Kinder, das Internet ist gar nicht so schlimm

Einer meiner Lieblings-Buchtitel der vergangenen Jahre ist „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“. Autor Tim Renner beschreibt den Niedergang der Musikbranche im Internetzeitalter und nimmt die Medienkrise vorweg. Am Mittwochabend trafen sich Verlagsmanager beim Media Coffee der dpa-Tochter news aktuell in Hamburg, um über die Profiteure der Krise zu diskutieren. Und immerhin: Auch wenn niemand ein Patentrezept fürs Webgeschäft hatte, an Galgenhumor mangelte es den Teilnehmern nicht.

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Einer meiner Lieblings-Buchtitel der vergangenen Jahre ist „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“. Autor Tim Renner beschreibt den Niedergang der Musikbranche im Internetzeitalter und nimmt die Medienkrise vorweg. Am Mittwochabend trafen sich Verlagsmanager beim Media Coffee der dpa-Tochter news aktuell in Hamburg, um über die Profiteure der Krise zu diskutieren. Und immerhin: Auch wenn niemand ein Patentrezept fürs Webgeschäft hatte, an Galgenhumor mangelte es den Teilnehmern nicht.
Auf dem Podium saßen Fried von Bismarck (Spiegel), Christoph Keese (Axel Springer), Julia Jäkel (Gruner + Jahr), Rainer Esser (Zeit) sowie Kay Overbeck (Google Deutschland). Allen Hiobsbotschaften der vergangenen Monate zum Trotz: Die Rivalen scherzten und lachten, das ist in der Megakrise ja schon was. Eigentlich lautete das Duell Print-Verlage gegen Google, doch spannender war es, die unterschiedlichen Sichtweisen der Vertreter etablierter Medienhäuser zu erleben.
Zeit-Chef Rainer Esser räumte ein, dass man in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit für die wahren Bedürfnisse der Leser vernachlässigt und es im Gegensatz zu Google im Web-Business an Cleverness habe fehlen lassen. Das klingt ehrenhaft, allerdings: Bei den Online-Geschäftsmodellen bleibt der Holtzbrinck-Stratege eine stringente Antwort schuldig. Kein Paid Content, sondern ein Sammelsurium an Erlöswegen solle den Verlagsangeboten zur Profitabilität verhelfen. Das klingt reichlich defensiv, ist aber durch die oftmals blutige Nase, die sich sein vormaliger Verleger Stefan von Holtzbrinck bei Web-Projekten eingehandelt hat, verständlich.
Weiter in Wolke sieben schwebt offenbar G+J-Verlagsgeschäftsführerin Julia Jäkel, die für das kommende Jahr den Launch „ganz wunderbarer Print-Titel“ erwartet. „Ehrlich.“ Eine echte Strukturkrise sieht die quirlige Medienmanagerin nicht, eher schlecht gemachte Produkte, etwa Regionalzeitungen, die anderntags die Headlines der „Tagesthemen“ vom Vorabend reportieren. Zudem gebe es eine Darstellungs-Misere, da die Medienjournalisten den Erfolg einer „Brigitte Woman“ nicht gebührend würdigten. Bemerkenswert: Jäkel zeigte sich beeindruckt von der Kostenstruktur eines Start-ups wie Chefkoch.de. Der Klick-Platzhirsch unter den Food-Communitys wurde von Gruner + Jahr gekauft und ist „hochprofitabel“. Da, so Frau Jäkel, „könner wir noch was lernen“.
Einen nüchternen, aber wachen Blick auf die Internet-Entwicklung offerierte Spiegel-Verlagsleiter Fried von Bismarck. Die Medienhäuser bräuchten dringend ein neues Erlösmodell fürs Web und dieses könne durchaus in einer „Flatrate“ für Qualitätsangebote analog zur Kirchensteuer liegen. Ähnliches hatte auch MEEDIA in die Diskussion eingebracht, allerdings setzt dies voraus, dass sich die maßgeblichen Anbieter von Premium-Content und wohl auch die News-Agenturen zu einem Konsortium zusammenschließen und die Bezahlvariante gemeinsam durchsetzen. Davon sind die deutschen Verlage, die sich seit jeher in herzlicher Feindschaft verbunden sind, weit entfernt.
Vom Blattmachen bei der „Welt am Sonntag“ entpflichtet, hat Christoph Keese offenbar genügend Muße, sich um das nächste große Ding im Internet Gedanken zu machen. Und da hatte Springers Mr. „Public Affairs“ für mich den spannendsten Ansatz zu bieten. Keese ist überzeugt, dass der „Hauptpreis“ im Online-Business 2010 an denjenigen gehen wird, der es als erster schafft, „Makro- und Mikro-Ebene zu verzahnen“. Ihn als Vater interessiere der Windpocken-Alarm im Kindergarten seiner eigenen Sprösslinge genauso wie der G 20-Gipfel. Medien seien überfordert, über beides zu berichten, hier müsse eine intelligente Kombination von News aus allen für den spezifischen Leser relevanten Bereichen geschaffen werden. Das wäre innovativ, Punkt für Keese.
Wenig erstaunt hat mich die zurückhaltende Argumentation von Google-Vertreter Kay Overbeck. Der Sprecher war kurzfristig für seinen Chef Philipp Schindler eingesprungen und mühte sich, den Verlagen keine Angriffsfläche zu bieten und stattdessen auf Kooperation zu setzen. Ein leichtes Unterfangen für den, dessen Comany im Internet-Geschäft an der Kasse sitzt. Overbecks Plädoyer für eine Individualisierung der News-Angebote erntete (meiner Meinung nach zu Recht) Widerspruch aus der Runde. Das kann für Medien nicht der Königsweg sein.
Fazit der lehrreichen Runde: Wer als Medienmensch in Zweifel zieht, dass der Tod gar nicht so schlimm ist, kann sich – bedingt – entspannen: Noch leben die Verlagshäuser, und vielleicht kommt es ja gar nicht so weit.

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