Anzeige

„Emma“ schießt gegen den „Spiegel“

Alice Schwarzer, Chefin der feministischen Zeitschrift „Emma“, hat in der aktuellen Ausgabe in zwei Artikeln die renommierte „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen massiv kritisiert. Schwarzer wirft ihr vor, Richter und Urteile regelmäßig zu beeinflussen und stets die Position der (männlichen) Täter zu vertreten. „Juristische Borniertheit“ und „journalistische Unprofessionalität“, so Schwarzer, gingen bei Friedrichsen Hand in Hand.

Anzeige

Als Hauptbelege für ihre steilen Thesen führt Alice Schwarzer zwei spektakuläre Prozesse der jüngeren Zeit an, über die Gisela Friedrichsen für „Spiegel“ und Spiegel Online berichtet hat: den Fall Pascal, bei dem mehrere Angeklagte beschuldigt wurden, den Jungen Pascal in der Saarbrücker „Tosa-Klause“ kollektiv vergewaltigt und getötet zu haben – in dem Mammut-Prozess wurden alle Angeklagten freigesprochen, da ihre Schuld nicht bewiesen werden konnte. Der zweite Fall, den sich Schwarzer vornimmt, ist der Mord an der 16-Jährigen Afghanin Morsal, die von ihrem Bruder Ahmad mit 23 Messerstichen getötet wurde, weil der ihren westlichen Lebenswandel nicht tolerierte.

Zunächst der berüchtigte Fall „Pascal“. Alice Schwarzer schreibt in „Emma“: „Als der allseits als ‚unbefriedigend‘ und ‚bedrückend‘, wenn nicht gar als ’skandalös‘ empfundene Freispruch der Angeklagten aus der „Tosa-Klause“ in Karlsruhe bestätigt wird, ist Friedrichsen dabei und gibt, gestiefelt und gespornt, stramme Interviews vor dem Gerichtsgebäude.“ Schwarzer wirft Friedrichsen zudem vor, in einem Buch, das die „Spiegel“-Reporterin über den Fall Pascal geschrieben hat, Partei für die ebenfalls angeklagte Wirtin der „Tosa-Klause“, Christa W. zu ergreifen und „einen Kübel von Unterstellungen und Häme über der Pflegemutter“ auszukippen.

Im Fall „Morsal“ nimmt Schwarzer neben Gisela Friedrichsen auch die Gutachterin Marianne Röhl aufs Korn, die während des Prozesses zum Schluss kam, Ahmad habe seine Schwester im Affekt getötet. „Ahmad ist von verständnisvollen Frauen umkreist“, so Schwarzer in der „Emma“. Dass er „trotzdem“ wegen Mordes verurteilt wurde, kommentiert Schwarzer: „Da ist es erleichternd, dass der massive Versuch der Einflussnahme der ‚Spiegel‘-Reporterin diesmal nicht gegriffen hat.“

Die „öffentliche Verteilung von Noten an Richter, Staatsanwälte und Anwälte“ gehöre zum „Kerninstrumentarium“ von Gisela Friedrichsen. Schwarzers These ist es, dass sich deutsche Gerichte massiv von den „Spiegel“-Gerichtsreportagen der Gisela Friedrichsen beeinflussen lassen. Dass im berühmten, wiederholt aufgerollten, Mordfall „Weimar“ die Mutter Monika Weimar erneut verurteilt wurde, war laut Schwarzer darauf zurückzuführen, dass das Gericht sich dem „Gottesurteil aus Hamburg“ gebeugt habe.

Ob Alice Schwarzer dem „Spiegel“ und seinen Gerichtsreportern da nicht ein bisschen zu viel Einfluss zuspricht und den Gerichten ein bisschen zu wenig unabhängigen Sachverstand zutraut? Eine Reaktion der „Spiegel“-Reporterin auf die Kritik ist bislang nicht bekannt.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige