Die Favoriten für den Grimme-Online-Award

Heute endet die Vorschlagsfrist für die Grimme-Online-Awards. Im Juni werden dann zum neunten Mal acht Preise in vier Kategorien vergeben. Die Flut der eingegangenen Bewerbungen war auch in diesem Jahr immens. Rund 600 Webseiten liegen nun auf den Tischen der Nominierungskommission. Mit dabei: Die versammelte deutsche Blogosphäre, jede Menge Öffentlich-Rechtliches und einige Projekte, die den Award auch verdient hätten. MEEDIA hat sich durch die Vorschläge geklickt und einige Fundstücke ausgegraben.

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Acht Preise, weit über 600 Vorschläge

In vier Kategorien werden die Awards vergeben. Der Grimme-Online-Award „Information“ zeichnet herausragende Beiträge des Online-Journalismus und der Informationsvermittlung aus, die demonstrieren, wie das Internet für aktuelle Formen der Information, für vertiefende Analysen und Reportagen, aber auch für publizistische Kritik und Kontrolle eingesetzt werden kann. Der Grimme-Online-Award „Wissen und Bildung“ prämiert beispielhafte Internet-Formate, die der Vermittlung von allgemein relevanten Wissensinhalten dienen und einen Beitrag für gesellschaftliche Bildung, Beratung und Aufklärung leisten.

Der Grimme-Online-Award „Kultur und Unterhaltung“ zeichnet herausragende Online-Angebote aus, die hochwertige Formate sowie kreative Konzepte der Kulturvermittlung und Unterhaltung entwickeln. Unterhaltung muss auf hohem inhaltlichen und formalen Niveau geboten werden. Der Grimme-Online-Award „Spezial“ prämiert innovative und qualitativ herausragende Konzepte und Beispiele für publizistisch relevante Web-Angebote sowie publizistische Einzelleistungen von besonderer Qualität, die den ersten drei Kategorien nicht zuzuordnen sind. Die bisweilen stressige Arbeit der Kommission hat das 3sat-Magazin „neues“ dokumentiert.

Entschleunigung wird belohnt
Nach der ersten Sitzung der Nominierungskommission fasste Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, seinen Blick auf die bislang eingereichten Vorschläge wie folgt zusammen: „Mein Eindruck nach dem ersten Quersehen der Vorschläge: Das Web 2.0 hat an publizistischer Reife gewonnen. Es ist nicht mehr nur die Angelegenheit weniger Eingeweihter.“ 

Viele der vorgeschlagenen Websites, so Neuberger, der seit 2002 als Mitglied der Nominierungskommission für den Grimme-Online-Award tätig ist, wendeten sich an ein breites Publikum und regten zum Mitmachen an. Oftmals werde die Nominierungskommission dort fündig, wo Schnelligkeit nicht das wichtigste Kriterium sei: „Qualität und inhaltlichen Ertrag bieten besonders solche Websites, die nicht dem Trend zur Beschleunigung folgen.“ Die Nominierungskommission trifft bei ihrem nächsten Zusammenkommen eine Auswahl, die sie dann wiederum an die Jury weiterleitet.

Balkonien vs. Vize-Präsident

Unter den eingereichten Seiten haben sich neben den üblichen Verdächtigen auch einige Fundstücke versteckt, die eines deutlich machen: Ohne Web-TV geht es nicht mehr. Ein genial einfaches und lobenswertes Projekt ist „Balcony TV“. Der Balkon-Sender ist nun schon seit dem 1. September 2007 auch von Hamburg aus online. Nach einem erfolgreichen Jahr in Irland, wo die Seite 2007 mit dem „Best Music Website Award“ bei den Irish Digital Media Awards ausgezeichnet wurde, folgte weltweit als erster Ableger ein deutscher Balkon zur Welt – mitten über dem Herzen Hamburgs, der Reeperbahn. Auf den fünf Quadratmetern zeigen Kreative, ob Singer/Songwriter, Comedians, Liedermacher, Rock- und Pop-Kombos, Bauchtänzer oder Keyboardvirtuosen, ihr Können.

