Ohne dass ich gefragt worden bin, haben Sie das dann zusammengeschnitten. Ich hörte jetzt von Herrn Jakobs (Anm. der Redaktion: Hans-Jürgen Jakobs ist Chefredakteur von sueddeutsche.de), das sei aufgrund technischer Mängel geschehen. Die Aufnahmen, die sie selbst gemacht hätten, seien zum Teil technisch nicht gut genug gewesen. Das mag wohl sein, aber bei einem so diffizilen Thema von drei Minuten auf eine gekürzt zu werden, war kein erfreulicher Akt. Ich habe mir das für die Zukunft verbeten, und es wird auch nicht mehr geschehen. Immerhin sind ja auch schon drei weitere Aufzeichnungen gemacht worden.

Können Sie sagen, worum es in den nächsten Folgen gehen wird?

Eine beginnt mit „Liebe Deutschlehrer“ und richtet sich an eben jene Lehrer, die zwar Grammatik wunderbar unterrichten, aber in ihrem Unterricht, gemessen an den Journalistenschülern, mit denen ich zu tun habe und die ein Produkt dieses Deutschunterrichts sind, überhaupt nichts für ein lebendiges, verständliches, gut lesbares Deutsch tun. Dazu steht auch nichts in den Richtlinien des bayrischen Kultusministeriums. Der Deutschunterricht ist weiterhin auf deutsche Hochsprache und Grammatik ausgerichtet. Soll ja alles so sein, aber dann beginnt die Arbeit.

Beinahe jeder Journalist hat eines Ihrer Bücher in seinem Regal stehen. An wen richtet sich nun Ihre Videokolumne?

Das weiß ich nicht. Ich habe ein Forum gefunden, vor dem ich meine Meinung hoffentlich zum Nutzen der deutschen Sprache verbreiten kann. Wer das nutzt, weiß ich nicht. Das Echo in den Pressediensten und Twitter war ganz lebhaft.

Sie benutzen also Twitter selbst?

Meine Frau stöpselt mich ein in die elektronische Welt. Sie holt mir alles heran, was ich möchte. Ich habe keine Ahnung, wie ein Computer funktioniert.

Sie sind dafür bekannt, am laufenden Band Bücher zu publizieren. Schreiben Sie gerade eines?

Im Augenblick nicht.

Jetzt also erstmal Web-TV?

Genau.

Sie waren viele Jahre im Hause Gruner+Jahr vertreten und haben die Henri-Nannen-Schule lange Jahre geleitet. Da verwundert es, dass Ihr Video-Blog nicht auf stern.de läuft. Wissen Sie Näheres?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nicht, ob das Video-Team es nicht versucht hat oder ob sie es versucht haben und abgeblitzt sind. Keine Ahnung. Ich habe mich einfach gefreut, dass diese jungen Leute eine solche Initiative ergreifen. Ende.

Sie sind ja einer, wenn nicht sogar der Verfechter der deutschen Sprache. Warum dann „Speak Schneider“?

Mein letzter Bestseller hieß „Speak German“. Das war eine kleine, witzig gemeinte Eigenmächtigkeit des Rowohlt-Verlages, eine Warnung vor törichten Anglizismen auf diese Weise zu bewerben. Das Buch hat sich sehr gut verkauft und war elf Wochen auf der Bestsellerliste des Spiegel. Da hat sich das Team gedacht: An diesen Grad von Popularität hängen wir uns dran. Im Grunde ein Sprachwitz, gegen den ich nichts einzuwenden hatte.

Arbeiten Sie aktuell noch an anderen Projekten?

Ich halte am Samstag einen Vortrag auf dem Süddeutschen Journalistentag über die idiotische Berichterstattung über die Schweinegrippe und andere Fallstricke des Journalismus. Ich habe eine Kolumne in der Neuen Zürcher Zeitung, und Ende Mai gebe ich wieder ein Seminar mit 20 Öffentlichkeitsarbeitern, von denen ich fünf oder sechs im Jahr mache. Es ist also immer etwas zu tun.

Interview: Felix Disselhoff

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