„Das Niveau sinkt immer tiefer“

Wer Bewegtbild-Formate sucht, die sich kritisch mit dem Medium Fernsehen auseinandersetzen, muss lange suchen. „Zapp“ beim NDR ist eine Ausnahme - oder „Fernsehkritik.TV“. Die Sendung gibt es aber nur im Internet und wird von dem freien TV-Journalisten Holger Kreymeier im Alleingang produziert und moderiert. Mit zwei Sendungen pro Monat erreicht er damit bis zu 50.000 Zuschauer. MEEDIA sprach mit dem Fernsehkritiker über seine ganz private Erfolgsstory in Sachen Web-TV und seinen Ärger mit dem NDR.

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Wenn man Fernsehkritik.TV sieht, könnte man den Eindruck bekommen, im TV läuft fast nur noch Mist – warum widmen Sie sich diesem Unsinn mit solcher Hingabe?
Es läuft ja auch viel Mist. Und da das Fernsehen sich nicht kritisch hinterfragt, muss es das Internet eben tun. Aber zugegeben: Es macht mir auch Spaß, ordentlich die Keule zu schwingen. Wobei ich in der 25. Folge, der Jubiläumsfolge, verraten werde, was ich im Fernsehen gern sehe.

Wieviele Zuschauer hat ihr Web-TV Format im Durchschnitt?
Es sind bis zu 50.000 Zuschauer. Der NDR hat mir geholfen, dass die Zahl nochmal ordentlich zugenommen hat.

Sie beziehen sich darauf, dass der NDR die Zusammenarbeit mit Ihnen als Freier Mitarbeiter beendet hat, weil Sie die Kampagne www.dafuer-zahl-ich-nicht.de gestartet haben. Sie haben dem NDR daraufhin Falschaussagen vorgeworfen. Worum ging es bei diesem Streit?
Der NDR hat in der Tat die Zusammenarbeit mit sofortiger Wirkung mit mir beendet, nachdem das Justiziariat erfahren hatte, dass ich als freier NDR-Mitarbeiter hinter dieser Kampagne stecke. 18 bereits verabredete Arbeitstage für den März durfte ich nicht mehr wahrnehmen. Meine Chefin sagte mir dann am Telefon, der Bereichsleiter wolle nochmal mit mir sprechen – allerdings nur, um in aller Form nach drei Jahren Mitarbeit tschüss und danke zu sagen. Am Sachverhalt selbst, also meiner Entlassung, könne nichts mehr geändert werden. In seiner Stellungnahme verdrehte der NDR dann die Tatsachen und tat so, als hätte ich ein Gespräch über eine weitere Zusammenarbeit mit dem NDR abgelehnt – das war schlichtweg gelogen. Ebenso war es merkwürdig, mich als „geringfügig Beschäftigten“ abzustempeln, obwohl ich bis Dezember 2008 bei der NDR-Tochter Studio Hamburg fest angestellt war und, wie schon gesagt, allein im März hätte 18 Tage arbeiten sollen. Auch war es nicht gerade freundlich vom Sender, in dem Zusammenhang meine Kolleginnen und Kollegen von der Untertitel-Redaktion und aus dem Online-Bereich zu diffamieren – indem man so tat, als hätte ich beim NDR nur anspruchslose Fußabtreter-Arbeit geleistet.

Wo sehen die meisten Ihre Sendung? Im Web? Bei Youtube oder als Podcast via iTunes?
Auf meiner eigenen Seite www.fernsehkritik.tv. Ich habe einen Server. Am meisten wird der Flash-Player genutzt. Podcast macht etwa 10-15% der Zuschauer aus. Auf YouTube gibt es nur einige Ausschnitte zu sehen, von dort kommen aber immer wieder neue Zuschauer – also ist YouTube als Werbeplattform schon ganz gut nutzbar.

Können Sie damit genug Geld verdienen, um zu leben?
Nein, das wäre schön. Ich verdiene ein bisschen Geld mit Werbung und Merchandising. Ich habe eine kleine Filmproduktion, mit der ich u.a. Imagefilme für Unternehmen drehe. Und auch als Journalist arbeite ich gelegentlich. Das sind die Haupteinnahmequellen.

Es wird keine Werbung gezeigt und Fernsehkritik.TV ist kostenlos – woher kommen überhaupt Einnahmen?
Doch, es wird Werbung gezeigt. Auf der Seite steht Werbung und beim Podcast läuft derzeit auch ein Spot vorweg. Ich suche immer noch nach einem Bewegtbildspot, den ich beim Flash-Player vor den Beginn einer Folge schalten kann. Aber um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich mache Fernsehkritik-TV nicht wegen Geldes, sondern weil es mir einfach wichtig ist. Es ist auch eine Art Mission, denn wenn Jugendliche mir schreiben, dass sie das Format cool finden und seitdem Fernsehen mit anderen Augen sehen, dann macht mich das sehr glücklich. Das ist viel mehr wert als Geld.

Wieviel Zeit braucht die Produktion einer Sendung?
In der Endphase mit Moderation, Endschnitt und Upload sind es etwa zwei bis drei Tage. Die einzelnen Beiträge recherchiere und schnippele ich in den Tagen vorher, wenn ich Zeit finde – meistens tief in der Nacht.

Und wie lange sitzen Sie täglich vor dem Fernseher?
Gar nicht viel. Ich erhalte ja dankenswerterweise viele Hinweise von Zuschauern. Und ich studiere natürlich vorher die Fernsehzeitschrift sehr genau und programmiere den Festplattenrecorder für Sendungen, die evtl. im Magazin thematisiert werden können.