Neben so viel jungem Elan hätte aber auch ein alter Web-Hase einen Award verdient: Ted.com. TED steht für Technology, Entertainment, Design. Die alljährliche Konferenz startete erstmalig 1984. Das Ziel der Veranstalter war und ist es, interessante Personen aus diesen drei Bereichen zusammenzubringen. Mittlerweile kann der User im Archiv über 200 Präsentationen und Reden abrufen. Darunter: Al Gore, New-York-Times-Kolumnist David Pogue, Lost-Erfinder J.J. Abrams oder U2-Frontman Bono. Weitere eingereichte Web-TV-Formate sind die berühmt-berüchtigen Candygirls, das Kunstportal Artsite, das Webserienportal 3min.de und die Fernsehkolumne „Was kuckt Kühn“ von stern.de. 

Blogosphäre und Öffentlich-Rechtliche stark vertreten

Auch das krisengebeutelte und eingestellte Giga-TV ist unter den Vorschlägen. Vielleicht darf das Team um Geschäftsführer Stephan Borg auf eine nachträgliche Ehrung hoffen. Bei den Blogs dürften sich Carta.info, das Handelsblatt-Blog „Indiskretion Ehrensache“ und das Blog-Konglomerat Science-Blogs gute Chancen ausrechnen. Die Blogosphäre wird in der reinen Masse der Vorschläge nur noch von den Öffentlich-Rechtlichen übertroffen. Darunter dreimal die ZDF-Mediathek, zehn weitere ZDF-Formate (unter anderem die ZDF-Geothek und der gelungene Olympia-Blog), drei Vorschläge von 3sat, drei Seiten des WDR, zwei des MDR sowie die Homepage des NDR-Medienmagazins Zapp

Andere Vorschläge beeindrucken nicht mit schmucker Optik, aber großem Nutzwert, so die Webseite Verkehrs-db. Die Verkehrs-Datenbank listet Auskünfte aller nur denkbaren öffentlichen Personennahverkehrsbetriebe weltweit. Zwei eingereichte Seiten befassen sich auf sinnvolle Weise mit GPS-Daten. Zum einen Plebs.tv. Die Website ist das weltweit erste User-Generated-Reality-Portal, das Content Sharing und Social Networking mit georeferenzierten Daten verbindet. Daraus soll eine einzigartige Infotainment-Plattform entstehen: Erlebnisberichte und Augenzeugenberichte von Menschen für Menschen festgehalten auf einer Weltkarte. Absolut-GPS ist ein Projekt von Philipp Heinrich, sich seit 2003 mit der Vermessung von GPS-Tracks beschäftigt. Die Website hat sich auf die Bereiche Mountainbike und Nordic-Walking spezialisiert. Fans dieser Sportarten können sich hier über ideale Wanderrouten informieren und sich die passenden GPS-Daten herunterladen.

Multimedialer Geschichtsunterricht

Ob Christoph Neuberger mit Entschleunigung auch den Blick in die Vergangenheit gemeint hat, ist nicht gesichert. Dennoch scheint die multimediale Aufbereitung deutscher und europäischer Geschichte in diesem Jahr durchaus preiswürdig. Für das Projekt „60 Jahre Deutschland“ zeichnen Schüler der Henri-Nannen-Journalistenschule verantwortlich. Für die grafische Umsetzung haben Grafiker der stern.de-Redaktion gesorgt. Anschaulich aufbereitet, lässt sich für jedes Jahrzehnt ein typisches Wohnzimmer inspizieren, in dem der User deutsche Geschichte erleben kann.

Beim Klick auf den Fernseher erzählt Fernsehkolumnist Alexander Kühn, was im jeweiligen Jahrzehnt über den Äther flimmerte. Die ZDF-Geothek macht sich die Archive zunutze. Den Schwerpunkt des Mediathek-Addons bilden Berichte, Reportagen und Dokumentationen aus den ZDF-Auslandsstudios. Unter geothek.zdf.de können Internetnutzer auf einer Weltkarte navigieren, Kontinente oder Länder heranzoomen und teilweise jahrzehntealte Inhalte auswählen.

Welche Websites für den Grimme Online Award nominiert sind, gibt das Grimme-Institut am 12. Mai in der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf bekannt. Die Verleihung findet dann am 24. Juni 2009 in der Kölner Vulkanhalle statt.

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