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Lead Awards: die Hintergründe der Krise

Die Lead Awards 2009 stehen unter keinem guten Stern. Das liegt nicht am Preis selbst. Der Award hat sich über die Jahre als deutscher Zeitschriften-Oscar fest etabliert. Doch zwölf Tage vor der Preisverleihung rumort es gewaltig. Die Finanzierung der Medienparty ist unklar. Academy-Chef Markus Peichl sieht das anders (vergleiche Artikel dazu). Zuletzt hatte es nicht danach ausgesehen. Peichl beauftragte sogar einen Anwalt, der dem Spiegel rechtliche Konsequenzen in Aussicht stellte.

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Ein Fiasko bahnte sich an, zumal die „Save the Date“-Einladungen schon verschickt sind. Am Freitagabend erklärte Peichl gegenüber MEEDIA, dass die Sponsorensuche eine überraschende Wende genommen habe. Nicht der Spiegel, sondern „ein Bündnis von Verlagen und Agenturen“ werde die Finanzierung sicherstellen.
Tagelang hatte sich zuvor der Veranstalter hinter den Kulissen um PR in eigener Sache bemüht. Eine Öffentlichkeitsarbeit, die darauf zielte, dass nichts an die Öffentlichkeit dringt. Der 50-Jährige beschwor Journalisten und Chefredakteure, nicht das zu publizieren, was doch nach gründlicher Recherche auf der Hand lag. Alles im Interesse der guten Sache, wollte der Medienprofi Glauben machen. Oder doch zuallererst in seinem ureigenen Interesse?

Spätestens seit der Pressekonferenz am 13. März sind die Fronten klar: Der Spiegel wird die Abendveranstaltung in den Deichtorhallen nicht bezahlen. In der Kalkulation fehlen damit nach Insider-Schätzungen 250.000 Euro. Und das, so lautet die klare Botschaft von der Brandstwiete, weiß Markus Peichl seit langem. Im März 2008 wurde der Vertrag über das Sponsoring außerordentlich gekündigt, Verhandlungen über alternative Formen der Unterstützung seien im September ergebnislos abgebrochen worden.

Peichl behauptet das Gegenteil. Der Vertrag sei weiter gültig und, hier wird er im Gespräch eindringlich: Die endgültige Finanzierungszusage stehe kurz bevor. Alles kein Grund, sich zu sorgen, und sicher eine Sache von wenigen Tagen. Mehr Zeit hat er ja auch nicht. Peichl spricht von „negativen Kräften“ beim Spiegel-Verlag, die die Einigung in letzter Minute zu torpedieren drohten. Das klingt wirr und wenig glaubhaft, nach Verschwörungstheorie als Verzweiflungstat. Geworben hatte er noch bei der Pressekonferenz mit dem Logo des „Spiegel“, der Verlag forderte daraufhin Unterlassung. Erst in diesem Moment, so scheint es, wurde Peichl der Ernst der Lage bewusst.

Wäre es tatsächlich so, wie es der Spiegel überaus deutlich kommuniziert, dann hat Peichl über Monate und ohne Not die Branche und die Geschäftspartner der Awards getäuscht. Halbseiden wäre eine schmeichelhafte Umschreibung, Juristen hätten folgenreichere Vokabeln dafür. Für den Österreicher eine heikle Situation, zumal er selbst inzwischen einen Anwalt eingeschaltet hatte. Der Hamburger Medienrechtler Michael Nesselhauf hat nach Informationen von MEEDIA dem Spiegel gegenüber bereits vor Wochen rechtliche Schritte sowie eine Klage auf Schadenersatz in den Raum gestellt, falls dieser die Veranstaltung nicht finanziere. Auf Anfrage erklärte Nesselhauf: „Es handelt sich um ein schwebendes Verfahren, zu dem ich keine Stellungnahme abgebe.“

Selbst Weggefährten von Markus Peichl verstehen die Manöver von „Mr. Lead Awards“ nicht. „Das alles ist komplett gaga“, sagt einer, „dabei hat er die Veranstaltung zu etwas gemacht, das wir alle lieben.“ Seit 2002, als Peichl die Verantwortung übernahm, hat sich das Niveau des Events kontinuierlich verbessert. Dass der Lead Award, den alle – auch als hochkarätigen Medientreff – wollen, nun ins Schlingern geraten ist, löst bei vielen Insidern nur noch Kopfschütteln aus. Und dass Peichl das Problem mit der juristischen Brechstange lösen will, hält man für äußerst unklug.

Experten gehen davon aus, dass die vom Spiegel ausgesprochene vorzeitige Kündigung des Sponsorenvertrags unangreifbar ist – Peichl hatte offenbar im Alleingang Google als Sponsor der letztjährigen Veranstaltung verpflichtet und damit die Exklusivität des Spiegel als Medienpartner verletzt. Ob aus den späteren Gesprächen Rechtsansprüche für die Lead Academy erwachsen könnten, scheint überaus zweifelhaft.
Zwar ist es richtig, dass der Spiegel ab 2007 unter Geschäftsführer Mario Frank versucht hat, den Preis „einzugemeinden“ und als „Spiegel Lead Award“ zu vermarkten. Doch dies hat mit dem aktuellen Konflikt nichts zu tun, denn nach dem Abgang von Frank gäbe es niemanden beim Spiegel, der den unsinnigen Plan ernsthaft weiter verfolgt hätte. Die Lead Awards müssen unabhängig bleiben, wenn der Preis keinen Schaden nehmen soll.

Markus Peichl, Kisch-Preisträger, Zeitgeist-Ikone, TV-Produzent, Verleger und Medienberater, scheint oder schien sich vergaloppiert zu haben. Spätestens Mitte der Woche muss er verbindlich erklären, ob die Abendveranstaltung stattfinden wird. Sagt er sie ab, wofür am Freitag vieles sprach, droht dem Lead Award nicht nur ein Image-Verlust, sondern Peichl und der Academy möglicherweise auch Regressansprüche von Sponsoren. Dabei wäre dies alles leicht vermeidbar gewesen, wenn Peichl rechtzeitig (wie u.a. ja auch große Player bei ihren Galas) den Verzicht auf die Party 2009 bekannt gegeben hätte. Sollte er am Ende in praktisch letzter Minute doch noch Sponsoren gewonnen haben, wäre dies ein mehr als glücklicher Umstand.
Warum er sich auf den irrwitzigen Finanzpoker bis zur letzten Minute eingelassen hat, kann nur damit erklärt werden, dass Peichl bis zur Selbstausbeutung weit mehr als jeder andere für den Erfolg der Awards investiert hat. Dass bei den Awards, die auch zuletzt mit einem Minus in den Büchern endeten, diesmal der große Event fehlen sollte, dürfte für ihn nicht akzeptabel gewesen sein.

Für Peichl, in Geschäftsdingen traditionell nicht gerade sorgenfrei, steht vieles auf dem Spiel. „Die Lead Awards“, sagt ein Insider, „sind seine Bühne, und die nutzt er grandios.“ Es wäre tragisch, wenn der Hauptdarsteller abtreten müsste, damit die Show weitergeht.
Aber vielleicht stellt sich die Frage am Montag nicht mehr. Warten wir es ab.

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