Zeitschrift des Jahres: „The Economist“

Während überall die Auflagen sinken, gibt es eine Zeitschrift, die stetige Zuwächse verzeichnet: das britische Nachrichten-Magazin „The Economist“. Gerade wurde es vom Werbefachblatt „Adweek“ auf Platz 1 seiner diesjährigen „Hot-List“ gesetzt. Dabei hat die Zeitschrift einen Look, der auf den ersten Blick so gar nicht ins Internet-Zeit passt - aber das täuscht. Deutsche Medienmacher sollten sich „The Economist“ einmal genauer ansehen: ein faszinierendes Produkt auf dem kriselnden Magazinmarkt.

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Während überall die Auflagen sinken, gibt es eine Zeitschrift, die stetige Zuwächse verzeichnet: das britische Nachrichten-Magazin „The Economist“. Gerade wurde es vom Werbefachblatt „Adweek“ auf Platz 1 seiner diesjährigen „Hot-List“ gesetzt. Dabei hat die Zeitschrift einen Look, der auf den ersten Blick so gar nicht ins Internet-Zeit passt – aber das täuscht. Deutsche Medienmacher sollten sich „The Economist“ einmal genauer ansehen.  
Es sind weltweit keine leichten Zeiten für Zeitschriften. Das gilt auch und besonders für Nachrichten-Magazine. In den USA fallen z.B. die Auflagen von „Time“ und „Newsweek“ und auch deren Anzeigengeschäft kennt nur eine Richtung: nach unten. In Deutschland hat der „Spiegel“, wie ein Blick in den MEEDIA-Analyzer zeigt, in den letzten 5 Jahren 24% im Einzelverkauf verloren, „Focus“ sogar 42%. Eigentlich könnte man denken, die Nachrichten-Magazine haben ihre beste Zeit hinter sich… 

Aber es gibt eine Ausnahme, und die kommt aus England: „The Economist“ hat in den letzten 10 Jahren fast 100% an Auflage zugelegt! Dabei arbeitet das vom Layout schlicht gehaltene, ruhig wirkende Blatt mit einer sehr anspruchsvollen Redaktionsformel: es bringt analysierende, lange Artikeln aus einem globalen Blickwinkel. Viel Text, wenig Fotos. Und hat eine ausgesprochen defensive „Verkaufe“: kleine Headlines und kurze Vorspänne. Das alles wirkt wie eine Gegenbewegung zu den schnellen, oberflächlichen Internet-News. 
Das 1843 gegründete liberale Wochenblatt, an dem die „Financial Times“ mit 50% beteiligt ist, bezeichnet sich selbst als „Newspaper“. Schwerpunkt der Berichterstattung sind Politik, Business und Finanzen. Das Blatt über sich selbst: „The Economist considers itself the enemy of privilege, pomposity and predictability“. 

Wie früher beim „Spiegel“ so findet man heute noch im „Economist“ kaum eine Autorenzeile. „Many hands write The Economist, but its speaks with a collective voice. The main reason for anonymity, however, is a belief that what is written is more important than who writes it“. 

Der Economist hat inzwischen weltweit eine Auflage von fast 1,4 Mio. Exemplare, von denen 786.000 in den USA, 426.000 in Europa und 133.000 Exemplare im asiatisch-pazifischen Raum verkauft werden. Der Langfrist-Trend ist beeindruckend:

Diese Entwicklung kommt in einer Zeit, in der die Konkurrenz – speziell in den USA – kontinuierlich ihre Garantieauflage für die Anzeigenkunden zurücknimmt: 
 
                        2006             2007           2008          2009 
Time               4,0 Mio.         3,2 Mio.       3,2 Mio.        2,6 Mio.
Newsweek      3,1 Mio.         3,1 Mio.       2,6 Mio.        1,9 Mio.(ab Juli)
Economist      0,5 Mio.         0,6 Mio.       0,7 Mio.         0,8 Mio.
 
Angesichts dieser Zahlen ist es wenig verwunderlich, dass sowohl „Time“ wie auch „Newsweek“ ihre Ausrichtung immer mehr dem „Economist“ anpassen. Die Chefredakteure Jon Meacham („Newsweek“) und Richard Stengel („Time“) sprechen fast unisono von einer „transition from newsmagazine…. to a thought leader“. Sie wollen also weniger schnelle Nachrichten, dafür aber mehr analysierende, längere Hintergründe ins Blatt bringen, wie es eben  „The Economist“ vorexerziert.  
Auch der einen oder anderen Zeitschrift in Deutschland sollte der Auflagenerfolg vom Economist zu denken geben. Vielleicht erwarten Internet-User von einer Zeitschrift ja gar keine kurzen Lesehäppchen, schnelle Infographiken und reisserischen Verkäufe mehr. Vielleicht suchen sie im Print eher das Kontrastprogramm zum Web. Auch der Erfolg der „Zeit“ könnte dafür ein Beleg sein. 

Ich finde, „Adweek“ hat recht: „The Economist“ ist die Zeitschrift des Jahres. Sie beweist, dass es auch heute noch faszinierende Printprodukte geben kann.

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