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Klusmanns erstes „Capital“: Ein starkes Stück

Nach scharfer Kurskorrektur und erneutem Chefredakteurswechsel blickte die Branche gespannt auf den heutigen Tag: "Capital", das vielleicht renommierteste deutsche Wirtschaftsmagazin der Nachkriegszeit, hat gerelauncht. Und tatsächlich: Unter Führung von FTD-Chefredakteur Steffen Klusmann präsentiert sich G+Js Wirtschaftsmagazin angenehm runderneuert mit vielen lesenwerten Unternehmensgeschichten. Statt der Privaten Finanzen rücken Dax-Vorstände wie Ackermann oder Zetsche ins Zentrum. Eine Blattkritik.

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Nach scharfer Kurskorrektur und erneutem Chefredakteurswechsel blickte die Branche gespannt auf den heutigen Tag: „Capital“, das vielleicht renommierteste deutsche Wirtschaftsmagazin der Nachkriegszeit, hat gerelauncht. Und tatsächlich: Unter Führung von FTD-Chefredakteur Steffen Klusmann präsentiert sich G+Js Wirtschaftsmagazin angenehm runderneuert mit vielen lesenwerten Unternehmensgeschichten. Statt der Privaten Finanzen rücken Dax-Vorstände wie Josef Ackermann, Dieter Zetsche oder René Obermann ins Zentrum. Eine Blattkritik.

Die Bewährungsprobe könnte größer kaum sein: Mitten in der tiefsten Rezession, die die Bundesrepublik seit dem Zweiten Weltkrieg gesehen hat, muss sich auch eines der renommiertesten Wirtschaftsmagazine der Republik neu erfinden – zu tief steckt „Capital“ selbst seit Jahren in der Krise.

Auf deutlich unter 200.000 Exemplare ist die Auflage im ersten Quartal eingebrochen, die „Wirtschaftswoche“ aus der Verlagsgruppe Handelsblatt rückt bedrohlich nahe. Weitaus schlimmer jedoch: „Capital“ rutschte 2008 wie die anderen G+J-Wirtschaftsmedien mit Ausnahme von „Impulse“ in die roten Zahlen, was den Hamburger Traditionsverlag Ende vergangener Jahres zu einer beispiellosen Kurskorrektur veranlasste: Die Standorte Köln und München wurden aufgegeben, Stellen abgebaut und eine Zentralredaktion von „FTD“, „Capital“, „Impulse“ und „Börse Online“ in Hamburg ins Leben gerufen  – der Rest ist bekannt.  

Nach Monaten des Murrens, Wehklagens und der medialen Spiegelfechtereien über die Durchführbarkeit des Umbaus ist der Tag X nun da: Unter der Führung des neuen Chefredakteurs Steffen Klusmann, der dieselbe Funktion bei der „FTD“ vorübergehend  an seine Stellvertreter übergeben hat, schlägt das „Capital“ mit der heutigen Ausgabe ein neues Kapitel auf.

Deutsche Bank-Titelgeschichte: Spannende Enthüllungen

Das jedoch mit bekannten Gesichtern – und einer vertrauten Bildsprache. Auf den ersten Blick unterscheidet die heute erschienende Mai-Nummer nicht soviel von der April-Ausgabe. Auf dem Cover grinst den Leser der Konzernchef des größten deutschen Kreditinstitus an, der im Zuge der Finanzmarktkrise in den vergangenen zwei Jahren eine – erst mehr, dann weniger glückliche – mediale Omnipräsenz gewonnen hat: Josef Ackermann.

Das Titelstück über den im nächsten Jahr scheidenden Deutschbanker verhilft Klusmann zu einem Start nach Maß: Im 10-Seiter lernt der Leser den Dax-Konzern kennen, wie man ihn in der Krise bislang kaum kannte – nämlich als ziemlich verwundbar. „Viel zu spät hat er (Ackermann) die Bankbilanz bereinigt, zu lange hat er mit einem schnellen Ende der Krise gerechnet“, ist etwa zu lesen.  

