P7S1: Verschreckte Heuschrecken

Die Meldung ist beunruhigend: Nach Informationen der Finanznachrichtenagentur Reuters müssen die ProSiebenSat.1-Anteilseigner die massive Schuldenlast der angeschlagenen Senderkette umschultern. Von 1,8 Milliarden Euro ist in Finanzkreisen die Rede – alles andere als ein Pappenstiel in den Zeiten der Kreditklemme. Die Schieflage des einst so erfolgreichen Münchner Medien-Unternehmens ist ein Lehrstück über die Risiken von Spekulationen mit fremdem Kapital.

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Die Lage ist ernst: Bei rund 1 Euro dümpelt die Aktie vonProSiebenSat.1 in diesen Tagen: Mehr als 15 Euro wurden noch vor einem Jahr bewilligt – 30 waren es sogar vor knapp zwei Jahren zu Spitzenzeiten.

Seitdem ist viel passiert in der Finanz- und in der Medienwelt im Besonderen. Die Börse erlebt den schwersten Absturz seit Beginn des Jahrzehnts, die Konjunktur gar seit dem Zweiten Weltkrieg. Was das für den zyklischen Werbemarkt bedeutet, an dessen Tropf die Medienbranche hängt, mussten Aktionäre der zweitgrößten europäischen Senderkette erst vor zwei Wochen erfahren.

ProSiebenSat.1 muss sich angesichts seiner finanzstarken Anteilseigner keine Sorgen machen – oder?

ProSiebenSat.1 präsentierte, passend zu Konzernfarbe, eine rote Bilanz für das Geschäftsjahr 2008, die jedoch mit ihren gesunkenen Umsätzen noch einen weiteren Anstrich der Krise bekamen. Verluste, rückläufige Erlöse, dazu eine enorme Schuldenlast von mehr als drei Milliarden Euro, die pro Jahr allein mit Zinszahlungen von 225 Millionen Euro bedient wurde muss – so liest sich echter Notstand, im wirtschaftlichen Sinne.  

Immerhin: ProSiebenSat.1 muss sich angesichts seiner finanzstarken Anteilseigner, den Private-Equity-Gesellschaften KKR und Permira, die 88 Prozent am Unternehmen über die Holding Lavena halten, keine Sorgen machen – oder?

Warum beauftragt ein Private Equity-Investor eine Investmentbank, um finanzielle Restrukturierungsmaßnahmen einzuleiten?

Die neuen Signale klingen anders. Reuters berichtete gestern über Stimmen aus Finanzkreisen, nachdem ohne eine Neuordnung des Schuldenstands schon 2010 Zahlungsengpässe drohen könnten. Entsprechend sei die Investmentbank Houlihan Lokey beauftragt worden, um Wege aus der Schuldenfalle zu finden.

Das klingt alles andere als angenehm: Ein Private Equity-Investor, der eigentlich selbst darauf spezialisiert ist, die nötigen (finanziellen) Restrukturierungsmaßnahmen einzuleiten, beauftragt eine Investmentbank, um finanzielle Restrukturierungsmaßnahmen einzuleiten?

Spielball der Finanz-Investoren: Von Haim Saban zu KKR/Permira


Die verworrene Lage unterstreicht, wie sehr der einst aufstrebende Stern am Münchener Medienhimmel längst zum Spielball der Finanz-Investoren geworden ist. Das einstige Filetstück der pleitegegangenen KirchMedia war 2003 vor dem Amtsantritt von de Posch vom ägyptisch-amerikanischen Medientycoon Haim Saban übernommen worden – für seinerzeit  525 Millionen Euro oder 7,50 Euro je Aktie. Rund drei Jahre später ging die Münchner Sendergruppe nach massiver Restrukturierung schließlich nicht an die Axel Springer AG, die kartellrechtlich ausgebremst worden war – sondern an die britische Permira und die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts (KKR).


Mit der Übernahme-Konstruktion besiegelte die seinerzeit sanierte Münchner Sendergruppe ihr eigenes Schicksal: Anstelle des türkischen Mischkonzerns Dogan, der als Favorit für die Übernahme gehandelt worden war, holte sich ProSiebenSat.1 jene als „Heuschrecken“ verschriene Private Equity-Investoren ins Haus. „Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter“, heute SPD-Chef Franz Müntefering die Branche einst gegeißelt.

Weitergezogen sind sie noch nicht – wie auch, in der ausufernden Finanzmarktkrise? Doch ihre Handschrift ist längst unverkennbar: Permira und KKR verkauften die skandinavische Senderkette SBS Broadcasting Group, deren Anteile sie selbst besaßen, nur ein halbes Jahr später für den stolzen Preis von 3,3 Milliarden Euro an ProSiebenSat.1. Damit stieg die fusionierte Sendergruppe zwar nominell zur Nummer eins im europäischen Privatfernsehmarkt auf – defacto hatte ProSiebenSat.1 jedoch damit eine Schuldenlast zu schultern, die bald die eigene Marktkapitalisierung übertreffen sollte. Heute steht ProSiebenSat.1 kurz vor Penny-Stock-Status – und wird gerade mal mit noch 130 Millionen Euro bewertet.
Warum beauftragt ein Private Equity-Investor eine Investmentbank, um finanzielle Restrukturierungsmaßnahmen einzuleiten?

Klar ist damit, dass der ursprüngliche Strategie, die Beteiligungsunternehmen traditionell verfolgen – nämlich die Restrukturierung mit anschließenden gewinnbringendem Verkauf – durch die dramatische Finanzmarktkrise ein gehöriger Strich durch die Rechnung gemacht wurde.

Das Problem von KKR / Permira stellt sich nun gleich zweifach dar: Zum einen erscheint es in der jetzigen Börsenphase nicht besonders wahrscheinlich, einen Käufer zu finden, der den einstigen Kaufpreis von drei Milliarden Euro, der allein durch den derzeitigen Schuldenstand überstiegen wird,  auch nur annährend aufzubringen bereit ist. Auch Axel Springer, der als weißer Ritter immer wieder genannt wurde, dürfte es sich gut überlegen, ob man sich einen solch enormen Schuldenberg auf Jahre aufbürden würde – wenn man das Berliner Verlagshaus  kartellrechtlich überhaupt ließe.

Zum anderen ist die langfristige Umverteilung auf Bankkredite – die Rede ist von den in der Holding Lavena geparkten 1,8 Milliarden Euro – am Ende ebenfalls nur ein Spiel auf Zeit, das in Zeiten der Kreditklemme nur so lange gut geht, wie die Banken selbst über liquide Mittel verfügen. Im Zeitalter nach der Lehman-Pleite ist das jedoch keine Selbstverständlichkeit mehr.

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