Focus Online setzt auf Videos

Focus Online greift an: Das News-Portal kaufte gerade die Ärzte-Bewertungsplattform Jameda und startete eine große Video-Offensive. Mit MEEDIA spricht Jochen Wegner über die Google-Tricks der Konkurrenz und verrät, dass man noch immer mit dem Bayerischen Rundfunkt über eine Kooperation spricht und wie man mit über 80.000 Kommentaren im Monat fertig wird. Wegner ist ein Web-Kenner: Er bloggt unter Selbr.de und ist Gründer des Journalisten- Netzwerk Jonet.org.

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Anfang des Jahres kündigten Sie an, eine Bewertungsplattform zukaufen zu wollen. Nun übernahmen Sie Anfang August Jameda. Was steht hinter dem sperrigen Namen?
Der schöne Name Jameda steht für die am besten gemachte Ärztebewertungs-Plattform im deutschen Internet. Das Nachrichtenmagazin „Focus“ und die Tomorrow Focus AG haben gemeinsam die Mehrheit übernommen, um Jameda zum führenden Bewertungsportal für das Gesundheitswesen auszubauen.

Das ist aber das genaue Gegenteil des berühmten Focus-Ärzte-Rankings?
Man könnte auch sagen, beides ergänzt sich perfekt. Die Ärztelisten von „Focus“ sind Standard-Lektüre für Mediziner und Patienten. Sie werden in einem aufwendigen Prozess mit wissenschaftlicher Akribie erhoben. Die subjektive Sicht einzelner Patienten findet dabei natürlich eher weniger Berücksichtigung – das ist eine der Stärken von Online-Communities. Beide Informationen – die objektive fachliche Qualität eines Arztes und das subjektive Empfinden der Patienten – werden sich bei jameda.de ergänzen. Wir waren kurz davor, selbst eine derartige Medizin-Community zu entwickeln, dann sind wir auf Jameda gestoßen und waren begeistert von dem Team. Wir sind uns sozusagen in die Arme gefallen.

Wird der Focus-Ärzte-Check dann in das neue Angebot integriert?
Viele Daten, die „Focus“ erhebt, werden sukzessive auch bei Jameda zu finden sein – dabei wird die harte redaktionelle Recherche von der subjektiven Patientensicht streng getrennt.

Soll es bei einer reinen Ärztebewertung bleiben?
Nein, wir wollen die Seite zu einem Portal für das gesamte Gesundheitswesen ausbauen. Ende August wird es einen ersten größeren Relaunch geben.

Ihr zweites größeres Thema war der Start der Video-Offensive. Wie geht es bei ihr voran?
Sehr gut. Wir haben die vermarktbare Reichweite mittlerweile mehr als verdoppelt. Das ist wichtig, um ein finanziell tragbares Modell für diese journalistische Form zu finden. Videos sind vergleichsweise teuer. Die User nehmen sie aber sehr gut an.

Auch die Werbung?
Es gibt durchaus ein gewisses Wechselspiel zwischen vorgeschalteten Werbespots und der Reichweiten-Entwicklung. Glücklicherweise nutzen wir ein sehr ausgereiftes Ad-System, das den Werbedruck intelligent dosieren kann.

Die richtige Werbesteuerung ist also das Erfolgsgeheimnis für Online-Videos?
Das Erfolgsgeheimnis sind hervorragende, netzaffine Formate – man darf nicht den Fehler begehen, im Netz das Fernsehen noch einmal zu erfinden. Natürlich muss sich der Video-Journalismus irgendwann tragen. Ende 2009 soll er bei uns schwarze Zahlen schreiben.

Ist Videojournalist ein Zukunftsjob?
Spezialisten für Online-Videoformate zählen zu den begehrtesten Leuten derzeit. Eine ganz besondere Spezies.

Wie viele Video-Zuschauer haben sie denn?
Eine mittlere siebenstellige Zahl pro Monat.

