Kauft Microsoft Yahoo zum Dumpingpreis?

Die Talfahrt ist rasant, das Internet-Portal Yahoo unter Druck. Google hat dem Online-Pionier massiv den Rang abgelaufen, Mitarbeiter haben in Scharen das Unternehmen verlassen, der Börsenkurs befindet sich auf einem Sechs-Jahrestief. Nach der vereitelten Übernahme durch Microsoft steht Yahoo vor einer ungewissen Zukunft. Mit seiner Erklärung, er habe weiterhin Interesse an Yahoo, gab jetzt Microsoft-CEO Steve Ballmer der Aktie einen Schub.

Anzeige

Es ist ein Showdown der besonderen Art: Ein introvertierter Technologie-Pionier gegen einen krawalligen Investoren-Veteranen. So liest sich verkürzt das Duell von Yahoo-Vorstand Jerry Yang gegen Multimilliardär Carl Icahn, das seit seiner Beteiligung am Online-Portal im Mai dieses Jahres von Runde zu Runde geht. Icahn, dessen fragwürdige Investment-Methoden schon manches Unternehmen aufgemischt haben, drängt seit Monaten nämlich massiv auf die Ablösung von Vorstand Jerry Yang.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich Icahn bei Yahoo selbst im großen Stil verspekuliert hat. Mitte Mai noch war der knorrige 71-Jährige zu Kursen zwischen 23 und 27 Dollar je Aktie im großen Stil in das Internet-Unternehmen eingestiegen, nachdem der Software-Riese Microsoft mit seinen Übernahme-Plänen bei Yahoo abgeblitzt war. Doch statt auf das Gebot des noch immer weltgrößten Technologiekonzerns einzugehen, das bei 33 Dollar je Aktie gelegen hatte, führte Yang eine wahre Abwehrschlacht um die eigene Selbstständigkeit.

Übernahme: Macht Microsoft doch noch einen Anlauf?
 
„Ich glaube, die meisten Ihrer Aktionäre würden gerne mal Ihren Kalender sehen – vor allem, weil aus den meisten Ihrer sogenannten Vorhaben Misserfolge geworden sind“, ätzte Icahn zuletzt immer wieder gegen Yahoo.
Glaubt man Presseberichten, könnte nun vielleicht doch noch die Stunde des Altmeisters schlagen. Zuletzt hatte eine kleine Gruppe von Yahoo-Investoren rund um die Investmentgesellschaft Mithras Capital die Aufnahme der Gespräche mit Microsoft und eine neue Offerte zu nunmehr 22 Dollar je Aktie wieder ins Spiel gebracht. Doch will das weltgrößte Technologieunternehmen den strauchelnden Online-Pionier überhaupt noch?

Tatsächlich scheint die Tür noch nicht geschlossen. So zumindest äußerst sich Microsoft-CEO Steve Ballmer gestern am Rande einer Technologiekonferenz in Orlando. Der Deal wäre „wirtschaftlich sinnvoll“ („would make sense economically“), wurde Ballmer von Wirtschaftsmedien zitiert.

Yahoo-Aktie: Dramatischer Absturz von 90 Prozent in diesem Jahrzehnt

Der zuletzt bis auf 12 Dollar heruntergeprügelten Aktie gaben die Gerüchte im Verlauf des gestrigen Handelstages enormen Auftrieb. Um mehr als 1 Dollar oder rund 10 Prozent sprang das Papier des einstigen Highflyers nach oben.

Doch noch ist die Erholung nicht mehr als eine kleine Gegenreaktion nach einem zuletzt katastrophalen Kursverlauf. Bei unter 12 Dollar wechselte die Yahoo-Aktie gestern zu Handelsbeginn noch den Besitzer – 50 Prozent schwächer als zu Jahresbeginn, was angesichts der dramatischen Einbrüche an den weltweiten Aktienmärkten in den vergangenen Wochen keine wirkliche Überraschung ist. Auch Google, eBay und Amazon haben ähnlich stark verloren. Doch auf deutlich höherem Niveau.

Das zur Millenniumswende noch einst höchst bewertete Internet-Unternehmen der Welt hat jedoch schon Höhen gesehen, die den jüngsten Absturz nur umso dramatischer machen. Bei 30 Dollar hatte die Aktie noch im Januar gelegen – bei 35 Dollar vor einem Jahr, als Microsoft seine erste Übernahmeofferte abgab und bei 44 Dollar auf dem Höhepunkt der vorläufigen Erholung vor knapp drei Jahren. Wirklich dramatisch erscheint das Ausmaß jedoch mit Blick auf das Allzeithoch aus dem Jahr 1999, das noch bei 110 Dollar gelegen hatte: Seitdem hat das Internet-Unternehmen fast 90 Prozent an Börsenwert vernichtet!