Am 16. September, am Tag also, nachdem Lehman pleite ging, hätte es auch für die Deutsche Bank durch Milliarden-Kredite für den Versicherer AIG eng werden können, enthüllt „Capital“-Redakteur Leo Müller: „Ohne die beherzte Rettungsaktion der Amerikaner (der US-Regierung) wäre es auch für sie sehr schwierig geworden.“ Zudem wäre die Deutsche Bank ein Jahr vor Ackermanns Ausscheiden in erster Linie mit sich selbst beschäftigt: „Inmitten der schlimmsten Finanzmarktkrise der vergangenen Jahrzehnte spielt sich in der Topetage von Deutschlands wichtigstem Geldhaus ein Stellungskrieg in eigener Sache ab“, folgert Müller.

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Protagonisten der Krise rücken ins Zentrum
 

In ganz andere Gefechte ist Daimler-Chef Dieter Zetsche verstrickt, der ausführlich im großen Interview zu Wort kommt: „Es stimmt nicht, dass bei einer Insolvenz des einen oder anderen Herstellers sämtliche Arbeitsplätze verschwinden würden“, erklärt Zetsche im „Capital“-Gespräch, in dem er dem auch den „Populismus“ in Medien und Politik anpragert. Aber auch in eigener Sache hat Zetsche etwas zu verkünden: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Daimler noch in diesem Jahr von den verbliebenen 20 Prozent an Chrysler trenne, wäre „größer als 50 Prozent“, lernen „Capital“-Leser.      

Damit der Ton gesetzt. Nicht wie in den gierigen 90er-Jahren die Kapitalmärkte mit allen ihren Chancen und Verheißungen und auch nicht so sehr die nutzwertige Welt der Privaten Finanzen wie in den letzten Jahren rücken in den Vordergrund des Traditionsmagazins, sondern vielmehr die Macher der Wirtschaft. Damit attackiert das neue „Capital“ durchaus das „manager magazin“, das seit Jahrzehnten für seine Konzernlenker-Geschichten bekannt ist.

Der Schritt erscheint nur allzu nachvollziehbar: Nach einem Kurssturz von in der Spitze fast 60 Prozent an den deutschen Aktienmärkten binnen nicht mal zweier Jahre erscheint die Suche nach dem nächsten Highflyer erschöpft. Der Fokus liegt also vielmehr auf den Protagonisten der Finanzkrise, die in lesenswerten geschrieben Porträts so ausführlich beleuchtet werden, wie selten zuvor – ganz gleich, ob sie Warren Buffet („Der alte Mann und das Mehr“), Nouriel Roubini („Leidhammel und Partylöwe“) oder René Obermann („Freunde an die Macht“) heißen.

Neue Rubriken: „Capitalisten“, „Unsere Besten“, „Miss Moneypenny“

Und dann sind da noch die neuen Formate: Die „Capitalisten“ etwa, die Bemerkenswertes aus dem Wirtschaftsalltag enthüllen – nämlich, dass das beliebte Smartphone Blackberry in Großunternehmen aufgrund von Sicherheitslücken auf dem Rückzug sei. „Unsere Besten“ wiederum beleuchten die großen Dramen aus der „Welt der Wirtschaft“ – und zwar als augenzwinkernde Awards für „Besten Film“ (G20) oder die „Beste Hauptrolle“ (Hartmut Mehdorn).   

Auch der Schlussakkord wurde neu gesetzt: Abgerundet wird das „Capital“ nun nicht mehr vom „Rei(t)z der Börse“, sondern „Miss Moneypenny“,  die als – fiktive – Chefsekretärin eines Konzernlenkers spitzfindig zur Lage der Wirtschaftswelt Klartext redet. Was dann so klingt: „Immer brav die das Köpfchen neigen, wenn die Regierung durch die Tür kommt. Demut ist das neue Muskelspiel.“

Damit ist die Gefühlslage dieser Tage treffend beschrieben – keinesfalls aber der Ton des rundum erneuerten „Capitals“. Dazu besteht auch kein Grund: Steffen Klusmann ist mit seiner ersten Ausgabe ein Auftakt nach Maß gelungen.

Was aus dem altehrwürdigen Qualitätsmagazin der deutschen Wirtschaft wird, das Börsen-Grandseigneur André Kostolany in seinen 414 Kolumne über 34 Jahre fast zum Denkmal verklärte, ist eine der spannendsten Fragen des deutschen Journalismus dieser Tage – vielleicht ist sie gar so spannend wie die Entwicklung an den Aktienmarkten selbst.

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