Vor gut sechs Wochen scheiterten die Verhandlungen mit dem Bayerischen Rundfunk für eine Bewegtbild-Kooperation. Ist das Thema ganz vom Tisch?
Wir sprechen gelegentlich miteinander.

Wird bis Weihnachten noch was passieren?
In welchem Jahr?

Das dritte große Thema des ersten Halbjahres ist die Suchmaschinenoptimierung (SEO) und das Suchmaschinenmarketing (SEM) bei Nachrichten-Seiten. Ist es vertretbar, mit SEM den Traffic nach oben zu schrauben?
Gegen den Zukauf von Traffic ist nichts einzuwenden. Mich stört lediglich die oft eher verschämte Kommunikation in diesem Zusammenhang. Die PR-Mechanik funktioniert derzeit folgendermaßen: Ein Angebot bringt seinen Traffic mit SEM um 30 oder gar 100 Prozent nach oben. Das kostet sehr viel Geld – derlei Investitionen sind bei klassischen Medienangeboten in dieser Größenordnung kaum zu refinanzieren. Dann veröffentlicht man eine Pressemitteilung, in der man seiner Freude Ausdruck verleiht, den einen oder anderen Konkurrenten überholt zu haben. Kurz darauf fällt das Angebot wieder nach unten. Da ist eine ganz neue Form von Google-Dance entstanden.

Braucht es feste Regeln für das Suchmaschinenmarketing bei Nachrichten-Seiten?
Etwas mehr Transparenz könnte nicht schaden.

Wie stark setzt Focus Online auf Suchmaschinen-Marketing?
Wir kaufen nur sehr gezielt Traffic, etwa, um neue Angebote zu bewerben. Da geht es im Monat um nicht einmal sechsstellige Visit-Zahlen.

Haben Sie eigene SEO-Experten?
Ja. Aus der natürlichen Google-Suche resultieren mittlerweile 40 Prozent unseres Traffics. Ich halte das für ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Wir haben ein eigenes Team, das sich um die Optimierung unserer Inhalte kümmert.

Ist das Standard in den deutschen Nachrichtenredaktionen?
Ja.

Sie legen großen Wert auf Themenspecials. Ist das der spezielle „Focus“-Journalismus?
Focus steht für hervorragenden Nachrichtenjournalismus – verbunden mit der nur scheinbar einfachen Frage: „Was hat das mit mir zu tun?“ Wir achten darauf, keinen reinen Tickerjournalismus zu betreiben wie viele unserer Konkurrenten. Jedes Thema wird bei uns weitergedreht, auf den Punkt gebracht, eingeordnet – das ist eine Art minutenaktueller Nutzwert-Journalismus. Wenn eine zentrale Gerichtsentscheidung im Scheidungsrecht fällt, geht eine Minute später ein beratendes Special dazu online, weil wir das Thema antizipiert haben.

Gibt es in Deutschland echten Online-Journalismus?
Ja, den gibt es. Er entwickelt sich nur in eine andere Richtung, als man vor zehn Jahren dachte.

Wie entwickelt er sich?
Moderne Online-Journalisten arbeiten auf Augenhöhe mit den Lesern. Wir nehmen unsere User sehr ernst. Focus Online ist das Angebot mit den meisten Artikelkommentaren – zwischen 60.000 und 80.000 im Monat. Die meisten davon lesen wir, bevor wir sie publizieren. Wir behandeln sie wie Leserbriefe, und nehmen den Inhalt sehr ernst.

Lesen ist ja schön, aber reagieren Sie auch?
Sehr konsequent. Die Haltung gegenüber unseren Lesern ist sozusagen fest im Content Management System verdrahtet. Wenn ein User einen Beitrag auf der Faktenebene kritisiert, wandert der Kommentar in einen speziellen Posteingangs-Korb. Das zuständige Ressort erhält jede Stunde eine E-Mail – so lange, bis das Thema geklärt ist. Die Leser wirklich ernst zu nehmen, ist ein Weg, den „Focus“ als erstes Medium konsequent beschritten hat. Helmut Markwort liest jeden Leserbrief.

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