„Cut“ will Burdas Modemagazine beerben

Die Globalisierung hat einen Trend losgetreten, die Wirtschaftskrise verstärkt ihn noch: das Selbermachen, auch "Do it Yourself" (DIY), hat an Attraktivität gewonnen. Überall im Web findet man Seiten, die den Selfmade-Lifestyle propagieren, etwa Etsy oder das Holtzbrinck-Investment Dawanda. Jetzt schwappt die Welle aus dem Netz in die Offline-Welt und erhält mit "Cut" das erste Magazin für die neue Bastler-Generation. Ob Aenne Burda, die Mutter aller Schnittbögen, ihren Spaß an "Cut" gehabt hätte?

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„Cut“ ist dick und schwer wie die Modebibel „Vogue“, hat ansonsten aber nicht viel mit dem Hochglanztitel gemein. Wo sich in „Vogue“ halbnackte Models räkeln, bleibt der Stoff bei „Cut“ am Leib, oder besser: auf dem Schneidetisch. Denn darum geht es im ganzen Heft, ums Schneidern, Nähen, Stricken, Ketteln. „Leute machen Kleider“ ist denn auch der charmante Untertitel des Magazins. Und Barack Obamas Wahlspruch „Yes, we can!“ wird in ein lässiges „Yes, we cut!“ umgewandelt.

Neben Schnittmustern plus detaillierter Anleitungen für verschiedene Teile (Tasche, Schal und Kleid) finden sich in dem Heft nützliche Tipps für DIY-Begeisterte. Wo kauft man was, wie näht man einen Knopf an und wer hat eigentlich die besten Ideen?

Gegründet wurde „Cut“ von der Münchner Grafikerin Lucie Schmidt. Das DIY-Magazin kommt genau zur richtigen Zeit: laut Schmidt sind die Möglichkeiten der digitalen Welt mittlerweile ausgereizt. „Alles bewegt sich auf einem solchen Perfektionsgrad, dass man da gar nicht mehr mithalten kann. Und das ist der Grund, warum wir Dinge wieder mit der Hand machen. Das sieht zwar nicht perfekt aus, hat aber seinen eigenen Reiz und ist für Leute unserer Generation auch etwas Neues.“

Passend dazu werden die DIY-Ideen und Anleitungen von Modestrecken und Designer-Interviews umrahmt. Dass Leute, die Kleider machen, auch über andere Leute, die Kleider machen, informiert sein wollen, ist verständlich. Unverständlich sind hingegen Kategorien wie „Fäden-Ziehen“ (eine Tasche wird auseinandergenommen), „Star-Schnitte“ (was basteln Stars?), „Jugend-Stil“ (was hatte man in seiner Jugend an?) oder „Leute in Kleidern“, in denen „Szenepersonen“ ihren Lieblingsklamotten und Stylesünden zeigen. Sie wirken bemüht und rauben schlichtweg Platz für weitere Do-it-yourself-Tipps.

Vor allem das hochwertige Layout des 170-Seiten-umfassenden Magazins kann dagegen überzeugen. Mit seinem extrem dicken Papier, der collagenartige Bildgestaltung, den vielen Nadeln, Fäden und Knöpfen, die sich durch das Heft ziehen, und dem ideenreichen Aufbau des Magazins wirkt „Cut“ wie ein Kleinod in der Kioskauslage. Die Detailversessenheit der Grafikerin Schmidt und ihrer Mitstreiterinnen Anja Keller, Hanna Bruns, Gabriela Neeb und Marta Olesniewicz macht „Cut“ zu einem – durchaus praktischen – Liebhaberstück. Die Kombination dürfte den Lesern gefallen.

Die erste „Cut“ erschien schon im März. Finanziert wurde die Erstausgabe von Schmidts Chef Horst Moser, in dessen Verlag Independent Medien-Design das Magazin auch erscheint. Der Erfolg scheint Mosers Wagemut, ein so ambitioniertes Objekt auf den Markt zu bringen, Recht zu geben: Schon nach wenigen Tagen war die 20.000 Exemplare starke Erstauflage des Magazins ausverkauft. Jetzt hat der Verlag nachgedruckt – und ist ob der riesigen Nachfrage selbst ein wenig erstaunt. Sogar aus dem australischen Zeitschriften-Shoppingparadies „Mag Nation“ kam eine Anfrage, wann es denn die erste englischsprachige Ausgabe von „Cut“ geben würde.

Und Aenne Burda? Eines steht fest: Ärgern würde sie sich über den neuen Titel nicht. Im Burda-Verlag hat man nämlich schon etwas ganz ähnliches entwickelt: BurdaStyle.com bedient die amerikanische DIY-Szene mit Schnittmustern, Anleitungen und anderen Kreativ-Ideen. Überaus erfolgreich.

„Cut“ kostet 7 € und erscheint ab September vierteljährlich
Cut-magazine.com

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