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Abendblatt 3.0: Das neue Strunz-Portal

Claus Strunz ist kein Mann der halben Sachen. Wenn der Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“ ein Projekt startet, gibt er vorab schon verbal gern mal Vollgas. So kündigte er auch keinen Relaunch seiner Website an, sondern versprach das „Abendblatt 3.0“. Seit Dienstag ist das Regional-Portal online. „Wollte man die vielen Gedanken, die in der neuen Website stecken, zusammenfassen“, so Strunz, „hieße dies: mehr Hamburg, mehr Norden, mehr Tipps und Ratgeber.“ MEEDIA hat die neue Site geklickt.

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Ohne Zweifel ist die neue Version gegenüber der früheren Site ein Fortschritt. Abendblatt.de nutzt mit dem dreispaltigen Aufbau die volle Breite herkömmlicher PC-Monitore. Dazu gehört Mut, denn die in der Vermarktung bislang dominierenden L-Banner sind jetzt kaum noch zu platzieren. Wie die Boulevard-Schwester Bild.de hat auch der Hamburger Online-Auftritt im sichtbaren Bereich eine „Bühne“, auf der wichtige Themen und Optiken rotieren, am Dienstag waren dies Artikel aus den Ressorts Hamburg, Sport und Wirtschaft. Das Design ist gefällig, setzt aber keine klaren Schwerpunkte, das links oben platzierte Logo wirkt angesichts der neuen Breite optisch etwas verloren.
Darunter eröffnet sich die pralle Welt der Abendblatt-News. Gefühlt ist das neue Portal die wohl längste Website der Welt; scheinbar endlos kann der User Teaser um Teaser nach unten scrollen. Ob das im flüchtigen Webgeschäft der richtige Weg ist, wird sich zeigen. Auf jeden Fall ist das Angebot zumindest numerisch eine volle Tüte. Ob dies auch für das Qualitätsversprechen des Chefredakteurs („Journalismus first“) gilt, ist eine andere Frage. Denn im erbarmungslosen Wettstreit der Online-Newsdealer zählen Visits und Page Impressions, und dieser Zwang zur Reichweite hinterlässt auch beim neuen Konzept Spuren.
Beispiel: die Rubrik „Hamburger Abendblatt Multimedia“. Wie würde ein Stammleser des Printtitels reagieren, wenn die Redaktion ihm folgende Themenauswahl auftischen würde: „Blonder Teufel Annemarie Eilfeld“, „Bildergalerie: der schönste Po der Welt“, „Boxenluder der Formel 1“. Bei Abendblatt.de ist dies am Dienstagvormittag die Top 3 Multimedia. Sicherlich Klickbringer, aber kaum ein Beispiel für „modernen Qualitätsjournalismus“, dem sich der Chef und seine Crew laut Editorial verpflichtet fühlen.
Recht unentschieden wirkt auch die Positionierung des Lokalen und Regionalen auf dem neuen Portal. Die Homepage ist ein Sammelsurium aus verschiedensten Themen, von denen etliche null Hamburg-Bezug haben. Das Problem: vermutlich 80 Prozent der News finden sich auch auf anderen Portalen im Netz. Es fehlt an Alleinstellungsmerkmalen. Journalismus First? Mag sein, aber vielleicht wäre „Hamburg First“ noch wichtiger und eigentlich naheliegend für ein Regional-Portal.
Doch so einfach ist es nicht, und hier heißt das Problem Google. Abendblatt.de hat wie die Wettbewerber einen im Grunde viel zu hohen Traffic-Anteil von Nicht-Hamburgern. Drei Viertel der Nutzer, so ist zu hören, kommen gar nicht aus der Region, sondern werden von der Suchmaschine auf die Site gespült. Das macht dann in Leistungswerten nach IVW & Co. vielleicht ordentlich was her, aber der lokale Inserent hat mit seiner Anzeige am Ende ein Problem, weil er nicht seine Zielgruppe erreicht.
Für die Macher einer regionalen Site wird das zum Dilemma. Wer konsequent auf Lokales setzt, leistet Pionierarbeit – und wird mit fallenden IVW-Werten abgestraft. Wer beim Wachstumsrennen mitmacht, läuft Gefahr, seine Zielgruppe zu verwässern. Die meisten versuchen irgendwie beides und ähneln sich von den Angeboten her entsprechend. Und wenn man sich die Lokalnews im Stadt-Ressort von Hamburg.de ansieht, so scheint auch hier noch viel Luft nach oben zu sein.
Den großen Preis im Journalismus, so sagte kürzlich Springer-Manager Christoph Keese, wird der gewinnen, der es schafft, die Mikro- und die Makro-Welt der User mit einem Angebot zu verzahnen. Dazu gehört es aber zuallererst, auch die Masern in der Kita als relevante News zu begreifen, auch wenn dies nur für eine kleine Gruppe gilt. Dies leistet bislang kein Portal, und auch Abendblatt 3.0 bleibt hierauf eine Antwort schuldig. Wo sind die Stadtteil-Blogs, wo bleibt die Einbindung der Leser? Auf der Mikroebene schlummert ein gewaltiges Potenzial, das sich mit klassischen redaktionellen Mitteln nicht zu einem vertretbaren Preis heben lässt.
Fazit: Abendblatt 3.0 ist ein Schritt nach vorn, mehr aber nicht. Ein Relaunch, (noch) keine Revolution.

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