Videoblog: Onkel Wolf & der Gähn-Faktor

Wolf Schneider geht unter die Video-Blogger. Schon dieser Satz ist eigentlich ein Affront für den Sprach-Papst des deutschen Journalismus, der Anglizismen stets geißelte. Mit 83 Jahren startete er jetzt eine bewegte Kolumne auf Sueddeutsche.de – unter dem wohl ironisch zu verstehenden Titel „Speak Schneider!“ Leider fehlt es an eben solcher Feinsinnigkeit, wenn der Lehrmeister im Premierenstück Altbekanntes zu seinem Lieblingsthema herunterleiert: „Warum sprachlicher Feminismus lächerlich ist.“

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Wolf Schneider geht unter die Video-Blogger. Schon dieser Satz ist eigentlich ein Affront für den Sprach-Papst des deutschen Journalismus, der Anglizismen stets geißelte. Mit 83 Jahren startete er jetzt eine bewegte Kolumne auf Sueddeutsche.de – unter dem wohl ironisch zu verstehenden Titel „Speak Schneider!“ Leider fehlt es an eben solcher Feinsinnigkeit, wenn der Lehrmeister im Premierenstück Altbekanntes zu seinem Lieblingsthema herunterleiert: „Warum sprachlicher Feminismus lächerlich ist.“
Barocke Kammermusik mutmaßlich von Vivaldi ertönt, es erscheint eingerahmt von Bücherregalen Wolf Schneider, Zeitung lesend und im grauen Anzug mit eng geknoteter Krawatte, die ihm kaum Luft zum Atmen zu lassen scheint. Vielleicht redet er deshalb so schnell. Das Thema: nicht wirklich neu. Der Feminismus und die deutsche Sprache, da war doch was. „Das Problem ist“, hebt Schneider an, „die Frauen sind in der deutschen Sprache benachteiligt.“ Das liege daran, dass „unsere Ahnen sich angewöhnt haben, sie nur so mitlaufen zu lassen.“ Und das ist auch gut so … immerhin das sagt Schneider nicht. Aber er nimmt den Zustand als unabänderlich gegeben hin.
Ganz sicher ist es nicht seine Schuld, dass unsere Sprache die Geschlechter grob unsymmetrisch abbildet. Aber muss man sich deshalb über alle Versuche, hieran etwas zu ändern, gleich lustig machen?
Wie bei fast jedem, der in den letzten Jahrzehnten eine journalistische Ausbildung durchlaufen hat, gehörte auch bei mir „Deutsch für Profis“ zur Pflichtlektüre. Schon damals störte mich Schneiders Hang, seine Sicht der Dinge zur Doktrin zu machen. Er erschien mir als Sprachlehrer damals wie ein Kompaniefeldwebel, der die Rekruten in den Redaktionen mit Direktiven schleift. Das Primat des Regelhaften gegenüber dem Relevanten: Form first. Etwas inhaltlich Bedeutsames fällt mir dagegen im Zusammenhang mit dem Autor Wolf Schneider beim besten Willen nicht ein, sehen wir mal von den historischen Fleißarbeiten ab.
So wirkt auch die Pointe des inklusive Vor- und Abspanns gerade mal 64 Sekunden langen Schneider-Spots „In Teufelins Küche“ etwas hergeholt und billig. Der Altmeister zitiert aus einer Stellenbeschreibung des Norddeutschen Rundfunks. Deren verschachtelter Satz-Salat deckt alle geschlechtlichen Eventualitäten ab und soll als abschreckendes Beispiel dienen. Doch seien wir ehrlich: Auch ohne die feministische Komponenten hätte eine Stellenbeschreibung einer öffentlich-rechtlichen Anstalt keinen besonderen Unterhaltungswert. Eher ein Un-Thema als der Aufreger, der uns da onkelhaft vorgetragen wird.
So wundert es nicht, dass einige Leserreaktionen wenig schmeichelhaft ausfallen. „Alter Hut / 60 Sekunden Gebet“ kommentiert „lokalreporter“, ein Anderer bescheinigt dem Video-Erstling „Gähn-Faktor 1000“. Es kann also eigentlich nur aufwärts gehen. Unser Tipp an den Deutsch-Profi: Sag es treffender!

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