Werbung twittern – ein Erfolgsmodell?

Kaum ein Tag vergeht, an dem Twitter nicht für Schlagzeilen sorgt – in der letzten Woche allein in der "Wirtschaftswoche", "Gala" oder der "Bild-Zeitung". Kein Wunder, dass auch Werbetreibende von der enormen Popularität des boomenden Microblogging-Diensts etwas abhaben wollen. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat der deutsche Branchendienst Turi2 gewagt, der seit gestern Tweets mit Werbebotschaft verschickt. Die Twittersphäre rumort: Geht Peter Turis Rechnung auf?

Anzeige

Dienstagmorgen, 10:30 Uhr – Primetime für die Medienbranche. Branchenriese Bertelsmann verkündet seine mit Spannung erwartete Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr. Binnen einer Minute zwitschern zwei ziemlich widersprüchliche Nachrichten zu ein- und derselben Bilanz über den immer beliebteren Kommunikationskanal Twitter.

„Bertelsmann kämpft mit stagnierendem Umsatz und sinkenden Gewinnen. Gleich mehr bei kress.de“, ist da beim Branchendienst um 10:35 Uhr zur lesen. Eine Minute zuvor lief bei der Konkurrenz von Turi2: „Bertelsmann hält Umsatz 2008 stabil – 16,1 Mrd Euro. Umsatzrendite bei 9,7 %. Pressemitteilung + Live-Video: http://arm.in/1wv“

Bertelsmann verschickt über Turi2 den ersten werblichen Tweet

Eine Unternehmensbilanz, zwei Lesearten? Nicht ganz. Tatsächlich war der 140-Zeichen-Mitteilung von turi2 ein kleiner, aber entscheidender Zusatz vorangestellt. „Anzeige“ ist zu lesen – eine klare Kennzeichnung, die manchen Nutzer überrascht hat.

Nanu, Werbebotschaften über den Mikroblogging-Dienst, der selbst bislang so beharrlich auf  Werbung verzichtet hatte? Genau das wird ab sofort möglich sein, wie Turi selbst wenige Stunden zuvor angekündigt hatte: „Anzeige: Fachwerbung in Echtzeit – turi2 bietet ab sofort Twitter-Werbung.“

Klare Ansage: „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich – und turi2 nicht die Caritas“

In der Twittersphäre wird die neue Werbemaßnahme dann auch umgehend diskutiert: „Wenn ihr Werbetweets hier abliefert, fliegt ihr raus aus meiner Timeline“, twitterte neuerdings.com-Chefredakteur Don Dahlmann umgehend. Andere Twitterer äußert ebenfalls ihren Unmut und drohten turi2 zu „unfollowen“. Trotzdem hatte der Twitterkanal des Branchendienstes am Ende des Tages mehr Follower als tags zuvor. 

 
Die aufkommende Kritik ließ Turi selbst abtropfen: „@mögliche Unfollower: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich – und turi2 nicht die Caritas.“ Der Versuch, mit dem boomenden Kommunikationskanal Geld machen zu wollen, erscheint naheliegend. Allein: Kann er Erfolg haben?

Turi2-Twitter-Anzeige: 2,27 Euro pro Buchstabe

250 Euro abzüglich „20 % Direktbucher-Rabatt“ kostet die Werbenachricht – pro Tweet wohlgemerkt. Bei „110 Anschlägen plus Link“ werden damit 2,27 Euro pro Buchstabe fällig.

Gerade im Vergleich zu anderen aus den Online-Medien bekannten Werbeformen erscheint die Direktnachricht „in Echtzeit“ alles andere als günstig: Rund 2400 Follower erreicht turi2 inzwischen. Das entspricht einem branchenunüblich hohen Tausender-Kontakt-Preis (TKP) von 100 Euro – bei Werbebannern der großen Portale sind inzwischen Preise deutlich unter 10 Euro nicht unüblich. 10 Cent kostet der Follower damit – pro Tweet, der sich schnell versendet und bei vielen Followern entsprechend schnell nach unten rückt.

Peter Turi: „Abgerechnet wird später“

„Sorry, aber wer doof genug ist, 250 Euro für nen Tweet bei Turi2 zu löhnen, der hat es auch nicht anders verdient als 250 Euro zu zahlen“, kann sich der Twitterer ramses101 eine Buchung kaum vorstellen.

Doch nicht nur Bertelsmann soll keine Ausnahme bleiben, erklärt Peter Turi gegenüber MEEDIA: „Es haben sich gestern prompt einige Interessenten gemeldet – sogar mit noch weiteren interessanten Vorschlägen für Werbung in Twitter“, so der Chefredakteur von turi2.

„Banner waren gestern, die Fachwerbung muss im Web neue Wege gehen.“ Der Ausgang des Experiments scheint völlig offen: „Wir bieten unseren Kunden die neue Werbeform jetzt an und schauen mal, wie die Resonanz ausfällt. Abgerechnet wird später.“

Werbliche Tweets: Alpha-Blogger Robert Scoble machte den Anfang

Ganz neu ist die Idee übrigens nicht: Vor einem Jahr hatte der Alpha-Blogger Robert Scoble in den USA im Auftrag des Festplattenherstellers Seagate sich zu ersten Werbe-Tweets hinreißen lassen: „ANZEIGE: Seagate-Festplatten sind super. Ich wurde dafür bezahlt, das zu sagen, hätte es aber auch so gesagt“, twitterte Scoble im Mai letzten Jahres.

Ob sich der boomende Microblogging-Dienst, der selbst mit Hochdruck an einem Konzept für Werbeerlöse feilt, aktuell aber immer noch keinen Cent einnimmt, sich die Anzeigen-Selbstbedienung über den eigenen Kommunikationskanal lange ansieht, erscheint ziemlich fraglich.

Turi2 indes bleibt zunächst gelassen: „Unsere Welt ist bunt. Bisher kennen wir kein Gesetz, das Werbung in Twitter verbietet“, erklärt Peter Turi. „Werbe-Tweets werden gleich am Anfang mit „Anzeige“ gekennzeichnet. Und allen aufgeregten Followern bleibt schließlich die Wahl, uns zu verfolgen oder eben nicht.“

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige