re:publica’09: Kein „Kulturpessimismus“

Am Mittwoch öffnet die "re:publica'09 – shift happens" ihre Pforten. Zahlreiche Web-Experten diskutieren auf der dritten Netz-Konferenz in Berlin diesmal über das Thema Medienwandel. Erwartet werden etwa 1.600 Teilnehmer aus dem In- und Ausland. Als Organisatoren zeichnen auch diesmal die Blogger Markus Beckedahl von netzpolitik.org und Johnny Haeusler von Spreeblick.com verantwortlich. Mit ersterem hat MEEDIA vorab gesprochen.

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Welche Themen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen re:publica?
Es stehen verschiedene Themen im Mittelpunkt, die sich alle unter einer Hauptüberschrift zusammenfassen lassen: Medienwandel. Dabei wollen wir diesen Wandel nicht unter kulturpessimistischen Untergangsstimmungen diskutieren, sondern die positiven Beispiele dieses Medienwandels auf die Bühne bringen. In den Bereichen Datenschutz und Politik 2.0 finden zudem eigene Sub-Konferenzen statt.

Welche Bedeutung hat die Konferenz in der deutschen Medienlandschaft?
Wir konnten in einem Zeitraum von zwei Jahren unsere Besucherzahlen mehr als verdoppeln. 2007 zur ersten re:publica kamen 700 Teilnehmer, in diesem Jahr erwarten wir über 1600. Die re:publica ist als Konferenz über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft im deutschsprachigen Raum einzigartig.

Warum?
Bei uns kommen die Akteure zusammen und diskutieren über die Herausforderungen, die der Medienwandel mit sich bringt. Auf anderen Konferenzen kommen häufig Menschen für teures Geld zusammen und machen sich darüber Gedanken, wie man mit diesen Webseiten oder den Akteuren entsprechend Geld verdienen kann.

Erwarten Sie, dass realisierbare Konzepte für den Medienwandel in Krisenzeiten vorgestellt werden?
Wir befinden uns im Augenblick in einer globalen Experimentierphase. Es wäre utopisch, davon auszugehen, dass irgendwer jetzt mit Musterlösungen für einen gelungenen Medienwandel um die Ecke kommt. Außerdem: So lange noch gewisse Leute an Papier als zukunftsfähigem Trägermedium festhalten, wird es schwierig, den digitalen Wandel durchzusetzen.

Für Sie ist Print also bereits tot?
Nein, aber wir haben andere Vorstellungen darüber, wie Inhalte in Zukunft erstellt und verbreiten werden. Diese können etwa kollaborativ innerhalb einer Community erstellt werden – Wikipedia ist dafür ein prominentes Beispiel. Natürlich maßen wir uns aber nicht an, für all die Probleme Lösungen auf der re:publica anbieten zu können.

Bei Ihnen kommen vor allem Blogger und Web-Unternehmer zu Wort. Zum Medienwandel gehört aber auch der Dialog mit den klassischen Medien. Haben Sie auch Vertreter von großen Verlagen eingeladen?
Selbstverständlich haben wir auch Vertreter aus den klassischen Medien eingeladen – einige haben leider aus Zeitgründen abgesagt. Dennoch bieten wir hier durchaus spannende Pannels auf der Konferenz. So wird es am Mittwochnachmittag eine Diskussion über den Medienwandel stattfinden, an der Vertreter unterschiedlicher Medien teilnehmen. Zu Gast sind der Herausgeber des „Freitag“ Jacob Augstein, Helmut Lehnert, Leiter des Programmbereichs Film und Unterhaltung beim RBB, Petra Müller, Geschäftsführerin Standortmarketing beim Medienboard-Berlin-Brandenburg sowie der Gründer der Blogwerk AG, Peter Hogenkamp.

Thema Datenschutz: Erst kürzlich wurde ein neuer Hacker-Angriff auf über 1.000 Rechner (u. a. der Nato) bekannt. Was kann man angesichts der sich häufenden Berichte über Datenklau und -Spionage von der „PrivacyOS“-Konferenz erwarten?
Ein wesentlicher Punkt ist bei der von der EU geförderten Konferenz „Privacy OS“ ist die Frage, wie man den Schutz privater Daten bereits in die Entwicklung entsprechender Software und Hardware integrieren kann. Dazu sitzen bei der „PrivacyOS“-Konferenz, die vor einem halben Jahr erstmals im Europaparlament in Straßburg tagte, Software-Entwickler, über 100 Datenschützer und Betreiber von Social Communities zusammen. Ziel muss es sein, den Datenschutz bei der Entwicklung neuer Technologien von Anfang an mitzudenken. Schließlich bedeuten sichere Produkte immer auch einen Wettbewerbsvorteil.

Thema Politik: Worum wird es auf der Sub-Konferenz zum Thema „Politik 2.0 – Neue politische Öffentlichkeiten im Netz“ gehen?
Wir gehen das Thema Politik im Web 2.0 von zwei verschiedenen Seiten an. Zum einen untersuchen wir, wie sich junge Menschen auf der ganzen Welt das Web 2.0 nutzen, um sich miteinander politisch zu vernetzen. Dazu haben wir Experten aus verschiedenen Kontinenten eingeladen, um über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu diskutieren. Zum anderen beobachten wir genau, wie politische Akteure, also Parteien und Politiker, im Jahre eins nach der Obama-Wahl in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter agieren.

Die Parteien rüsten sich langsam für den Bundestagswahlkampf. Was können wir im Web noch alles erwarten?
Die Aktivitäten der Parteien im Web 2.0 sind noch immer recht überschaubar. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass die FDP, die SPD und die Grünen hier am besten aufgestellt sind. Hier sind die meisten Bewerber für ein Mandat in sozialen Netzen aktiv. Die Web-Aktivitäten der CDU setzen weniger auf Interaktion. Bei den Christdemokraten scheint die Meinung vorzuherrschen, dass es ausreicht, einmal ins Bierzelt zu gehen, um genügend Stimmen zu ergattern. Die Linke ist am weitesten abgeschlagen. Hier wird in einem Leitfaden den Kandidaten geraten, sich vor Aktivitäten in sozialen Medien erstmal eine Webseite anzuschaffen. Klar ist: YouTube und Facebook sind von den Parteistrategen als Plattformen ausgemacht worden, auf denen sie sich den Onlinewahlkampf zutrauen. Hinzu kommt ein wenig Twitter, das in Deutschland trotz starker Medienpräsenz in den letzten Wochen dennoch nicht die große Menge Wähler erreicht. Allerdings wird Twitter den Wahlkampf beschleunigen .

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