„LA Times“ wegen Titel-Anzeige kritisiert

Die finanziell angeschlagene US-Zeitung „Los Angeles Times“ hat die Diskussion neu angefacht, wie weit sich Werbung und Redaktion annähern dürfen. Das Blatt veröffentlichte auf der Titelseite eine Anzeige des TV-Senders NBC in der Aufmachung eines redaktionellen Artikels. Der Chefredakteur der „LA Times“ und zahlreiche Leser protestierten. Der Verlag der „LA Times“ rechtfertigte die Anzeige als „innovativen Ansatz“. Eine Formulierung, die auch hiesigen Medienhäusern nicht fremd ist.

Anzeige

Als die deutsche „Welt“ 2001 ihre komplette Titelseite für den Werbekunden AOL blau einfärbte, sprach der Verlag auch davon, im Anzeigengeschäft „innovative Wege“ zu beschreiten. In Wahrheit ging es wohl damals wie heute weniger um Innovation als um pure Geldnot. 2001 war die „Welt“ noch tief in den roten Zahlen und man war bereit für Anzeigengeld einiges an Flexibilität zu zeigen. Die Muttergesellschaft der „LA Times“, die Tribune Company, ist akut von der Insolvenz bedroht.

In Zeitschriften sind Anzeigen-Sonderveröffentlichungen oder so genannte „Advertorials“ in redaktioneller Aufmachung mittlerweile Alltag. Auch Werbung auf Titelseiten von Zeitungen ist heutzutage nichts Besonderes mehr. So veröffentlicht u.a. auch die „Bild“-Zeitung regelmäßig Anzeigen auf ihrer Titelseite, die teilweise ähnlich aufgemacht sind wie redaktionelle Texte. In der aktuellen Zeitungskrise nun, so fürchten Beobachter, könnten sich die Grenzen zwischen unabhängiger Redaktion und bezahlten Anzeigen-Inhalten weiter verwischen. „Man verkleidet eine Anzeige als redaktionellen Inhalt, weil man denkt, dass sie so eine bessere Wirkung erzielt“, sagte der Journalismus-Professor Geneva Overholser in der „New York Times“. „Grundsätzlich betrachtet ist das ein Akt der Täuschung.“

Bezeichnend ist, dass die Idee zu der NBC-Anzeige vom Verlag der „LA Times“ selbst kam und nicht etwa vom Anzeigenkunden gefordert wurde. Bei NBC war man freilich glücklich über den Vorschlag. Die Anzeige habe so eine „redaktionelle Stimme“ erhalten, schwärmte NBC-Marketing-Manager Adam Stotsky. Schleichwerbung sei die NBC-Anzeige nicht. Das Wort „Advertisment“ war darüber gedruckt, die Typo war eine andere als in der übrigen Zeitung und drumherum war ein dicker schwarzer Rand gezogen. „Ich denke, die meisten Konsumenten haben das als Anzeige erkannt“, sagte NBC-Mann Stotsky.

In einer Erklärung der „LA Times“ hieß es, man wolle künftig für Kunden „einzigartige Marketing-Möglichkeiten“ schaffen. Die umstrittene NBC-Anzeige sei dazu gedacht gewesen, „traditionelle Grenzen“ zu dehnen. Dass diese Ankündigung ernst gemeint war, konnten die Leser schon einen Tag später begutachten. Im Veranstaltungskalender veröffentlichte die Zeitung eine vierseitige Anzeige für den neuen Film „The Soloist“. In redaktioneller Aufmachung.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige