Wenig Kohle, viele Preise, zu viel Jarvis

Eine preisintensive Medien-Woche geht zu Ende. Axel Springer verlieh den Preis für junge Journalisten in einer Anarcho-Online-Zeremonie, G+J und „stern“ verleihen den Henri Nannen Preis offline im Hamburger Schauspielhaus und mancher ärgert sich, Bauer kündigt an, Peter Maffay die Goldene Feder an den Hut zu stecken und keinen juckt‘s. Und sonst: Boris macht Web.TV, Jeff Jarvis balanciert dicht am Hype vorbei. Und wir haben einen Vorschlag für das nächste Buch von „Nordkurier“-Chef Lutz Schumacher.

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Die Axel Springer AG spart zwar an Geld aber nicht an großen Worten. So wurde die aus Kostengründen abgesagte Veranstaltung zur Verleihung des Axel Springer Preises für junge Journalisten groß als Online-Premiere angekündigt. Dabei versagte dann zunächst die Technik. Man hatte bei Springer wohl zu kleine Server angemietet und in der Chatbox herrschte Springer-untypisch anarchisches Geschnatter. Die mächtige Axel Springer AG – sympathisch unperfekt.

Im Vorfeld der Verleihung des Henri Nannen Preises schnatterte es diesmal besonders vernehmlich in den Fluren der „stern“-Redaktion. Grund: Die „stern“-Enthüllung des Lidl-Überwachungskandals war nicht nominiert. Der Versuch der Vorjury, die Hauptjury zur Nachnominierung zu bringen, scheiterte. So wird wohl der „Spiegel“ den Preis in der Kategorie „Investigativer Journalismus“ mit nach Hause nehmen können.

Jedes Medienhaus hat ja so seine eigenen Preisverleihungen. Der Bauer Verlag, pardon, die Bauer Media Group verleiht am 14. Mai ihre Goldene Feder. Eine Auszeichnung, die eher Prominenten zuteil wird, die derlei Lametta-Behang im Regelfall stoischer entgegenzunehmen pflegen als Journalisten. Darum ist bei der Zeremonie am 14. Mai auch mit keinen Eklats zurechnen. Die Goldene Feder dürfen sich in diesem Jahr u.a. der praktizierende Humorist Dr. Eckhart von Hirschhausen und Karpaten-Rocker Peter Maffay an den Hut stecken.

Vom Preisverleihungsmarathon zum Kongress-Dauerlauf. Jeff Jarvis hielt die Eröffnungsrede auf der Next 09 in Hamburg. Aber war er nicht gerade auf der re:publica in Berlin? Ach nee, auf dem DLD in München! Stimmt. Da hat er ja sein Buch „What would Google do?“ vorgestellt. Rechtzeitig zu seinem Hamburger Auftritt lag das Druckwerk dann auch auf Deutsch vor. Nächster Auftritt selber Inhalt und eine Flut an Interviews mit den immergleichen Thesen. Hätte Medienberater Jarvis einen Personality-Berater, würde der dem Vielgefragten womöglich mal dazu raten das Wort „Hype“ bei Google einzugeben und zu schauen, was dabei herauskommt.

Einer für den der Hype kein Problem sondern Bestandteil des Konzepts ist, ist Boris Becker. Er sorgte in dieser Woche mit dem Start seines privaten Web-Fernsehsenders Boris-Becker.TV für Aufsehen. Auch wenn man „Bobbele“ als Tennisspieler sympathischer finden konnte, statt als Hype-aktiver Selbstvermarkter, der er heute ist, kann man ihm eine gewisse Geschäftstüchtigkeit nicht absprechen. Selbst wenn sich alles in einem sträubt – die Clips auf seiner Website haben einen schrägen Unterhaltungswert. So genannter Premium-Content, den Medienhäuser wie Springer, Bauer oder Burda gewiss gerne selbst gehabt hätten, auch wenn sie es nicht zugeben. Dass der Boris seinen Self-Content jetzt lieber gleich selbst vertreibt, sollte in der Glitzerpresse für einiges Kopfkratzen sorgen.

Als Autor seiner Bahn-Hass-Bücher „Senk ju for Träwelling“ erhielt Lutz Schumacher viel Applaus. Als Medienmanager ist er selbst Objekt des Hasses. Bei der „Münsterschen Zeitung“ orchestrierte er den Rauswurf einer kompletten Redaktion zu Gunsten williger Jung-Schreiber. Jetzt zog er sich den Unmut der Branche zu, weil er angeblich eine Art MyHammer.de für Lokaljournalisten einführen wolle. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete, der „Nordkurier“ schreibe seine Artikel- und Foto-Aufträge „in einer Art Online-Börse“ aus. Der großen Aufregung folgte das Dementi. War alles nicht so gemeint, ließ Schumacher über den Branchendienst turi2 mitteilen, der aus der Geschichte gleich eine „Ebay-ähnliche Plattform“ gemacht hatte. In Wahrheit werde beim „Nordkurier“ das Honorar vorher festgesetzt, teilte Schumacher mit. Was will man bei den Zeilen-Honoraren einer Regional- oder Lokalzeitung auch schon groß runterhandeln? Zumal wenn das Gros der freien Mitarbeiter, wie Schumacher der „SZ“ sagte, aus „Schülern, Hausfrauen und pensionierten Lehrern“ besteht. Vorschlag für Schumachers nächstes Buch: „Senk ju for reiting for lausy Pennies.“

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