„Wir setzen voll auf die Marke Zeit Online“

"Zeit"-Geschäftsführer Rainer Esser und Wolfgang Blau, Ober-Chefredakteur der neu gegründeten Tochterfirma Zeit Digital, wollen mit "Zeit Online" beweisen, dass Reichweite und Qualität zusammenpassen. "Tagesspiegel.de" soll sich im Marken-Dreiklang aufs Berlinerische konzentrieren. "Zoomer.de" wird zurechtgeschrumpft. Es gehe auch darum, die Angebote für das kommende Jahr "wetterfest" zu machen, so Rainer Esser. In drei Jahren soll Zeit Digital schwarze Zahlen schreiben.

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Herr Blau, folgen Sie jetzt dem Trend zur Zentralredaktion?

Wolfgang Blau: Nein, zum Glück nicht. Wir werden weiterhin drei verschiedene Redaktionsteams haben. Wir glauben, dass es essentiell ist, die Tonalitäten und Themen-Präferenzen der jeweiligen Redaktionen zu erhalten.

Aber „Zeit Online“ ist in dem neuen Konstrukt eindeutig dominierend. Die gesamte Redaktion soll mit 75 Leuten besetzt sein. Auf „Tagesspiegel.de“ kommen davon sechs, auf „Zoomer.de“ sieben. Wie wollen sie bei derart ungleichen Kräfteverhältnissen die Tonalitäten der Angebote erhalten?

Blau: Natürlich sind „Tagesspiegel.de“ und „Zoomer.de“ darauf angewiesen, dass die Hauptstadt-Redaktion von „Zeit Online“ die überregionale Berichterstattung sicherstellt und sie sich dort bedienen können. Hinzu kommt die Unterstützung durch die Print-Redaktion des Tagesspiegel, dessen Texte wir „online first“ veröffentlichen dürfen. Die sechs Kollegen von „Tagesspiegel.de“ werden sich primär um Berliner Themen kümmern. Das ist eine Konstruktion, wie sie beispielsweise auch beim Newsnetz-Verbund der Schweizer Tamedia recht gut funktioniert. Wir haben uns in Berlin und Hamburg gemeinsam entschieden, „Zeit Online“ als die bundesweit bekannteste online-journalistische Marke am stärksten auszubauen, und dies aber in einer Weise zu tun, von der auch „Tagesspiegel.de“ profitiert und die zusätzlich auch „Zoomer.de“ Zeit für die weitere Entwicklung verschafft.

Warum jetzt dieser Schritt?

Rainer Esser: Für „Die Zeit“ war das Jahr 2008 sehr erfolgreich, was die Auflage, die Umsatzentwicklung und das Ergebnis betrifft, das ist genau der richtige Zeitpunkt, „Zeit Online“ weiter auszubauen und gleichzeitig in einem grösseren Verbund wetterfest zu machen. Die „Zeit“ und „Zeit Online“ gewinnen deutlich an Stärke im Verbund mit dem „Tagesspiegel“, mit „Tagesspiegel.de“, mit „Zoomer.de“, und wir können kommenden möglichen Krisen in unserem Geschäft besser begegnen.

Also eine Art vorsorgliche Sparmaßnahme?

Esser: Das ist ein bedeutender personeller Ausbau von „Zeit Online“ und gleichzeitig eine sehr sinnvolle Bündelung der Ressourcen der Verlagsgruppe von Holtzbrinck. Wir setzen voll auf die Marke „Zeit Online“.

Von wem ging die Initiative zur Ressourcen-Bündelung aus?

Esser: Die Idee für die Bündelung ging von allen drei Verlagen aus. Wir sind häufig mit dem „Tagesspiegel“ im Gespräch, wie wir uns noch besser helfen können. Es gibt eine Reihe von großen Autoren, die sowohl für den „Tagesspiegel“ als auch für die „Zeit“ schreiben: Josef Joffe und Harald Martenstein sind mit Kolumnen in beiden Blättern vertreten. „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo ist gleichzeitig Herausgeber des „Tagesspiegel“ und „Zeit“-Vizechef Bernd Ullrich war zuvor beim „Tagesspiegel“. Es sind enge Brüder und Schwestern beim „Tagesspiegel“.

Können sie sich vorstellen, dass die engen Brüder und Schwestern eines Tages vielleicht sogar unter ein gemeinsames Dach ziehen. Sprich: Dass auch „Tagesspiegel“ und „Zeit“ Inhalte austauschen oder gar in Teilen eine gemeinsame Redaktion bekommen?

