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‚Eine für Alle‘: plump und wenig authentisch

Bei der Lösung ihres Quotenproblems am Vorabend setzt die ARD jetzt auf geballte Frauenpower: "Eine für alle – Frauen können´s besser" will mit Authentizität gegen die sterilen Soapwelten der Adelsfamilien und Modeagenturen punkten. Neben Themen wie Arbeitslosigkeit und Emanzipation wird dabei aber auch die Frage: "Wer ist der Richtige" nie ganz aus dem Blick verloren. „Dramedy“ nennt die ARD diesen Genre-Mix, so innovativ wie die Wortschöpfung ist die Serie allerdings bei weitem nicht.

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 „Sex and the City“ in der schwäbischen Provinz: Die Schweißerin, Mutter und Ehefrau Lilli Lemcke (Katharina Schubert) arbeitet mit ihren drei Freundinnen bei einem Kühlschrankteil-Produzenten. Als so genannte „Heuschrecken“ versuchen, den Betrieb zu übernehmen und Massenentlassungen drohen, kauft Lilli die Watzmann-Werke zum symbolischen Preis von einem Euro. Dadurch ändert sich das Leben der vier TV-Heldinnen gewaltig, obwohl sie eigentlich nur die Ruhe ihrer überschaubaren, kleinen Welt bewahren wollten.

Die drohende Insolvenz und der Kampf mit dem anderen Geschlecht sind im Grunde zwei völlig verschiedene Erzählebenen, aber „die besondere Herausforderung ist, dass diese beiden Stränge überzeugend zueinander geführt werden“, sagt Bettina Reitz, die den Bereich Serie beim Bayerischen Rundfunk verantwortet. 200 Folgen sind geplant, vorausgesetzt die Quote stimmt. Seit dem Ende der Erfolgs-Serie „Berlin, Berlin“ hat auf dem Sendeplatz am Vorabend so gut wie nichts mehr funktioniert. Weder das hochgelobte Format „Türkisch für Anfänger“ noch der peinliche Versuch, mit Bruce Darnells Kosmetikberatung Glamour in die öffentlich-rechtliche Fernsehlandschaft zu bringen.

In diesem Kontext haben sich die ARD-Verantwortlichen wahrscheinlich gedacht „Back to the Roots“ und machen das, was bislang bei „Lindenstraße“ und Tatort“ gut zu funktionieren scheint: gesellschaftlich-relevante Themen fiktional aufzubereiten. Beim Thema Emanzipation scheint das Konzept schon erste Wirkung gezeigt zu haben. Vergangene Woche reichte ein Mann Beschwerde beim Deutschen Werberat ein, da er sich durch den Titel „Eine für alle – Frauen können’s besser“ sexuell diskriminiert fühlt. Er hätte die Serie sehen sollen, dann wäre er wahrscheinlich milde gestimmt worden. Denn die „Powerfrauen“ sind zwar kämpferisch in ihrem Beruf, wenn es aber um das andere Geschlecht geht, mutieren sie zu 15-Jährigen Teenagern. Da werden auch schon mal Fotos vom Angebetenen in Boulevardblättchen geküsst und die Frage „Wer ist der Richtige“ scheint lebensentscheidend. Besonders nervig ist Lillis Freundin Melanie, die sich in den reichen Sohn des „Heuschrecken“-Managers verliebt und dabei schlimmer schmachtet, als ein weiblicher Fan von Tokio Hotel. Es stellt sich die Frage: Warum kann eine Frau in einer Soap nicht als Erwachsene dargestellt werden, wenn sie verliebt ist?

Auch die anderen Charaktere sind recht plump gezeichnet: Die sorgenvolle Konservative trägt hochgeknöpfte Karoblusen unterm Blaumann während die hippe Nymphomanin lässig den linken Träger ihrer Arbeitsuniform runterhängen lässt. Die strenge Karrierefrau Charlotte von Birnau hat eine ebenso strenge Frisur, und die taffe Mutti Lilli war mal Rennfahrerin. Auch die Orte und Beziehungen funktionieren nach dem üblichen Schwarz-Weiß-Schema. Während in der fiktiven Kleinstadt Dorach Ruhe und Frieden herrscht und der gestresste Arbeiter in der gemütlich-familiären Fabrik noch einen Ort fürs Nickerchen findet, sitzen die Bösen in ihren verglasten Büropalästen umringt von bedrohlich wirkenden Wolkenkratzern.

Auch wenn die Handlung bisweilen unterhält, ist „Eine für alle – Frauen können’s besser“ deswegen genauso wenig authentisch und nah am Leben der Fernsehzuschauerin wie irgendeine andere Telenovela. Der globalisierungskritische Ansatz ist sicher gut gemeint und in gewisser Hinsicht ein Novum im Bereich der Soap Operas, doch durch die allzu klischeehafte Spaltung in „Ihr da oben -wir hier unten“ verliert die Serie letztlich an Brisanz. Welche Ängste und Nöte Menschen umtreibt, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, wird schon seit Jahren an ganz anderer Stelle dokumentiert: „Die Super Nanny“, „Frauentausch“ und „Raus aus den Schulden“ zeigen zur Prime Time auf nicht gerade sensible Art Familien, die in finanzielle Schieflage geraten sind. Wer diese Bilder im Kopf hat, wird die Naivität, mit der die neue ARD-Soap von den Schattenseiten des Lebens erzählen will, als recht altbacken empfinden.
Seien wir ehrlich: Die ARD-„Dramedy“ wird es in der derzeitigen Form schwer haben.

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