„Die Zeit“ – die krisenfeste Medienmarke

Fragt man Mediaplaner nach erfolgreichen Print-Titeln, dann fällt neben der immer wieder zitierten „Landlust“ vor allem ein Name: „Die Zeit“. Vor Jahren als tantig oder altbacken geschmäht, hat sich die „Zeit“ zu einer krisenfesten Medienmarke entwickelt, die Auflagenrekorde feiert, während woanders Depression herrscht. Online hinkt die „Zeit“ noch etwas hinterher – holt aber auf. MEEDIA sprach mit „Zeit“-Geschäftsführer Rainer Esser über Erfolg in schwierigen Zeiten.

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Landauf landab klagen Verlage über dramatische Anzeigeneinbrüche. Von bis zu Minus 40 Prozent ist die Rede. Wie sieht es beim Zeit-Verlag aus?

2009 ist für uns bisher gut angelaufen. Unsere größten Vorteile sind die crossmedialen Angebote mit Zeitung, Magazinen, Veranstaltungen und online sowie unsere hervorragende Zielgruppe und die Entwicklung unserer Auflage und Reichweite. Die Leistungswerte der „Zeit“ sind exzellent: Wir werden im 1. Quartal 2009 bei unserer verkauften Auflage wieder über 500.000 Exemplaren liegen. Und seit 18 Jahren war unsere Reichweite nie so groß wie heute.

Warum kann sich die „Zeit“, zumindest teilweise, vom Negativ-Trend abkoppeln?

Wir haben in den letzten Jahren fortwährend in die Zeitung und die Erlebniswelt der „Zeit“ investiert und daran gearbeitet, die „Zeit“ und unsere Organisation noch schlagkräftiger zu machen. Das zahlt sich jetzt aus. Allein im letzten Halbjahr 2008 haben wir mit der Einführung der „KinderZeit“, des „Zeit Literaturmagazins“, der Schweizausgabe und der Sonderveröffentlichungen um den Geburtstag von Helmut Schmidt vier große zusätzliche Anstrengungen für unsere Leser und Anzeigenkunden unternommen.

Sehen Sie einen Trend hin zur Wochenzeitung?

Ich sehe einen Trend hin zu Zeitungen, die sich stark um ihre Leser kümmern, ihnen fortwährend zusätzliche passende Angebote machen und ihnen eine Community bieten, in der sie sich wohlfühlen.

Welche Branchen nutzen bevorzugt die „Zeit“ als Werbeträger?

Alle Branchen, die sich für eine große meinungsstarke und engagierte Zielgruppe interessieren. Hierzu gehören die klassischen Kunden: Automobil, Telekommunikation, Finanzen, Chemie und Pharma sowie auch Uhren, Schmuck und Buchverlage. Mit dem „Zeit Magazin“ haben wir zusätzliche Branchen, wie Mode, Design, Möbel und Genuss neu erschlossen.

Zuletzt gingen auch die Stellenanzeigen bei Tageszeitungen und sogar Online-Portalen zurück. Wie sieht es hier bei der „Zeit“ aus?

Unser Stellenmarkt ist stabil, auch dank einer guten Verknüpfung zwischen Print und dem Job Portal Academics, das wir zusammen mit dem Deutschen Hochschul Verband (DHV) betreiben.

Wie verteilt sich bei der „Zeit“ der Erlös zwischen Vertrieb, Anzeigen und Zusatzgeschäften wie Reisen oder „Zeit“-Produkte?

Bei der „Zeit“ selbst erzielen wir ungefähr je 50 Prozent des Umsatzes aus Anzeigen und Vertrieb. Die Zusatzgeschäfte – inklusive Online und den Magazinen – machen rund 20 Prozent des gesamten Verlagsumsatzes aus.

Sind neue „Zeit“-Produkte, wie das Lexikon oder die Klassik-CD-Reihe, geplant oder wird dieses Geschäft in der Krise schwieriger?

Unser Geschäft wird vor allem vielseitiger. Wir haben in den letzten Jahren unser Themenspektrum deutlich ausgebaut. Neben Buchreihen geben wir inzwischen auch CD- und DVD-Reihen oder einzelne Bände heraus. Als nächstes werden ein großer „Zeit“-Atlas erscheinen und ein Buch zu 60 Jahren Bundesrepublik.

Die „Zeit“ gilt als eine Print-Erfolgsgeschichte in schwieriger Zeit. Online spielt die Marke aber noch nicht in der ersten Liga. Die Visits liegen mit 8,5 Millionen (Februar 09) deutlich hinter denen anderer Online-Ableger von großen Print-Marken wie FAZ.Net (16,6 Millionen), sueddeutsche.de (19,5 Millionen) oder Welt.de (23,2 Millionen). Derzeit investieren sie massiv in den Online-Ausbau. Was sind ihre Ziele mit Zeit Digital?

Im März zeigen sich schon die ersten Früchte unserer Investition: Die Visits von „Zeit Online“ werden über zehn Millionen steigen, die PIs deutlich über 60 Millionen. Das bedeutet eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von jeweils fast 60 Prozent. Gemeinsam mit Tagesspiegel.de wird Zeit Online in der neuen Struktur deutlich stärker. Wir möchten Zeit Online zum führenden Portal für Qualitätsjournalismus ausbauen.

Kann Zeit Online vom Erfolg der Print-„Zeit“ profitieren oder muss sich die Online-Marke aus eigener Kraft heraus entwickeln?

Zeit Online profitiert von der Marke „Zeit“, wird sich aber in der neuen Gesellschaft Zeit Digital weiterentwickeln und ihr Profil als eigene Marke schärfen.

Was halten Sie von dem Hype um neue „soziale Medien“ wie Facebook oder Twitter?

Zeit Online nutzt Twitter sehr intensiv – mit Erfolg. Ob der momentane Hype um das Medium gerechtfertigt ist, wird sich erst zeigen. Die Schnelllebigkeit in diesem Bereich ist groß. Aber genau diese Veränderungen machen den Onlinebereich auch so spannend.

Welche drei Print-Medien, außer der „Zeit“ natürlich, werden Ihrer Meinung nach gestärkt aus der Krise kommen und warum?

“Süddeutsche“, „FAZ“ und „Spiegel“ – weil alle drei Medien, wie „Die Zeit“, auf Qualitätsjournalismus setzen.

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