Der Zorn des Ziesemer

„Handelsblatt“-Chefredakteur Bernd Ziesemer hat in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts „Wirtschaftsjournalist“ (für das ich selbst auch ab und zu schreibe) eine Polemik in zehn so genannten Thesen verfasst. „Zehn zornige Thesen zur Zukunft der Zeitung“ steht drüber. Allerdings sind es nach meiner Auffassung keine Thesen, die Herr Ziesemer dort aufschreibt. Es scheint vielmehr so, dass […]

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„Handelsblatt“-Chefredakteur Bernd Ziesemer hat in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts „Wirtschaftsjournalist“ (für das ich selbst auch ab und zu schreibe) eine Polemik in zehn so genannten Thesen verfasst. „Zehn zornige Thesen zur Zukunft der Zeitung“ steht drüber. Allerdings sind es nach meiner Auffassung keine Thesen, die Herr Ziesemer dort aufschreibt. Es scheint vielmehr so, dass da ein Chefredakteur einfach mal alles rausgelassen, was ihm in jüngster Zeit so auf die Nerven ging. Und das ist so einiges.

Das ist insofern bemerkenswert, da man sich in der Branche sonst gerne in vornehmer Zurückhaltung übt. Doch die Krise weckt das Tier in manchem Bürohengst. Ziesemer schreckt in seinem Text sogar vor Kollegenschelte gegen „FTD“-Chefredakteur Steffen Klusmann nicht zurück. Der Umgang mit Redakteuren bei Gruner + Jahr in Zusammenhang mit der Fusion der Wirtschaftsredaktionen, erfülle ihn mit Zorn und Scham, schreibt Ziesemer. Seit Wochen würden Mitarbeiter von G+J zudem das Gerücht verbreiten, die Verlagsgruppe Handelsblatt werde dem G+J-Modell der Wirtschafts-Zentralredaktion bald folgen. Klusmann selbst habe kürzlich gesagt, in anderen Verlagshäusern würden bald „Bomben explodieren“. Alles Quatsch, schäumt Ziesemer: „Wir haben nicht vor, dem Modell G+J-Wirtschaftspresse nachzueifern. Ich halte Klusmanns Vorgehen daher für intellektuell unredlich und unfair im Wettbewerb.“

Harte Worte. Mal davon abgesehen, dass zu klären wäre, wie etwas „intellektuell unredlich“ sein kann. Aber nicht nur Klusmann bekommt sein Fett weg. Unternehmensberater? Ziesemer: „Viele von ihnen sind kulturelle Analphabeten, die schon lange keine einzige Zeitung mehr lesen, sich aber berufen fühlen, uns Journalisten zu erklären, wie man Zeitungen machen muss.“ Blogger? Ziesemer: „Eine besondere Kategorie von Dummschwätzern.“ Wobei er offenbar im speziellen Michael Arrington von TechCrunch meint, der die Verlage aufgefordert hatte, die gedruckten Zeitungen abzuschaffen. Junge Verlagsmanager? „Bestimmte Arten“ dieser Spezies erzeugen bei Ziesemer ein „intellektuelles Würgegefühl“. Und, last not least, Medienjournalisten: Viele hätten das „Langzeitgedächtnis einer Ameise“ und: „Die meisten Medienjournalisten schreiben leider den jeweiligen Bullshit, der ihnen von Verlagen serviert wird, unkritisch herunter.“

Zack, das saß! Ich finde es sympathisch, dass da einen mal der Zorn packt und er sich sowas von der Seele schreibt. Das ist tausendmal befreiender und auch unterhaltsamer, als die permanente Selbst-Bewienerung, die man sonst allerorten zu hören und zu lesen bekommt. Chefredakteur Ziesemer hat sich mit seiner Polemik aus der Deckung gewagt und ordentlich Dampf abgelassen. Hoffentlich denkt er an seine Worte, wenn mal kritisch über das „Handelsblatt“ berichtet wird.

PS: Habe mittlerweile den vollständigen Text der Ziesemer-Polemik auch online gefunden.

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