Wahljahr ohne Web2.0-Kampagne

"Das Fernsehen bleibt das Leitmedium im Superwahljahr 2009", sagt Markus Beckedahl, Blogger und Mitveranstalter der Berliner Web-Konferenz re:publica'09. Eine Online-Kampagne wie die von US-Präsident Barack Obama werde es nicht geben. Dazu seien die deutschen Parteien noch zu unerfahren mit dem interaktiven Web. Das wurde umso einleuchtender, wenn man den Vortrag von Mary Joyce, Operations Manager für neue Medien bei der Obama-Kampagne, zum US-Wahlkampf hörte.

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Auf dem Berliner Blogger-Treffen berichtet Joyce, dass das Obama-Team drei Jahre Zeit gehabt hätte, die Online-Kampagne zu entwickeln. „In Deutschland werden die Parteien immer erst wenige Monate vor einer Wahl aktiv. Oftmals werden diese Initiativen nach der Wahl auch nicht weiter verfolgt“, erklärt Beckedahl. In den USA scheint dies nicht unbedingt anders zu verlaufen.
Nach der Amtseinführung im Januar hatte Obamas Twitter-Channel erstaunlich lange Sendepause. Dennoch: Obama erreichte die Massen, und dies besonders durch das Web2.0.
Joyce erklärt, dass Obama bereits im Juni 2008 über eine Million Unterstützer auf Facebook hatte – inzwischen sind es über sechs Millionen. Entsprechend mickrig wirken die Zahlen deutscher Politiker, die bei Facebook auf Stimmenfang gehen. Spitzenreiterin ist die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die etwa 6.000 Unterstützer vorweisen kann. Zweiter ist ihr direkter Konkurrent im Kampf um die Kanzlerschaft, Frank-Walter Steinmeier (SPD) mit 1.800 Supportern.
Auch bei den übrigen Web2.0-Portalen sieht es mit der Aktivität deutscher Parteien und Akteure eher trist aus. Der Twitter-Channel der Grünen sei mit etwa 3.000 Followern im Augenblick der erfolgreichste und auch die Mit-mach-Community der FDP sähe vielversprechend aus, führt Beckedahl aus. „Fest steht“, so der Netzpolitik-Gründer, „dass die Parteien neben Facebook das Video-Portal YouTube als Wahlkampfinstrument ausgemacht haben.“ Dialog-orientiert seien diese Versuche allerdings kaum. Die Video-Botschaften der Kanzlerin empfindet Beckedahl in etwa so progressiv, wie Radio-Botschaften vor 50 Jahren.
Die Obama-Kampagne richtete sich hingegen explizit an die Wähler: Auf My.BarackObama.com konnten sich User eigene Profile anlegen, Gruppen bilden, über Obama-Erfahrungen berichten und sich vor allem zu gemeinsamen realen Aktionen organisieren. „Dies befeuerte die Kampagne vor allem im regionalen Bereich“, erklärte Joyce.
„In Deutschland sind die Aktivitäten der Parteien im interaktiven Netz im Augenblick nichts anderes als PR-Maßnahmen“, erläutert Beckedahl in seinem Vortrag. Um annähernd an die Kampagne Obamas heranzukommen, brauche man eine tatsächliche Öffnung von Politik und ein neues Konzept von Informationsfreiheit. Zudem seien offene Schnittstellen und mehr Partizipationsmöglichkeiten für den Bürger nötig, so Beckedahl.
Den Einwand aus dem Publikum, dass die Bürger dafür schon selber sorgen müssten, erwiderte Beckedahl mit einem Appell: „Blogger, schreibt euren Abgeordneten und stellt deren Antworten online.“ Einen echten Web2.0-Wahlkampf in Deutschland erwartet Beckedahl erst bei der Bundestagswahl 2013.

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