Sie haben mit www-dafuer-zahl-ich-nicht.de eine Kampagne gegen Rundfunkgebühren gestartet – warum?
Ich habe keine Kampagne gegen Rundfunkgebühren gestartet, sondern für mehr Niveau bei ARD und ZDF. Mit keinem Wort habe ich die Abschaffung der Gebühren gefordert oder zu einem Boykott aufgerufen. Bei ARD und ZDF sehe ich inzwischen in fast allen Bereichen Defizite und sehe nicht ein, für eine solche kreative Saft- und Kraftlosigkeit Geld zu bezahlen. Der ARD fällt nichts anderes mehr ein, als jetzt die mittlerweile fünfte Daily Soap im Fernsehen zu starten – eine Art Verdummungsorgie am Fließband. Und auch auf dem Informationssektor wird es immer schlimmer: ARD und ZDF haben, insbesondere in ihren Boulevardmagazinen, beim Amoklauf in Winnenden genauso rücksichtslos agiert wie Privatsender. Die Öffentlich-Rechtlichen haben einen Kultur- und Bildungsauftrag, der immer mehr untergraben wird. Das ZDF beispielsweise hatte im vergangenen Jahr die Büchersendung mit Elke Heidenreich auf einem eigenen Sendeplatz und jeden Freitag die Kultursendung „Aspekte“. Die neue Büchersendung mit Amelie Fried wird nun auf dem Sendeplatz von „Aspekte“ gezeigt – also eine weitere Einschränkung der Kultur im ZDF. Und in der ARD wird der „Scheibenwischer“ zu einer Art Comedy-Show, was Dieter Hildebrandt zu Recht erzürnt. Die Verflachung bei den Öffentlich-Rechtlichen schreitet voran – man sieht es an vielen Stellen. Dafür zahl‘ ich nicht.

Sind Rundfunkgebühren nicht der Garant für einen letzten Rest von Qualität im Fernsehen?
Ja, das ist der Sinn dieser Gebühren. Aber wie gesagt: ARD und ZDF untergraben dies gnadenlos. Am tollsten finde ich ja immer das Argument, dass die Öffentlich-Rechtlichen auch flaches Programm bringen müssten, um ihre Akzeptanz im Volk zu wahren. Das ist erstens eine Beleidigung der Fernsehzuschauer und zweitens sieht man ja an vielen positiven Reaktionen auf meine Kampagne, dass ARD und ZDF gerade mit der zunehmenden Verflachung an Rückhalt verlieren. Denn warum soll ich für etwas bezahlen, was ich bei Privatsendern kostenlos bekomme?

Wie ist die Resonanz auf diese Kampagne?
Die Mehrheit stärkt mir den Rücken und möchte auch selbst etwas tun. Deswegen habe ich jetzt ja eine Petition in den Bundestag eingereicht, die dann, wenn sie online ist, jeder mit seinem Namen unterstützen kann. Gefordert wird darin ein Verbot von Werbung und Sponsoring in ARD und ZDF sowie ein Verbot von Quotenmessungen für die Öffentlich-Rechtlichen. Denn der Druck von Kommerz und Quote ist es, der ARD und ZDF kaputt macht. Da hilft es auch nichts, mir dann immer wieder Beispiele von niveauvollen Sendungen wie „Tatort“ und „Terra X“ vorzuhalten. Ich kann auch bei den Privaten positive Beispiele wie „Stromberg“ und „Wer wird Millionär?“ aufzählen. Das ist für mich kein Argument.

Sinkt das Niveau im Fernsehen immer tiefer – oder macht es nur einfach Spaß über das Fernsehen zu meckern?
Das Niveau sinkt immer tiefer. Das Fernsehen beutet menschliche Schicksale immer gnadenloser aus, mit Call-In-Spielen wird dem Zuschauer obendrein das Geld aus der Tasche gezogen. Früher hat man sich bei den Sendern gefragt: Wie können wir heute den Zuschauer gut unterhalten und was können wir für ihn tun? Heute fragt man: Wie kommen wir am besten an sein Geld und wie tragen wir zu seiner Verdummung bei, um besser Werbespots zu verkaufen? Rudi Carrell hat in den 90er Jahren mal gesagt: Früher war das Fernsehen ein Tante-Emma-Laden, heute ist es ein Supermarkt. Jetzt, 15 Jahre später, sage ich: Früher war das Fernsehen ein Tante-Emma-Laden, dann wurde es zum Supermarkt und nun ist es undurchsichtiger Laden mit dunklen Scheiben, in dem man jederzeit Angst haben muss, übers Ohr gehauen zu werden.

Welches war ihr schlimmstes TV-Erlebnis?
Die Sendung „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“. Das war eine Art Spielshow auf RTL II, in der Menschen mit Geld gelockt wurden, intimste Geheimnisse auszuplaudern. Je peinlicher und sexueller es wurde, desto mehr Geld gab es. Eine Art televisionäre Prostitution. Ich habe ja vieles im Fernsehen für möglich gehalten – aber das war der Knaller.

Und das schönste?
Die schönsten TV-Erlebnisse lagen in meiner Kindheit und Jugend. Große Samstagabendunterhaltung mit Kuli und Carrell war einfach klasse. ich habe ein paar alte Shows in meinem TV-Archiv und finde auch heute noch, dass das kreative Glanzleistungen waren. Es ist doch schon bezeichnend, dass die derzeit einzige wirklich kreative Samstagabendshow auf ProSieben läuft: Bei „Schlag den Raab“ gibt es unterhaltsame, abwechslungsreiche Spielrunden. Man merkt, dass sich da eine Redaktion wirklich anstrengt, gute Unterhaltung abzuliefern – und das obendrein live und ohne zeitlichen Druck. Das hat meinen Respekt.

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