Esser: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Bei aller Freundschaft und der engen Zusammenarbeit online – die Print-Produkte sind zu unterschiedlich. Der Austausch kann bei Online viel intensiver sein, weil die Medien sich viel näher sind. Das kann bei Print so nicht stattfinden. Die „Zeit“ hat als Wochentitel einen ganz anderen USP als der „Tagesspiegel“ als Tageszeitung.

„Zoomer.de“ und „Tagesspiegel.de“ können sich künftig bei „Zeit Online „bedienen“, wie es so schön heißt. Wie teilt sich die Arbeit auf zwischen ihnen, Herr Blau, als Chefredakteur und den Redaktionsleitern Mercedes Bunz und Frank Syré?

Blau: Das wird sich einpendeln müssen. Die Chefredaktion von „Zeit Online“ wird sowohl in Berlin als auch in Hamburg präsent sein. Die CvDs von „Zeit Online“ werden die Homepage von Berlin aus steuern. Mercedes Bunz und Frank Syre bürgen für die Kontinuität ihrer jeweiligen Portale. „Tagesspiegel.de“ und „Zoomer.de“ werden sich aus dem überregionalen Pool von „Zeit Online“ bedienen können. Wenn aber beispielsweise ein „Zoomer.de“-Redakteur eine sehr gute Besprechung eines Computerspiels schreibt und wir denken, dass dies auch für die Leser von „Zeit Online“ interessant sein könnte, kann der Austausch selbstverständlich auch in diese Richtung stattfinden. Übrigens sind sich die Nutzerprofile von „Zeit Online“ und „Tagesspiegel.de“ so ähnlich, dass wir uns im Rückblick fragen, weshalb wir eigentlich nicht schon früher enger zusammengearbeitet haben.

Ist es wirklich sinnvoll, wenn man schon ähnliche Nutzer anspricht, diesen auch noch bei verschiedenen Websites dieselben Artikel vorzusetzen?

Blau: Das ist genau deshalb sinnvoll, weil die Nutzer bei Bildung, Altersstruktur und Einkommen sehr ähnlich sind, außerdem sprechen beide Angebote viele Frauen an. Der entscheidende Unterschied aber ist, dass sich die Leser von „Tagesspiegel.de“ sehr für lokale Inhalte aus der Region Berlin interessieren.

Ist „Zoomer.de“ in Ihren Augen bisher eine Erfolgsstory?

Blau: Ich finde, ja. Ich finde es herausragend, dass sich die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck Experimente leistet. Das ist in Deutschland eher ungewöhnlich. Das Internet ist immer noch ein junges Medium, mit dem wir experimentieren sollten. Darum war und bin ich ein großer Unterstützer von „Zoomer.de“. Im Tagesgeschäft gefällt mir bei „Zoomer.de“ der Umgang mit den Lesern sehr gut. Wenn man bei „Zoomer.de“ einen Kommentar hinterlässt, dann reagiert oft der Autor der Geschichte selbst und tritt mit den Lesern in einen Dialog ein. Das ist vorbildlich.

Hätte „Zoomer.de“ eingestellt werden müssen, wenn es jetzt nicht mit „Zeit Online“ in einer größeren Einheit zusammengefasst worden wäre?

Blau: Davon ist mir nichts bekannt.

Herr Esser, wissen sie da Näheres?

Esser: „Zoomer.de“ wäre sicher nicht eingestellt worden, im Gegenteil. „Zoomer.de“ ist im Anzeigenmarkt sehr erfolgreich und hat im Moment viel zu wenig Anzeigenflächen für die große Nachfrage nach der Zielgruppe der 15- bis 30-Jährigen, die „Zoomer.de“ sehr genau erreicht. „Zoomer.de“ ist ein Startup und wird in der härteren Zeit jetzt etwas reduziert.

Das verstehe ich nicht. Sie sagen alles ist ausgebucht, aber man muss reduzieren, weil härtere Zeiten da sind. Das müssen sie mir erklären.

Esser: Selbst die ausgebuchten Flächen reichen zur Zeit angesichts der Preise im Markt nicht aus, den Aufwand, der vor allem zum Start des Portals betrieben werden musste, aufrecht zu erhalten. Deshalb wird „Zoomer.de“ auf ein Maß zurückgeführt, auf dem es wirtschaftlich arbeiten kann.

Herr Esser Sie sind auch Vorsitzender des neuen Beirates von Zeit Digital. Was ist die Aufgabe des Beirates?

Esser: In dem Beirat sind die Chefredakteure von „Zeit“ und „Tagesspiegel“ und die jeweiligen Geschäftsführer. Der Beirat hat ein Auge darauf, dass die Positionierung, die wir für die Portale vorgesehen haben, funktioniert. Wir wollen vor allem eine hohe Qualität und eine Nähe zu den Print-Produkten. Print soll Online zuliefern. Das ist auch einer der Gründe, warum wir nach Berlin gegangen sind.

Warum haben sie nicht die beiden viel kleineren Angebote nach Hamburg geholt?

Esser: „Tagesspiegel.de“ ist das bedeutendste Online Angebot aus der Hauptstadt. Das kann schwerlich aus Hamburg kommen..

Herr Blau, es muss ein Traum für einen Chefredakteur sein, plötzlich so viel mehr Leute unter den Fittichen zu haben. Was wollen sie mit den neuen Personal-Ressourcen alles anstellen?

Blau: Wir wollen für „Tagesspiegel“ und „Zeit“ hochwertige Online-Angebote produzieren, die dem Qualitätsanspruch der jeweiligen Mutterhäuser entsprechen und wir möchten „Zoomer.de“ als Portal für nachrichtlich interessierte, jüngere User weiterentwickeln. Unser gemeinsamer Traum ist nicht unbedingt den – in Seitenaufrufen gemessenen – reichweitenstärksten, dafür aber den anspruchsvollsten Online-Journalismus zu betreiben. Wir sind sicher, auf diesem Weg neue Leser für uns gewinnen zu können, die noch auf der Suche nach einer hochwertigen Informationsplattform im Netz sind. Wir wollen zeigen, dass die vor allem in Deutschland immer noch gern diskutierte These, wonach Qualitätsjournalismus die alleinige Domäne von Printmedien sei, überholt ist. Wir wollen eine Alternative zur immer stärkeren Boulevardisierung vieler Konkurrenten im deutschen Markt schaffen.

Was macht denn Qualitätsjournalismus für sie im Internet aus?

Blau: Zum Beispiel Darstellungsformen, die über die Kombination von Text und Bild hinausgehen, also zum Beispiel Infografiken, die nicht statisch sind, sondern von dynamischen Datenbanken befüllt werden und damit auch komplexe wirtschaftliche oder politische Sachverhalte anschaulicher erklären können als jedes andere Medium. Zu Qualitätsjournalismus im Netz gehören aber auch zügigere Texteinstiege, als sie in vielen deutschen Printmedien heute noch üblich sind, sowie eine personelle Ausstattung, die den Redakteuren genügend Zeit gibt, sich auch mit Ihren Leserinnen und Lesern auszutauschen. Und selbstverständlich ist auch die strikte Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten ein wichtiges Qualitätskriterium für Online-Medien. Qualität bedeutet auch Orginalität, also die Fähigkeit, einzigartige eigene Inhalte produzieren, die nicht gleichzeitig noch auf zehn anderen Websites in Deutschland auftauchen.

Sondern höchstens auf dreien…

Blau: Den gleichen Text auf unseren drei Portalen zu präsentieren wäre mir im Zweifelsfall immer noch lieber als eine Agenturmeldung, die manchmal sogar noch mit der identischen Bebilderung auf etlichen anderen Sites auftaucht. Die User und auch Google verzeihen das Agentur-Einerlei nicht mehr und das ist eigentlich eine erfreuliche Entwicklung.

Wollen sie auf Agenturmaterial wie von dpa verzichten?

Blau: Nein, natürlich nicht. Unsere Stärke sind aber die eigenen Stücke.

„Zoomer.de“-Herausgeber Uli Wickert soll sich als Berater journalistisch weiter einbringen. Wird er als Autor oder im Video selbst auftauchen?

Blau: Das würde mich sehr freuen. Uli Wickert ist zum einen ein sehr erfahrener Journalist und auch jemand, der sehr gute internationale Kontakte hat.

Wann wird Zeit Digital schwarze Zahlen schreiben, Herr Esser?

Esser: Eine gute Frage, wie ist Ihr Tipp?

Tut mir leid, keine Ahnung. Nächstes Jahr wird es wohl nichts, schätze ich.

Esser: Für das Startjahr ist es nicht geplant. Unsere mittelfristige Planung sieht vor, zügig in die schwarzen Zahlen zu kommen. Im nächsten Jahr haben wir Umstrukturierung- und Investitionskosten, so dass wir mit Zeit Digital einen niedrigen siebenstelligen Verlust verbuchen werden. In den Folgejahren wird das sukzessive abnehmen.

Mittelfristig, das heißt: schwarze Zahlen in fünf Jahren?

Esser: Ein realistischer Zeithorizont sind drei Jahre.

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