„Wir sind kein YouTube-Klon“

Ein sehr rares Vergnügen: Die beiden Sevenload-Gründer Ibrahim Evsan und Axel Schmiegelow geben – aus Zeitmangel – fast nie gemeinsam Interviews. Für MEEDIA machten sie eine Ausnahme und verraten, dass ihre Plattform mittlerweile über 900 Web-TV-Formate bündelt und dass Sevenload trotz der Krisenzeiten brummt. "Im ersten Quartal 2009 haben wir unseren Umsatz im Vergleich zum gesamten vergangenen Jahr verdoppelt. Das beweist: Wir sind ein Gewinner dieser Veränderung."

Anzeige

Es ist selten, dass beide Gründer zusammen ein Interview geben. Warum?
Ibo: Wir haben so viel Arbeit, dass wir nie dazu kommen, auch einmal gemeinsam in einem Interview Rede und Antwort zu stehen.
Axel: Mir kommt das fast wie eine Premiere vor. Das erste Mal seit langem sind wir wirklich zu zweit für ein Interview unterwegs.
 
Wie ist Ihre Arbeitsaufteilung?
Ibo: Ich kümmere mich primär um die Bereiche Produktentwicklung, technologisches Innovationsmanagement, Community Management und in zweiter Instanz um den Aufbau der Sevenload-Kanäle.
Axel: Ich bin für die Entwicklung des Geschäftsmodells, die strategische Unternehmensführung, das Business Development, die Unternehmenskommunikation und die Internationalisierung von sevenload zuständig. Grundsätzlich lässt sich aber sagen: Ibo ist der Mann, der mehr rausgeht. Er ist unser Evangelist.
 
Wir befinden uns in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Wie geht Sevenload damit um?
Ibo: Social Media darf nicht von den wirtschaftlichen Fehlern und einer alten Denkweise gebremst werden. Die Wirtschaftskrise stellt uns vor Herausforderungen, die wir als Team meistern werden.
Axel: Die gesamte Werbewelt verändert sich in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Wer heute interessante Inhalte für spitze Zielgruppen anbietet, ist in einer außergewöhnlich guten Position. Gemessen an klassischer Werbung ist unser Vorteil durch das Umfeld von Social Media letztendlich die höhere Conversion, mit der sich der Erfolg schnell nachweisen lässt.
 
In dieser Position befinden sie sich gerade?
Ibo: Ja, Web-TV und Social Media sind stark nachgefragte Faktoren am Markt. Jedes Unternehmen fordert seinen Zugang zu diesem Medium – und wir bieten ihnen genau diese Möglichkeit. Die Veränderung durchzieht sich durch die gesamte Medienwelt.
Axel: Doch nicht nur dort ist dieser Wandel spürbar – Social Media verändert viele Geschäftsmodelle und führt in vielen Branchen zu einem Strukturwandel. Im ersten Quartal 2009 haben wir unseren Umsatz im Vergleich zum gesamten vergangenen Jahr verdoppelt. Das beweist: Wir sind ein Gewinner dieser Veränderung.
 
Spürt Sevenload die Finanz- und Werbekrise?
Axel: Wir sehen ein grosses Umdenken bei Agenturen, Werbekunden, Content-Produzenten und Medienhäusern. Am Ende profitieren wir davon, weil die Bereitschaft zur Veränderung dadurch wächst, vor allem, wenn es uns gelingt, aufzuzeigen, wie wir bei Lead-Generierung signifikante Erfolge erzielen.
 
Wie entgegnet Sevenload der Krise? Mit Entlassungen?

Ibo: Nein, Massenentlassungen stehen bei Sevenload nicht an. Im Gegenteil, wir suchen nach tatkräftigen und kreativen Mitarbeitern.
Axel: Natürlich müssen auch wir auf die Kosten achten und schauen, dass auch wirklich die richtigen Köpfe die richtigen Aufgaben bearbeiten. Wir haben ein starkes Team im richtigen Mix aus Spezialisten und Allroundern.
 
Was ist aus den Börsenplänen geworden. Ist es überhaupt möglich, in diesem Marktumfeld über einen Börsengang nachzudenken?

Axel: Der Börsenmarkt ist im Moment tot. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir alle sagen, dass wir die Krise hatten kommen sehen. Eindrucksvoll beschreibt das Nassim Taleb in seinem Buch, Black Swan. Nur kam die Krise viel schneller als viele erwartet haben. Wir haben es mit einer verabredeten Rezession zu tun. Leider sind auch wirklich alle zur Verabredung gekommen.
 
Wie meinen sie das?
Axel: Hätte der US-Finanzminister Paulsen ‚Lehman Brothers‘ nicht fallen lassen, hätte die Krise der Erwartungen nicht so heftig ausfallen müssen. .
 
Warum?

Axel: Die Kreditkrise ist real, aber die Wirtschaftskrise entsteht erst durch die Sparmaßnahmen, die in der Erwartung eingeleitet werden, dass es eine Wirtschaftskrise geben wird. Es wäre bei einer besseren Politik ein anderes Szenario denkbar gewesen.
 
Wann ist die Krise denn vorbei?
Axel: Wer weiss das schon? In Krisenzeiten ist es wichtig, dass ein Unternehmen nicht ein Teil des Problems ist, sondern zum Teil der Lösung wird.
 
Lassen Sie mich raten: Sevenload gehört in die zweite Kategorie?
Axel: Definitiv ja. Die Werbe-Spendings bewegen sich immer schneller in Richtung online. Social Media, Bewegtbild und überzeugende Inhalte, die möglichst spitz klare Zielgruppen erreichen, sind attraktiver denn je.
Ibo: Beobachten wir den TV-Werbemarkt, sehen wir allabendlich, dass die Werbeblöcke zur Primetime immer stärker mit Eigenwerbung der Sender bestückt werden. Das Vermarktungsproblem nimmt seinen Lauf.
Axel: Viele Werbetreibende schichten jetzt ihre Budgets in Richtung Online-Werbung und Online-Bewegtbild um. Der klassische Rezipient in der werberelevanten Zielgruppe nutzt stärker das Internet, während Fernsehen  als Broadcast zurückgedrängt wird.
 
Die aktuellen AGOF-Zahlen zeigen innerhalb eines halben Jahres nur sehr leichte Zugewinne für Sevenload. Ist es sehr schwer, im Schatten von YouTube in Deutschland ein Video-Portal zu betreiben?

Axel: Die Messmethoden der AGOF funktionieren bei uns nicht so wie bei klassischen Klick-Portalen. Bei Social-Media-Angeboten wie Sevenload kommt es nicht auf Klicks an, sondern auf die Aktivität des Nutzers.
Ibo: Viel relevanter ist außerdem die Frage, wie lange und wie intensiv ein Nutzer sich Videos anschaut. Bei uns kann man sich fünf Videos in einer Stunde ansehen. Dafür muss der Nutzer lediglich fünf Klicks machen, von denen keines als PI gilt. Bei Social Networks wie StudiVZ oder Facebook sorgt ein User in derselben Zeit für hunderte Page Impressions.
Axel: Damit wir endlich eine verlässliche und angemessene Messgröße für Social-Media-Angebote in Deutschland bekommen, engagiere ich mich im Arbeitskreis „Social Media“ des BVDW, so dass wir im Zusammenschluss von Vermarktern, Agenturen und Plattformbetreibern diese Lösung wiederum gemeinsam mit der AGOF entwickeln.
 
Noch mal zum zweiten Teil der vorherigen Frage: Ist es sehr schwer, im Schatten von YouTube in Deutschland ein Video-Portal zu betreiben?
Ibo: Wir setzen mit den Sevenload-Kanälen auf ein qualitatives Umfeld. Anstatt kurze Clips, lustige Videos oder Schnippsel aus dem Fernsehprogramm zu zeigen, findet sich hier originärer Content in unserem internationalen Netzwerk.
Axel: Dies gefällt vor allem den Werbetreibenden. Werbungausspielung in attraktiven Umfeldern mit messbar hoher Conversionrate ist Trumpf. Wir sind kein YouTube-Klon, zumal Sevenload auch keine reine Videosuchmaschine ist. Wir sind die größte Inhalte-Video-Plattform in Deutschland. Wir sind das Astra des Web-TV.
 
MyVideo und Clipfish haben den großen Vorteil, dass sie auf die TV-Inhalte ihrer Mutter-Unternehmen ProSiebenSat.1 und RTL zugreifen können. Was setzen Sie dagegen?
Ibo: Sevenload ist vollkommen senderunabhängig. Dies ist gerade unsere Stärke, da wir mit Content-Partnern und Rechteinhabern außerhalb jeglicher Befindlichkeiten verhandeln können. Zudem gehen wir nicht gegen die Verbreitung der Inhalte auf konkurrierenden Plattformen vor, sondern begrüßen diesen viralen Faktor, der uns wiederum neue Nutzer bringt.
Axel: Unser Portal bündelt über 900 Web-TV-Formate. Dazu wurden mittlerweile über fünf Millionen Sevenload-Player in Blogs oder private Webseiten eingebunden. Die Konkurrenten leben von wenigen TV-Formaten, die im Web auf den jeweiligen Sender-Plattformen abgerufen werden. Auf Dauer werden Produktionsfirmen auf die eingegrenzte Reichweite blicken und daraufhin plattformübergreifend denken.
 
