Lohndumping beim ‚Nordkurier‘: Freie in Not

„Kieler Nachrichten“, „Schwäbische Zeitung“, „Augsburger Allgemeine“ – drei traditionsreiche Medienhäuser, die eins gemeinsam haben: Zu je einem Drittel sind sie seit den Wendejahren Gesellschafter beim „Nordkurier“ in Neubrandenburg. Was dort jetzt passiert, müsste eigentlich allen Redakteuren der drei Zeitungshäuser in Alarmstimmung versetzen. Durch eine Online-Börse für Freie Mitarbeiter betreibt das Ost-Blatt unter Geschäftsführer Lutz Schumacher eine skrurrile Auftragsvergabe.

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„Kieler Nachrichten“, „Schwäbische Zeitung“, „Augsburger Allgemeine“ – drei traditionsreiche Medienhäuser, die eins gemeinsam haben: Zu je einem Drittel sind sie seit den Wendejahren Gesellschafter beim „Nordkurier“ in Neubrandenburg. Was dort jetzt passiert, müsste eigentlich allen Redakteuren der drei Zeitungshäuser in Alarmstimmung versetzen. Durch eine Online-Börse für Freie Mitarbeiter betreibt das Ost-Blatt unter Geschäftsführer Lutz Schumacher ein beispielloses Lohndumping.

Die neue Rahmenvereinbarung, die sowohl für Schreiber wie auch für Fotografen zwingend ist, sieht vor, dass Aufträge generell über die Verlags-Website Nordost-Mediahouse abgewickelt werden. Geschäftsführer Lutz Schumacher sagte der „SZ“, er halte dies für ein „zeitgemäßes Modell“ der Organisation journalistischer Arbeit. Gewerkschaftsvertreter hingegen befürchten die „Vernichtung eines ganzen Berufsstands“, sollten andere Verlage dem Beispiel folgen.
Schumacher ist ein Medienmann fürs Grobe. Er war bis vor eineinhalb Jahr Manager der „Münsterschen Zeitung“ und machte dort durch die von Verleger Lambert Lensing-Wolff verfügte fristlose Freisetzung der kompletten Lokalredaktion Schlagzeilen. Lensing-Wolff hatte auch bereits die Idee, Aufträge im Intranet des Verlags auszuschreiben, um den Preiskampf unter den Autoren zu fördern.
Tatsächlich zeigt das Beispiel „Nordkurier“ die erschreckende Situation bei regionalen Titeln, umso erschreckender, je größer das Verbreitungsgebiet ist. Um die paar redaktionellen Seiten zu füllen, die nach etlichen Sparrunden für die einzelnen Gebiete übrig geblieben sind, wird immer häufiger und gezielter auf Freie Mitarbeiter zurückgegriffen. Angeblich 2000 sind es beim „Nordkurier“. Diese sind im besten Fall (für den Leser) zuvor vom selben Titel entlassene Festangestellte, die immerhin eine journalistische Ausbildung und Routine mitbringen. Aber tatsächlich finden sich auch viele „Autoren“, die weder das Rüstzeug noch die gebotene Objektivität mitbringen: Bei vielen Regionaltiteln ist es Usus, dass z.B. der Schriftführer eines Vereins oder der Sprecher einer Partei den Job des Lokaljournalisten gleich miterledigt.
„Nordkurier“-Geschäftsführer Schumacher räumt gegenüber der „SZ“ unumwunden ein, dass die Masse seiner Freien aus „Schülern, Hausfrauen und pensionierten Lehrern“ besteht. Diese habe oft gar keine Wahl, als die paar Cent Zeilenhonorar zu akzeptieren, die der Verlag ihnen bietet. Im Zweifel bietet der Wettbewerber genau so mickrige Beträge, häufig gibt es den nicht mal, sondern ein Zeitungsmonopol. Ich habe Fälle erlebt, in denen an Freie, die zumindest teilweise ihren Lebensunterhalt mit Zeitungshonoraren bestritten, pro Zeile sieben Cent gezahlt wurde. Macht bei einem 100 Manuskriptzeilen langen Text sieben Euro. Dafür werden dann gleichzeitig alle Rechte am Erzeugnis an den Verlag abgetreten, das Gleiche gilt für Fotos, die seit dem Aufkommen der Digitaltechnik zumeist nur noch einstellige Honorare gewährleisten. In ländlichen Gebieten entsteht durch diese Entwicklung ein Medien-Proletariat, das mit Honorar-Einkommen plus Rente, Mini-Job oder auch Hartz IV über die Runden kommen muss.
Schon damals fragte ich mich, mit welchem Recht ein Verlag, der sein Produkt im Abo teuer verkauft (beim „Nordkurier“ liegt der Copypreis bei 1 Euro, samstags 1,30 €) derartige Hungerlöhne an Mitarbeiter zahlt, von denen ein hoher Bildungsstand und eine qualifizierte Arbeit erwartet wird. Die Wahrheit scheint: Niemand erwartet eine qualifizierte Leistung.
Die Textqualität vieler Lokalteile ist konsequent unterirdisch, weil es vor Ort an allem fehlt. Freie arbeiten gleichzeitig für „Qualitätstitel“ und Anzeigenblättchen desselben Verlages. Redaktionelle Seiten werden mit PR-Inhalten aufgefüllt, optisch oft kaum von den Artikeln getrennt. Die Homepages der Zeitungen sind oft technisch und optisch auf dem Stand der 90er Jahre – ein Fall für die Abwrackprämie. Aber die Verlagshäuser haben vor allem in Monopolgebieten gelernt, dass Abonennten im Gros hinnehmen, was sie ihnen täglich auftischen.
Doch im Internet-Zeitalter wird dies zu einem gefährlichen Spiel. Neben der bundesweit zu beobachtenden Auflagen-Erosion wird das Web auch in ländlichen Gebieten und auch bei älteren Zielgruppen immer mehr zur Informationsquelle. Wenn hier ein kritischer Punkt überschritten wird, geht es für die Regionalblätter irgendwann rasant bergab. Investitionen in die Qualität wären also auch hier eine Investion in die Zukunft und Überlebensfähigkeit. Ein Umdenkprozess bei den Verlagschefs werden aber am Ende weder die Freien Mitarbeiter noch die Gewerkschaften bewirken – sondern nur das Votum der Abbesteller bei den Abonennten.
Nachtrag, 8. Mai: Inzwischen hat „Nordkurier“-Geschäftsführer Lutz Schumacher via Mediendienst Turi2 erklärt, dass nicht der billigste Anbieter den Zuschlag erhalte, sondern dass eine Honorarordnung mit „Fallpauschalen“ ab 10 Euro ausschlaggebend für die Vergütung sei. Eine Veröffentlichung dieser Lohntabelle wäre indes interessant; inklusive der Leistungen (Fahrgeld, Fotoausrüstung, Bewirtungen etc.), die vom Freien zu erbringen sind. Ich glaube kaum, dass sich die Aufregung danach legen würde.
Nachtrag, 9. Mai: „Nordkurier“-Geschäftsführer Lutz Schumacher erklärte in einer Mail an MEEDIA: Die Auftragsbörse dient ausschließlich der Themen- und Terminfrage. Die freien MitarbeterInnen geben hierüber keine Honorarangebote ab. Dies war und ist nicht vorgesehen. Die Abrechnung erfolgt nach der Honorarordnung des Kurierverlags. Diese Honorarordnung war bereits vor Einführung der Auftragsbörse in Kraft.

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