Frauen-Web: Viele Sites, zu wenig Traffic

Frauen-Websites schießen wie Pilze aus dem Boden: Heute startet Burda den deutschen Ableger der US-Site Glam. Vor wenigen Tagen legte ForHer.de los, kurz davor ging Frauenzimmer.de ins Rennen. Schon länger im Spiel sind Erdbeerlounge.de, beQueen.de, goFeminin.de und Fem.com. Und das sind nur die jüngsten Beispiele ohne die Ableger von Print-Titeln. Doch der Drang zur neuen Web-Weiblichkeit hat für die Betreiber einen Haken – die meisten Frauen surfen lieber woanders.

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Laut der Studie Internet Facts 2008-1 der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung surften die meisten deutschen Frauen in den ersten drei Monaten des Jahres 2008 Web.de an (6,82 Mio. Frauen als Unique User). Gefolgt von T-Online, gefolgt von Yahoo, MSN, GMX, ProSiebenSat.1, MeineStadt.de, StudiVZ…usw. Das erste reinrassige Frauen-Angebot in der Frauen-Rangliste der Internet Facts ist Axel Springers goFeminin.de auf Rang 53 mit 1,16 Mio. Nutzerinnen.

Die Website goFeminin.de ist laut IVW-Online mit 5,5 Mio. Visits und 48 Mio. Page Impressions im Monat Juni das reichweitenstärkste Frauenportal in Deutschland. Springer hat das europäische Portal mit Sitz in Paris im Juni 2007 Jahr für 284 Mio Euro mehrheitlich gekauft. Mittlerweile hat der Konzern seinen Anteil gar auf 74 Prozent erhöht. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete auFeminin einen Gewinn vor Steuern und Zinsen von 13,1 Mio. Euro. Springer-Chef Döpfner lobte das auFeminin unlängst als den profitabelsten Geschäftszweig im ganzen Unternehmen. Der Blick auf den Börsenwert trübt die Jubelstimmung freilich etwas. Als Springer bei auFeminin einstieg zahlte Döpfner 32 Euro pro Aktie. Mittlerweile dümpelt der Kurs bei etwas über 12 Euro. Bertrand Stephann, der Vorstandchef von auFeminin, beschwichtigte im „Handelsblatt“ (Donnerstagsausgabe): „Das Börsenumfeld ist bekanntermaßen allgemein schwierig, und natürlich ist der aktuelle Aktienkurs unbefriedigend, aber wir sind wirtschaftlich in hervorragender Verfassung“.

Klickbringer von auFeminin und dem deutschen Ableger goFeminin.de sind die stark frequentierten Foren und hierzulande eine Kooperation mit der Partnerbörse Meetic. Diese Partnerschaft könnte auch erklären, warum sich vergleichsweise viele Herren bei goFeminin.de tummeln. Der Affinitätsindex von goFeminin.de liegt laut Internet Facts bei für ein Frauenportal vergleichsweise geringen 137. Die „Affinität“ ist in der Marktforschung ein Maß dafür, wie groß der Anteil der angepeilten Zielgruppe an der gesamten Nutzerschaft eines Angebots ist.

Doris Wiedemann, die für das Portal zuständige Geschäftsführerein bei Springer sieht das anders: „Der einzigartige Mix aus redaktionellen Inhalten und vielfältigen Community-Angeboten macht auFeminin.com unverwechselbar und in ganz Europa immens erfolgreich“, sagte sie gegenüber MEEDIA. Was Damen wirklich im Web suchen, das verraten wieder die Internet Facts: Über 89 Prozent der holden Web-Weiblichkeit war von Januar bis März damit beschäftigt, E-Mails zu schreiben und zu lesen. Auf Platz zwei der Frauen-Tätigkeiten steht mit 87 Prozent die Recherche in Suchmaschinen und Web-Katalogen. Knapp 62 Prozent der surfenden Frauen kaufen online ein. Damit ist Online-Shoppen bei Frauen im Internet als Betätigungsfeld genauso beliebt wie bei Männern. Gleichberechtigung ahoi.

Stephanie Staar, Gründerin und Geschäftführerin der Angebote Netmoms.de und Erdbeerlounge.de meint: „Die einfachste Möglichkeit, Targeting zu machen ist es, von vorneherein eine Zielgruppen-Website zu haben.“ Staar hat schon für McKinsey gearbeitet und war vor der Gründung von Netmoms.de Head of Strategy bei der Bertelsmann-Tochter Arvato. Sie verweist darauf, dass Frauen-Websites in der Zielgruppe eine viel höhere Affinität haben. Im Klartext: Wer bei Frauen-Websites Werbung bucht, kann ziemlich sicher sein, in erster Linie Frauen zu erreichen. Den höchsten Frauen-Affinitäts-Index (191) bei den Internet Facts hat in der Tat die Webseite des Frauenblatts „Joy“.

Aber zwei Gründe sprechen dagegen, der Affinität eine zu große Bedeutung beizumessen: 1. Streuverluste kosten im Internet kaum Geld. 2. 6,82 Mio. weibliche Unique User bei Web.de sind immer noch viel viel mehr als 30.000 weibliche Unique User bei Joy.de. Im Internet macht es meistens eben doch die Masse.

Die Masse hat das US-Frauen-Netzwerk Glam.com bereits. Das Konzept gilt als Erfolgsgeschichte und ist interessant: Glam klaubt Inhalt von rund 450 kleineren Websites und Blogs zusammen und bündelt alles mit attraktiver Optik zu einem Mega-Frauen-Portal. Auf diese Weise erreicht Glam.com laut Medienberichten bis zu 44 Mio. Menschen und gilt als weltweit größtes Frauenportal im Netz. Hubert Burda Media hat sich für einen zweistelligen Mio-Betrag einen Anteil im einstelligen Prozentbereich daran gesichert und startet heute mit Glam.de einen deutschen Ableger. Die Erfolgsstory von Glam.com ist aber auch nicht ohne Kratzer. Laut dem US-Blog Valleywag sind die gigantischen Nutzerzahlen mit Vorsicht zu genießen. Das US-Marktforschungsunternehmen Comscore , auf dem die Daten beruhen, erlaubt es nämlich, dass Partner-Websites ihre Nutzerzahlen dem übergeordneten Netzwerk quasi weiterreichen. Die 44 Mio. Glam-Nutzer müssen sich also nicht notwendigerweise alle auf der Glam.com-Seite tummeln, sondern womöglich auch ausschließlich auf den 450 Partner-Sites.

Burda hat mit beQueen noch eine weitere Frauen-Website im Rennen. RTL Interactive versucht es mit Frauenzimmer.de, ProSiebenSat.1 hat Fem.com gekauft und der Investor Jens Kunath will mit dem eher uninspirierten ForHer.de ebenfalls im Markt mitmischen. „Das Thema Frauen-Websites wurde durch den Deal, den Springer mit auFeminin gemacht hat, und die letzte Finanzierungsrunde von Glam noch einmal erheblich gepusht. Da denken jetzt viele, sie müssten noch auf den Zug aufspringen“, meint Stephanie Staar von der Erdbeerlounge. Sie ist sich sicher: Viele der Frauen-Websites werden schon bald wieder verschwinden. So riesig, wie manche Medien-Manager glauben, ist der Bedarf an immergleichen Beauty-Tipps und Promi-Bildchen dann eben doch nicht.

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