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Das unheimliche Tempo der „NY Times“

Krisen verleihen Flügel. Es ist unglaublich, mit welchem Tempo die „New York Times“ und ihr Verleger Arthur Ochs Sulzberger jr. zur Zeit agieren. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht neue „major developments“ zu vermelden sind. Der Verlag verkauft die Hälfte seines schnieken Times Tower, entlässt Mitarbeiter, kürzt Gehälter und schluckt das Schwesterblatt "International Herald Tribune". Der Zauderer Sulzberger jr. wandelt sich gerade zu einem zupackenden Krisenmanager

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Krisen verleihen Flügel. Es ist unglaublich, mit welchem Tempo die „New York Times“ und ihr Verleger Arthur Ochs Sulzberger jr. zur Zeit agieren. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht neue „major developments“ zu vermelden sind. Der Verlag verkauft die Hälfte seines schnieken Times Tower, entlässt Mitarbeiter, kürzt Gehälter und schluckt das Schwesterblatt „International Herald Tribune“. Der Zauderer Sulzberger jr. wandelt sich gerade zu einem zupackenden Krisenmanager.
Vor kurzem wurde der 50%-Anteil am schicken Times Tower verkauft und die Flächen für Redaktion und Verlag zurückgeleast. Letzte Woche dann 100 Stellen gestrichen und leitenden Redakteuren und Managern die Gehälter um 5% gekürzt. Gerade ist die Website vom Schwesterblatt „Herald Tribune“ in die der New York Times integriert, gestern dann verschiedene Lokalbeilagen eingestellt – und in den nächsten Wochen wird das zum Verlag gehörende Baseball-Team verkauft werden. Und am Ende all der Umstrukturierungen dürfte eine „New York Times“ stehen, die das Schwesterblatt „Herald Tribune“ schluckt und in der ganzen Welt vertrieben wird – wenn der Verlag denn bis dahin überlebt.
Sulzberger, den Insider eher als großen Zauderer kennen, schlägt plötzlich ein Tempo an, das an Obama erinnert. Dabei sind die Probleme des Verlegers deutlich überschaubarer als die vom US-Präsident – und größtenteils von ihm selbst verschuldet. Zum einen hat es Sulzberger lange versäumt, rechtzeitig in seiner über 1000köpfigen Redaktion Kürzungen vorzunehmen. Zum anderen hat er sich über die Jahre viele unsinnige Beteiligungen und Aktienrückkäufe geleistet, die die Company nur schwächen. „Some see him as a lightweight cheerleader, others as the last, best defender of quality journalism“, schreibt „Vanity Fair“ in seiner neuen Mai-Ausgabe über Sulzberger.
Wohin die Reise in den nächsten Jahren hingehen könnte, wurde diese Tage deutlich: zu einer „New York Times“, die im Web wie auch im Print überall in der Welt erhältlich sein wird. Nach und nach dürfte nämlich die 122jährige Marke „International Herald Tribune“ verschwinden und in „New York Times“ aufgehen.
Der Hintergrund: Seit 2007 ist die „IHT“ vollständig im Besitz der New York Times. Die 35jährige Partnerschaft mit der Washington Post wurde aufgekündigt – und nun ist Sulzberger natürlich frei zu agieren wie er will.
Der erste Schritt ist Integration der Website der „International Herald Tribune“ in das großartige Online-Angebot der „Gray Lady“. Dort firmiert sie jetzt unter „Global Edition“, die man mit einem Knopfdruck („Switch to Global Edition“) ganz oben unter dem New York Times-Schriftzug ansteuern kann.
Das Layout der Website der Global-Edition ist identisch gehalten mit dem des Mutterblattes. Es gibt also den typischen 6 spaltigen Umbruch, der an eine Zeitungsseite erinnern soll. Und bei dieser Gelegenheit übernimmt man auch eines der große Probleme der NYT-Website gleich mit: den Sprung in der Navigation von von der Homepage (vertikal) zum restlichen Angebot (horizontal).
Weniger überzeugend ist dagegen der Print-Relaunch der „Herald Tribune“, der ebenfalls diese Woche über die Bühne ging. Im Gegenzug zum Web entfernt sich die internationale Schwester hier deutlich vom Mutterobjekt. Der sehr ruhige Umbruch wirkt gewöhnungsbedürftig und streckenweise wenig überzeugend. Die „New York Times“ kommt da deutlich professioneller daher.
Aber viel wichtiger als die Qualität dieses Relaunches ist die Frage, wie der Verlag die nächsten Jahre überlebt. Die Strategie kann nur heißen: weg mit den unsinnigen Beteiligungen, Konzentration auf die Kernmarke. Und dort müssen dramatische Kürzungen vorgenommen werden.
Jetzt endlich wird hinter den Kulissen überlegt, wie man die Zeitung kostengünstiger produzieren kann. Die Metro-Section hat man schon in die vordere A-Section integriert und so Papier gespart. Als nächstes wird wohl die Reisebeilage „Escape“ eingestellt und die Zeitschriften-Beilage „New York Times“-Magazine zusammengestrichen. Und so wird es jetzt Woche für Woche weitergehen müssen. Die Entlassungen von 100 Leuten waren erst ein Vorspiel. Die schmerzhaften Maßnahmen kommen noch.
Chefredakteur Bill Keller ist zu diesem Kurs bereit: „Of course it’s difficult, but it’s by no means the most difficult undertaking I’ve had in this job. We’ve had people kidnapped, imprisoned and killed in the line of duty. Compared to that, this is just work“.
„The world’s most celebrated newspaper“ und vor allem ihr Verleger Sulzberger scheinen aufgewacht zu sein. It is about time…

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