Wozu Zeitung? Das starke „SZ-Magazin“

Mutig: Ein möglicherweise Todgeweihter sinniert über sein eigenes Ableben. Zu beobachten ist dieser Diskurs im neuen SZ-Magazin. Die gesamte Ausgabe beschäftigt sich mit der Frage: "Wozu Zeitungen?". In 27 Texten, von A bis Z (inklusive Kolumne ÄÖÜ), will das Heft die "Lage des gedruckten Journalismus" ausloten. Zugleich will die "Süddeutsche" jedoch auch wissen, was die Leser denken und stellte die gesamte Ausgabe online, inklusive der Bitte, möglichst rege mitzudiskutieren.

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Der Heft-Inhalt bewegt sich zwischen A wie „Auflage“ und Z wie „Zwanzigjährige“. Grundthese der 34 Seiten: „Das Internet macht Druck, die Auflagen schwanken, die Einnahmen sinken: Die klassischen Medien müssen sich der größten Sinnkrise ihrer Geschichte stellen.“ Der Redaktion war es diesmal besonders wichtig darauf hinzuweisen, dass das SZ-Magazin „keine einfachen Rezepte und Antworten liefert, sondern versucht, die richtigen Fragen zu stellen.“

Der Ausgabe gelingt tatsächlich ein ausgewogener Mix aus Online-Skeptikern und Web-Enthusiasten. So finden sich Netz-Kritischen Stücke wie „Fakten„. Dort heißt es: „Der wichtigste Rohstoff der Journalismus wird knapp. Denn inzwischen hat jeder eine Meinung – gedeckt oder ungedeckt.“ Weiteres Beispiel gibt es unter V wie „Vierte Gewalt“ oder I wie „Indien„: „In den USA überlassen die ersten Publikationen die Berichterstattung aus Kostengründen indischen Schreibbüros. Aber lässt sich journalistischen Arbeit wirklich auslagern?“

Für Pro-Internet stehen Texte wie zwei Interviews mit dem US-Journalistik-Professor Jeff Javis („Was würde Google tun“) und dem Chefredakteurs des „Christian Science Monitor“, John Yemma. Seit Ende März wird die wichtigste christliche US-Zeitung Werktags nicht mehr gedruckt, sondern erscheint nur noch im Internet. Yammer ist von der neuen Arbeitsweise angetan.
Einen peinlichen Ausrutscher leistete sich das Heft jedoch auch. Unter B Wie „Blogs“ veröffentlicht das SZ-Magazin einen Text von Felix Salmon von Portfolio.com. Überschrift: „Zehn Gründe, warum Blogs in Deutschland nicht funktionieren“. Der gesamte Artikel besteht vorwiegend aus dumpfen Vorurteilen. Auch wird nicht klar, warum sich gerade der US-Amerikaner Salmon über die deutsche Blogosphäre äußern sollte.

Stefan Niggemeier fand dazu noch heraus: Der Text stammt von Reuters und hieß nicht „warum Blogs in Deutschland nicht funktionieren”, sondern warum es keine deutschen Wirtschaftsblogger (”econobloggers”) gibt.

SZ-Autor Georg Diez analysiert dagegen treffend: „Es geht aber nicht darum, ob sich Zeitungen und Magazine im Angesicht ihres Endes verändern müssen – es geht nur darum, wie sie sich verändern und wie schnell sie das tun.“ Ein wunderbarer Schlusssatz. Dumm nur, dass er gleich im ersten Heft-Artikel „Auflage“ steckt.

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