Bei Clipfish sind das „DSDS“ und das „Junglecamp“ und bei MyVideo „Germanys next Top Model“?
Ibo: Dafür zeigen wir „Alles Atze“, „Focus TV“, „Schmidt und Pocher“, „Verbotene Liebe“ und natürlich „Big Brother“. Hinzu kommen die vielen Independent Produktionen, die technisch sehr gut in Szene gesetzt sind.
Axel: Mit „Big Brother“ haben allerdings auch wir ein TV-Flaggschiff-Format als eine extrem starke TV-Marke auf der Plattform. Hinzu kommt die Tatsache, dass wir für die UFA das Casting-Portal „YourChance.de“ als White-Label Videoplattform erstellt haben.
 
Die „Big Brother“-Einschaltquoten gingen jedoch massiv zurück.
Axel: Für das Fernsehen mag das zeitweise richtig gewesen sein. Allerdings spüren wir im Web kaum etwas von einem solchen Rückgang. Aber noch einmal: Wir sind kein Abspielportal eines einzelnen TV-Senders. Wir bündeln die besten Inhalte auf einer Plattform – also wie Astra für den Satellitenempfang.
Ibo: Einschaltquoten sind als prozentualer Wert nur ein Bruchteil der Bevölkerung, die als Panelerhebung auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wird. Das Internet misst jeden einzelnen Besucher. Bei „Big Brother“ ist die starke Präsenz im Web von Vorteil.
 
Trotzdem eröffnen immer mehr TV-Sender einen Sevenload-Channel.
Axel: Darauf sind wir auch sehr stolz. Mittlerweile haben DMAX und MTV bei uns eigene Kanäle, die sich seit ihrem Start immer stärker entwickeln. Die Sender haben verstanden, dass Ihre Formate bei uns nicht weniger, sondern zusätzliche Reichweite bekommen.
Ibo: Durch den MTV-Deal erreichen wir eine ganz neue Zielgruppe. Mittlerweile sind wir an einem Punkt in unserer Entwicklung, der durchaus Parallelen mit RTL in den frühen Jahren zwischen 1986 und 1988 aufweist.
Axel: Wir haben lange dafür gebraucht, den Fernsehsendern und Musikmanagern zu erklären, dass wir kein YouTube-Klon sind. Ihr Vertrauen in uns ist der Beweis, dass unser kooperatives Geschäftsmodell funktioniert.
 
Sie sprechen von „Astra des Internets“ oder vom „frühen RTL“. Sie vergleichen sich mit den Privatsendern in einer frühen Phase. Kann Sevenload eine ähnliche Erfolgsgeschichte werden?
Ibo: Da wir kein Broadcasting eines Fernsehsenders, sondern letztendlich Video on Demand mit vielen Sparten- und Nischeninhalten anbieten, ist der Prozess im Internet wesentlich differenzierter zu betrachten.
Axel: Trotzdem ist der Vergleich berechtigt. Alles ist ein Entwicklungsprozess. Das Privatfernsehen in Deutschland wankte am Anfang auch sehr stark. Wir befinden uns jetzt nahe am Tipping Point. Die nächsten zwölf Monate werden entscheidend sein.
 
Welche Schritte kommen als nächstes?

Axel: Über die neue Philips-Web-TV-Plattform können sie uns jetzt auch auf jedem normalen Fernseher sehen. Dazu erweitern wir unser TV-Angebot mit Channels und Inhalten von weiteren hochklassigen TV-Playern.
Ibo: Hinzu kommen neue Kooperationen mit weiteren Herstellern modernster Endgeräte. Sevenload im Wohnzimmer ist jetzt keine Fiktion mehr, die Zukunft des Fernsehens startet jetzt mit uns durch.
 
Von wem denn?

Ibo: Ohne zu viel zu verraten: Wir sind richtig stolz darauf, die BBC, NICK, Comedy Central und Saturday Night live mit eigenen Channels bei uns begrüßen zu dürfen.
Axel: Auf internationaler Ebene werden noch viele weitere Content-Partner folgen. Auch ist der Ausbau von Sevenload mit zahlreichen Partnern in Schlüsselfunktionen ein wesentliches Ziel. Wir blicken hierbei über den Tellerrand und schauen uns weit außerhalb von Deutschland und Europa um. Für Asien dürfen wir in Kürze die ersten Meilensteine vermelden.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige