Die Auftritte der Medien-Bellheims

Was für eine Medienwoche! Bertelsmann mit mauer Bilanz, der Antrittsbesuch der Verleger-Familie DuMont bei der „Berliner Zeitung“, die Bauer Media Group will Postbote werden, Springer hat ein seltsames Verständnis von Expansion, Peter Turi schockt mit Twitter-Werbung und Dieter von Holtzbrinck feierte unter dem Applaus der Belegschaft sein Comeback als Verleger. Da bleibt kaum Zeit zum Luftholen.

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Gleich zwei große Auftritte von Verlegern des ganz alten Schlags diese Woche. Beide Male gab es tüchtig Applaus von der Belegschaft. In Berlin trat die gesamte Führungsriege des Hauses DuMont an, um den gebeutelten Mitarbeitern des Berliner Verlags gut zuzureden. Alfred Neven DuMont war wieder mal der Coolste von allen. Als er zur „Berliner Zeitung“ gesagt hatte, was zu sagen war, was nicht viel war, verabschiedete er sich ratzfatz ins Hotel.

Der zweite große Bellheim-Auftritt der Medienwoche fand weit abgeschieden statt: in Zürs am Arlberg. Bei der jährlichen Management-Tagung der Verlagsgruppe Holtzbrinck war plötzlich ein alter Bekannter (67 Jahre) mit von der Partie: Dieter von Holtzbrinck. Der übernimmt von seinem jungen Halb-Bruder Stefan praktisch alles aus der Verlagsgruppe, was Rang und Namen hat: „Handelsblatt“, „WirtschaftsWoche“, „Tagesspiegel“ und die Hälfte der „Zeit“. In den Redaktionen, die unter die Fittichen des Alten zurückkehren, wird gejubelt und der Sekt entkorkt. Da muss es doch einen gewissen unterschwelligen Leidensdruck gegeben haben. Ob der alte Holtzbrinck und der noch ältere DuMont die Heilserwartungen ihrer Angestellten so vollumfänglich erfüllen können wie einst Mario Adorf als zurückkehrender Kaufhaus-König Bellheim in dem Dieter-Wedel-Streifen von 1993, sei mal dahingestellt. Auch unter Dieter von Holtzbrinck wurde bei der VHB schon gespart und aus dem DuMont-Hauptquartier in Köln sind auch nicht immer nur freundliche Worte über den Verleger zu hören.

Die Bauer Media Group pflegt weiter ihr neues Faible für englische Firmennamen und gründet das Bauer Postal Network. Die knochenharten Vertriebsprofis bei Bauer wollen künftig auch mit Briefen und Paketen Geld verdienen. Kommt uns das bekannt vor? Ach ja richtig – die Axel Springer AG hat mit ganz ähnlichen Plänen vor nicht allzu langer Zeit so um die 600 Mio. Euro versemmelt. Egal, sagen die Bauers, wir können das besser! Bis 2010 soll das Postal Network Rendite abwerfen. Oder aber das Postal Network wird abgeworfen.

A propos Axel Springer. Gerade neulich hat der Vorsitzende Mathias Döpfner anlässlich seiner Rekordzahlen große Worte in den Mund genommen. Er liebe die Krise geradezu, konnte man da meinen, und plane Zukäufe und Expansion usw. Bei manchem Mitbewerber kamen derlei pathetische Ankündigungen nicht so gut an. Heimlich hat man sich dann auch hier und da ins Fäustchen gelacht, als im Laufe der Woche die nächsten Nachrichten aus dem Springer-Reich eintrudelten. Der Kauf der polnischen Wirtschaftszeitung „Rzeczpospolita“ wurde von Springer abgeblasen. Und das Wirtschaftsmagazin „Markt und Mittelstand“ hat Springer an den FAZ-Fachverlag für Finanz- und Unternehmermedien verkauft. Wie war nochmal genau die wörtliche Bedeutung von „Expansion“?

Lammfromm und bescheiden gab sich Bertelsmann-Vorstandschef Hartmut Ostrowski bei der Vorstellung seiner Zahlen für 2008. Kein Wunder. Der Konzerngewinn brach um ein Drittel ein. Vom viel beschworenen Wachstum keine Spur. Die Kurve so mancher Power-Point-Folie zeigt derzeit nicht wie gewünscht nach rechts oben, sondern eher nach rechts unten. Geht ja derzeit fast allen so. Aber alles kein Problem: „Wir wollen gar nicht die Größten sein“, „Wachstum an sich ist kein Ziel“ und: „Wir sehen keine Probleme, sondern Herausforderungen“, so die sinngemäßen Worte Ostrowskis. Merke: Wenn‘s mal nicht so dolle läuft, sollte man wenigsten die richtigen Euphemismen zur Hand haben.

Und dann war da noch das Gespenst der Twitter-Werbung, beschworen vom Branchendienst Turi2, der ankündigte, nun auch Kurz-Anzeigen via Twitter zu verkaufen. Empörtes Gezwitscher auf allen Kanälen inklusive diverser Drohungen, den bösen Kommerz-Twitterer Turi2 fortan mit Missachtung zu strafen. Das Ende vom Lied bisher: Der Twitter-Feed von Turi2 hat nach dem Sturm im Wasserglas mehr Abonnenten (Follower) als vorher. So ist das wohl mit Kommunikations-Dienstleistungen: Hauptsache man bleibt im Gespräch.

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