Henry Blodget: Yahoo-Bewertung „offiziell lächerlich“

 
Ist Yahoo 2008 also tatsächlich nur ein Zehntel von 1999 wert? Das Gegenteil ist der Fall: Im dritten Quartal 1999 verdiente Yahoo gerade 40 Millionen Dollar bei Umsätzen von 155 Millionen Dollar. Wenn das Dot.com-Unternehmen aus Sunnyvale nächste Woche seine Unternehmensbilanz für den Vergleichzeitraum vorstellt, rechnen Analysten mit einem Gewinn in Höhe von etwa 130 Millionen Dollar bei Umsätzen von 1,8 Milliarden Dollar. Mit einem Wort: Yahoo ist binnen eines Jahrzehnts zumindest gemessen an den Erlösen vom Startup zum veritablen Dickschiff der Internetbranche gewachsen.
Glaubt man der Börse, ist dieses Dickschiff auf hoher See nun jedoch ziemlich in Not geraten. Gerade das Zweifache der Jahresumsätze ist der Markt noch bereit, für den einstigen Internet-Highflyer zu bewilligen – „offiziell lächerlich“, wie Internet-Staranalyst Henry Bloget findet. „Das hier ist das Worstcase-Szenario: Und anders als AOL müsste Yahoo nicht sein ganzes Business-Modell aus dem Fenster schmeißen“, folgert der renommierte Internet-Experte.
 
Spätestens seit dem Versuch der feindlichen Microsoft-Übernahme befindet sich Gründer Jerry Yang mitten in einer fulminanten Abwehrschlacht: Der Wettlauf mit Yahoo im Online-Werbemarkt wurde vor Jahren haushoch verloren, Comebackversuche („Panama“) scheiterten furios. Marktanteile gingen ebenso verloren wie kreative Köpfe.

Yahoo nun so viel wert wie Facebook

 
Doch Yahoo ist eine eingeführte Marke wie es nur wenige in der Internet-Landschaft gibt. Und das Unternehmen hat im Laufe der Jahre Tochtergesellschaften und Beteiligungen gesammelt, die bei anderen Dot.coms Begehrlichkeiten wecken – allen voran die Web 2.0-Comminitys Flickr und del.ico.us sowie die aufstrebende chinesische Handelsplattform Alibaba.com. Mehr noch: Das solide geführte Unternehmen verfügt mittlerweile über Cash-Bestände von mehr als drei Milliarden Dollar. Trotzdem sind Anleger nicht bereit, für den gefallenen Internetstern mehr einen Börsenwert von mehr als 16 Milliarden Dollar zu bewilligen.
Damit fällt Yahoo auf Dimensionen zurück, mit denen das aufstrebende Social Network Facebook bereits – virtuell – bewertet wird. „Yahoo verfügt weltweit über 500 Millionen Besucher. Das Unternehmen wird weit unter dem replacement value gehandelt (man nehme 15 Milliarden Dollar und könnte damit kein Yahoo mit dieser Marke und dieser Reichweite aufbauen) „, folgert Henry Blogdet. „Um aus der Aktie bei 12 Dollar Aufwärtspotenzial herauszulesen, muss man kein Raketenwissenschaftler sein. Auf diesem Niveau braucht es nicht einmal mathematisches Basiswissen“, legte sich der frühere Merrill Lynch-Analyst fest.
 
Microsoft dementiert: „Unsere Position hat sich nicht verändert“
 
Glaubt man Internet-Ikone Henry Blodget, verfügt der angeschlagene Internet-Pionier weiter über einige unterschätzte Assets. „Ein paar tausend Leute zu feuern“ – wie heute geschehen – „spart schnell 1 Milliarde Dollar Cash Flow“, rechnet Blodget vor. „Der Verkauf der Asien-Beteiligungen“ – namentlich der Tochter Yahoo Japan und Alibaba – „bringt eine weitere Milliarde. Dann sollte Yahoo die Werbevermarktungsgeschäft von Drittanbietern und die Internetsuche an Google verkaufen und schon sind weitere Milliarden generiert. Dann sollte sich Yahoo auf das konzentrieren, was es wirklich kann.“

Was das ist, erscheint in diesen stürmischen Tagen offener denn je. Fest steht: Für den 2006 in den Chefsessel zurückgekehrten Firmengründer Jerry Yang wird die Luft immer dünner. Nächsten Donnerstag, wenn das Internet-Portal neue Quartalszahlen veröffentlicht, wird Yang Aktionären erklären müssen, wie er schnell aus der Misere herauszukommen gedenkt.
 
Ob Microsoft dabei doch eine Rolle spielen könnte, schien im Verlauf des gestrigen Abends dann doch wieder ungewisser denn je. „Microsoft hat kein Interesse, Yahoo zu übernehmen“, ließ der Redmonder Konzern verbreiten. „Unsere Position hat sich nicht verändert“. Vielleicht aber doch bald die Yahoos…

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige