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Zoff in der Henri-Nannen-Jury

Wenn am Freitag im feinen Hamburger Schauspielhaus der Henri Nannen Preis verliehen wird, werden einige im Saal mit geballter Faust in der Tasche sitzen, wenn es an die Verleihung des Preises für investigativen Journalismus geht. Der Ärger um die Nicht-Nominierung der Lidl-Enthüllungen des „stern“ ist immer noch nicht verraucht. Kurz vor der Verleihung versuchte die Vorjury, eine Nachnominierung der Geschichte zu erreichen – vergeblich. Innerhalb der Jury gab es wegen der „stern“-Story einigen Zoff.

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In der Haupt-Jury des Preises sitzen unter anderem „stern“-Chefredakteur Andreas Petzold, „Geo“-Chef Peter-Matthias Gaede, „Focus“-Mann Helmut Markwort, „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher, „SZ“-Chefredakteur Hans Werner Kilz, „WAZ“-Boss Ulrich Reitz, Cordt Schnibben vom „Spiegel“, Gabriele Fischer von „brandeins“ und Elke Heidenreich. Innerhalb der Jury soll es zu deutlichen Meinungsverschiedenheiten bezüglich einer Nominierung der „stern“-Geschichte gekommen sein. Kaum verwunderlich. Die Vorjury hatte die Lidl-Story sogar auf Platz eins ihres Rankings positioniert, die nominierte Enthüllung des „Telekom“-Datenskandals durch den „Spiegel“ auf Platz zwei.

Als die tatsächlichen Nominierungen bekannt gegeben wurden und die Lidl-Geschichte des „stern“ fehlte, trauten die Mitglieder der Vorjury ihren Augen nicht. „Es ist für uns unbegreiflich, dass die Lidl-Stasi nicht nominiert worden ist. Es ist nach unserer einhelligen Meinung die beste Enthüllungsgeschichte des vergangenen Jahres gewesen, der Auftakt zu allen folgenden Datenschutz-Skandalen“, schrieb Vorjury-Mitglied Michael Seufert an „stern“-Autor Peter Sandmeyer, der auch als Sekretär der Nannen-Jury arbeitet. Die Vorjuroren der Kategorie „investigativer Journalismus“ forderten, die Lidl-Geschichte nachzunominieren.

„Eigentlich wollten wir es ja grundsätzlich immer bei drei Nominierungen belassen, aber der Fall Lidl scheint nun doch größere Kreise zu ziehen. Deswegen sollten sich die Juroren den Vorschlag von Michael Seufert, Karl Günther Barth und Kuno Haberbusch doch noch einmal überlegen“, schrieb Sandmeyer in einer E-Mail an die Hauptjury. Dem Protest von Seufert, Haberbusch und Barth hatten sich inzwischen 15 der 18 Vorjuroren angeschlossen, fast die komplette Vorjury des Nannen-Preises.

Während zum Beispiel Giovanni di Lorenzo von der Idee einer Nachnominierung angetan sein soll, waren andere Jury-Mitglieder weniger begeistert. „Ich finde den Ton Ihrer Mail ungut und ein bisschen pompös“, kam es von „Geo“- und Haupt-Juror Peter-Matthias Gaede in Richtung Vorjuror Seufert zurück. Gaede argumentierte wortreich, dass auch andere tolle Beiträge, zum Beispiel eine „Geo“-Fotoreportage über erzwungene Kinderehen nicht nominiert seien, verbunden mit der Bitte „nicht weinerlich“ zu werden.

Gaede weiter: „Wenn ich nicht irre, sind die Lidl-Autoren als Journalisten des Jahres vom ,Medium Magazin‘ ausgezeichnet worden, haben einen Prometheus-Preis erhalten – und werden es überleben, nicht noch mit einem dritten großen Preis bedacht zu werden.“ Eine Argumentation, die in Teilen der „stern“-Redaktion als unsachlich und unfair empfunden wurde. Gaede selbst betonte mehrfach, in der Jury für die Lidl-Geschichte gestimmt zu haben. Über eine „Wiederaufnahme des Verfahrens“ sollten seiner Meinung nach jene befinden, die gegen die Geschichte waren.

In der entscheidenden Sitzung hat die Haupt-Jury die „Wiederaufnahme des Verfahrens“ dann sehr knapp abgelehnt und damit ihre Unabhängigkeit nachdrücklich bewiesen. Über die Motivation der einzelnen Jury-Mitglieder für oder gegen eine Geschichte zu stimmen, kann man nur spekulieren. Dass die Enthüllung der Mitarbeiter-Überwachung bei Lidl durch den „stern“ auf der Nominierung für investigativen Journalismus mehr als würdig gewesen wäre, dürfte indes niemand ernsthaft bestreiten. Bei der Vergabe-Politik von Medienpreisen ist es eben nicht anders als in der großen Politik: Mehrheitsentscheidungen sind keine Garantie für ein optimales Ergebnis.

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