No Angels-Nadja: der bizarre Medienstreit

Zwei Juristen, drei Meinungen: Diese Alltagsweisheit bestätigt sich auch im „Fall Nadja“. Die Verhaftung einer prominenten Sängerin, die öffentliche Verlautbarung des Staatsanwalts, die bundesweite Berichterstattung zahlloser Medien und dann: Eine Einstweilige Verfügung des Berliner Landgerichts gegen „Bild“. Tenor: Kommando zurück. Was jeder weiß und wohl auch wissen will, darf niemanden interessieren. „Bild“-Chef Kai Diekmann ging in die Offensive – und kämpft für mehr als nur für sein Blatt.

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Zwei Juristen, drei Meinungen: Diese Alltagsweisheit bestätigt sich auch im „Fall Nadja“. Die Verhaftung einer prominenten Sängerin, die öffentliche Verlautbarung des Staatsanwalts, die bundesweite Berichterstattung zahlloser Medien und dann: Eine Einstweilige Verfügung des Berliner Landgerichts gegen „Bild“. Tenor: Kommando zurück. Was jeder weiß und wohl auch wissen will, darf niemanden interessieren. „Bild“-Chef Kai Diekmann ging in die Offensive – und kämpft für mehr als nur für sein Blatt.

Natürlich geht es bei den Veröffentlichungen zu dem Vorwurf, ein Popstar habe Liebhaber vorsätzlich der Gefahr einer Infektion mit dem Aids-Virus ausgesetzt, auch um die Pressefreiheit. Es gibt viele Rechte, die zu schützen sind. Eins davon ist das Recht auf die Wahrheit. Dieses hat Journalisten immer angespornt, und es hat die Enthüllung etlicher Skandale bewirkt. Aber es hat auch dazu geführt, dass sich eine Klientel von Fachjuristen gebildet hat, die diesen Drang zur Wahrheit systematisch zu untergraben versucht.

Meine Zeit als Gerichtsreporter der „Hamburger Morgenpost“ liegt lange zurück. Die ernüchternde und für mich traurige Quintessenz war: In vielen Fällen geht die Justiz meilenweit an dem vorbei, was den tatsächlichen Fall ausmacht und ignoriert die Schicksale der Opfer. Ich habe Anwälte erlebt, die Angeklagte im Prozess mit formalen Mitteln „freipaukten“, obwohl sie wussten, dass diese gefährliche Mörder waren. Das alles als „Organe der Rechtspflege“, zu den Strafverteidiger wie Staatsanwälte und Richter zählen. Auf meine Nachfrage, wie er das mit seinem Gewissen vereinbaren könnte, meinte einer: „95 Prozent der Mörder laufen doch sowieso frei rum, da kommt es auf die restlichen fünf nicht an.“
Ganz sicher gilt das alles nur für eine spezielle Minderheit der Anwälte, doch gerade diese prägen zuweilen die öffentliche Diskussion. Und sie setzen sich immer wieder durch. Ich habe erfahren müssen, dass die Gerichte abstrusen Anträgen auf Berichtsverbote stattgaben. Ich weiß nicht, was diese Richter bewegt hat. Aber ich habe in vielen Gesprächen eine Medienfeindlichkeit gespürt, die mir mit dem grundgesetzlichen Auftrag der freien Presse nicht vereinbar erschien. Als etwa der fünffache Frauen-Mörder Fritz Honka in Hamburg vor Jahren mit 3:2 Richterstimmen und widersprüchlichen psychiatrischen Prognosen auf Bewährung entlassen wurde, klagte eine Kanzlei sämtliche redaktionelle Berichterstattungen weg, obwohl das Landgericht sich zuvor öffentlich zu dem Fall geäußert hatte. Liegt das wirklich im Interesse der Öffentlichkeit?
Dies waren Fälle, wo es um den schwersten Tatvorwurf ging, den unser Rechtssystem kennt. Die Mechanismen bei anderen Delikten sind ähnlich. Man muss nicht jeden Artikel richtig oder angemesssen finden, der im Fall Nadja publiziert wurde. Es geht auch nicht darum zu vorab zu richten; zur Aids-Verhütung gehören bekanntlich immer zwei. An der generellen Berechtigung, den Vorgang öffentlich zu machen, ändert das nichts, und dies dürfte auch das Ergebnis eines höchstrichterlichen Entscheids sein, wenn es dazu jemals kommen sollte. Doch bis dahin wäre es noch ein weiter Weg.
Das, was in Sachen der No Angels-Sängerin jetzt geschieht, ist peinlich. Deren Anwalt verklagt die „Bild“, aber nicht andere Medien. Er verbreitete teils unverständliche Pressemitteilungen und weckt dadurch noch mehr Interesse an dem Fall. Wie üblich ist das auch PR in eigener Sache, für die Mandantin aber ein Fiasko. Konfrontiert mit dem Tatvorwurf und der Verhaftung hätte es weitaus geschmeidigere Strategien der Öffentlichkeitsarbeit gegeben. Was wir hier sehen, ist, sorry, ein schlechter Schertz.
Merkwürdig erscheint nur auch das Verhalten der Richter. In Insiderkreisen ist es kein Geheimnis, dass alle Prominenten, die ein Problem mit den Medien haben, entweder in Berlin oder in Hamburg Klage einreichen. Dort, so weiß man, sitzen die offensivsten Richter, was Beschlüsse gegen die Presse angeht.

Der „Bild“ droht wegen der Missachtung des Gerichtsbeschlusses nach Experten-Schätzungen im ersten Fall ein Ordnungsgeld in moderater Höhe von 5000 bis 15000 Euro. Da sich andere Medien ebenfalls nicht an die gerichtliche Anordnung hielten, scheint fraglich, ob diese Beträge sowie eine mögliche Geldentschädigung für die Sängerin tatsächlich eingefordert werden. Denn Anwalt Christian Schertz müsste eigentlich klar sein, dass er das Public Relations-Fiasko für seine Mandantin zu verantworten hat. Eine „Verteidigungsstrategie“ sähe anders aus. Der Medienanwalt dürfte sein Auftraggeberin mehr geschadet denn genützt haben.
Wie am Donnerstag bereits zu vernehmen war, soll die No Angels-Sängerin am Freitagmorgen aus der U-Haft entlassen werden. Vermutlich gibt es dann auch einen Deal mit dem einen oder anderen Medium, das über den Fall berichtete. Interessant ist, ob Medienanwalt Christian Schertz weiter gegen die „Bild“ vorgehen wird und wie sich das Gericht dann verhalten würde. Es bleibt spannend.

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