Anzeige

Depenbrock: der überschätzte Zampano

Das Ende kam nicht unerwartet: Josef Depenbrock legt seine vielen Ämter nieder und verlässt den Berliner Verlag. Noch diese Woche wird er sein Büro in der Karl-Liebknecht-Straße räumen. Auch wenn er diesen Vorgang in seiner Mail an die Redaktion im Aktiv formuliert, so dürfte doch der neue Eigentümer DuMont bei der Entscheidungsfindung nachgeholfen haben. Der Abgang des 47-Jährigen, der das Zeitungshaus drei Jahre lang wie ein Zampano dirigierte, ist eine gute Nachricht. Für das Blatt und für die Branche.

Anzeige

Das Ende kam nicht unerwartet: Josef Depenbrock legte seine vielen Ämter nieder und verlässt den Berliner Verlag. Auch wenn er diesen Vorgang in seiner Mail an die Redaktion im Aktiv formuliert, so dürfte doch der neue Eigentümer DuMont bei der Entscheidungsfindung kräftig nachgeholfen haben. Der Abgang des 47-Jährigen, der das Zeitungshaus drei Jahre lang wie ein Zampano dirigierte, ist eine gute Nachricht. Für das Blatt und für die Branche.

Wie kein Zweiter hat Depenbrock den Kotau vor dem Kapital praktiziert und dabei die „Berliner Zeitung“ an den Abgrund gebracht. Durch seine Doppelfunktion fiel ihm das leicht: Der Geschäftsführer Depenbrock diktierte die Sparprogramme, die der Chefredakteur Depenbrock widerspruchslos hinnahm. Es ist klar, dass dieser Workflow der Idealvorstellung eines Finanzinvestors wie David Montgomery sehr nahe kommt. Der Brite förderte seinen Vasall in der Hauptstadt, bei der Redaktion waren beide gleichermaßen verhasst. Und beiden, so hört man, war das herzlich egal.

Dass „Montys“ Zeitungsimperium unter dem Druck der Finanzkrise im Rekordtempo verfällt und dabei auch die deutschen Beteiligungen verloren gingen, hat mit Depenbrock wenig zu tun. Der Deutsche hatte die selbstmörderischen Renditevorgaben aus London mustergültig bedient und dabei praktisch alle Investitionen gestrichen. Die verhängnisvollste Entscheidung bestand darin, die Mittel für die auf dem Berliner Markt überlebenswichtigen Auflage stützenden Maßnahmen auf Null herunterzufahren. Auch wenn dies am Ende korrigiert wurde, trugen die Abozahlen eine empfindliche Delle davon. Zur Karikatur des Sparzwangs geriet im Herbst 2008 die Anweisung an alle Unternehmensteile, Dienstreisen nur noch im Berliner Raum zu genehmigen.

Depenbrock begann seinen Aufstieg als CvD des „Berliner Kuriers“. Chef vom Dienst ist eine Vokabel, die auch sein weiteres Wirken in der Medienbranche treffend umschreibt. Er war immer einer, der die Abläufe analysiert und kontrolliert, und er verstand etwas von Personalführung. Er wusste, dass er in diesem Job loyale Mitstreiter braucht und fand sie. Im stressigen Mediengeschäft strahlte er eine Ruhe aus, die viele mit Souveranität verwechselten, weil ihnen nicht auffiel, dass einer wie er nicht viel zu verlieren hatte und sich die Gelassenheit auch mit dem Verzicht auf jegliches journalistisches Sendungsbewusstsein erkaufte. Depenbrock war stets Machtmensch und Macher, nie Überzeugungstäter. Er schaffte es, jeden Widerstand zu brechen und Betriebsräte an die Leine zu legen, wofür ihm der Respekt seiner Geldgeber sicher war. Aber dabei höhlte er die Funktion des Chefredakteurs aus, indem er die Rolle nur gab, anstatt sie zu verkörpern: Rendite statt Redaktion, Tantieme statt Rückgrat. Am Ende gab es bei diesem Spiel nur einen Gewinner – Depenbrock selbst.

Er strich die Stellen von Schluss- und Bildredakteuren, entvölkerte den Verwaltungsapparat, kürzte die Honoraretats zusammen. Bei der „Hamburger Morgenpost“ war es am Ende der Energieleistung der über die Jahre gebeutelten Redaktion zu verdanken, dass das übersparte Produkt überhaupt noch marktfähig war. In Berlin war der „große Zampano“ zwar eilig im Ankündigen von rigiden Sanierungsmaßnahmen; durchgesetzt hat er vieles davon aber nicht mehr. So gab es bei der „Berliner Zeitung“ nie eine betriebsbedingte Kündigungswelle, auch wenn die ständige Furcht davor die Redaktion lähmte. Bei Licht betrachtet ist seine Ära beim Berliner Verlag eine verlorene Zeit: Depenbrock war laut Eigen-PR ein Sanierer, in der bleibenden Betrachtung aber nur ein Unruhestifter.

Dass einer wie er überhaupt zum Chefredakteur einer Zeitung aufsteigen konnte, die Erich Böhme einst als deutsche „Washington Post“ sah (oder sehen wollte), spricht weniger gegen Depenbrock als für den blamablen Zustand von Teilen der Branche. Das Experiment ist gescheitert, die Folgen werden auf noch nicht absehbare Zeit das neue Management beschäftigen.

Durch den Verkauf seines Anteils an der „Hamburger Morgenpost“, der er als Geschäftsführer vorstand, wurde Depenbrock finanziell unabhängig und versuchte in der Folge doch, sein Vermögen durch einen unappetitlichen Grundstücksdeal auf St. Pauli zu mehren. Sein Ausscheiden aus dem Berliner Verlag dürfte für ihn einträglich sein, auch wenn er wie es heißt gar kein Verlagsangestellter war. Der neue Eigentümer wird die Abfindung mit Überzeugung bezahlen. Schließlich ist es beim Berliner Verlag seit Jahren die erste Investition in die Zukunft.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige