Die Twitter-Rebellen von „Welt Kompakt“

Publishing Springers "Welt Kompakt" hat ungefiltert ihren Umgang mit der Story um den geplanten Anschlag auf Barack Obama getwittert: "Was für eine Drecks-Obama-Geschichte. Morgen bestellen wir AP ab. Diese hirnlosen Affen! Bringen den ganzen Abend durcheinander. Mit nichts." Hintergrund: Spätabends hatte AP aufgebauscht eine "Verschwörung" gegen Obama gemeldet, die sich als zwei verwirrte Skinheads entpuppte. "Welt Kompakt" twittert ohne Maulkorb und ohne Rücksicht auf Verluste - noch.

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Ob diese Form der ungefilterten, zweiten Öffentlichkeit in Springers Chefetagen ungeteilten Beifall findet, wird sich zeigen müssen. Bislang waren die Twittereien der „Welt Kompakt“-Redaktion meist lustig aber banal. Mit den Kommentaren zu Barack Obama und AP wagt sich die Redaktion auf dünneres, politisches Eis. Solche Kommentare ist man im direkten persönlichen Gespräch von Redakteur zu Redakteur gewohnt. Nur: solche Dialoge oder Kommentare erblicken nie das Licht der Öffentlichkeit. Bis jetzt. Man darf gespannt sein ob und wie Springer auf die Twitter-Rebellen im eigenen Haus reagiert.

Andere Zeitungs- und Nachrichtenredaktionen nutzen Twitter bestenfalls dazu, Links zu aktuellen Geschichten zu verbreiten. „Welt Kompakt“ hat einen anderen Weg gewählt. Hier werden ganz bewusst Interna aus der Redaktion verbreitet. Der Online-Dienst ist ein Lieblingsspielzeug der Web-Szene. Man kann sich einfach bei Twitter anmelden und dann Kurzmitteilungen in alle Welt verbreiten. Der Clou: Jede Textbotschaft ist auf 140 Zeichen beschränkt. Der Zwang zur Kürze sorgt oft für besonders prägnante Texte und schnelle Kommunikation.

Der vereitelte Anschlag der zwei Skinheads auf Barack Obama liest sich in der „Welt Kompakt“-Twitter-Form zum Beispiel so: „Zwei lausige Skins aus Tennessee wollen Obama umbringen und schaffen es noch nicht mal, die benötigten Waffen zu klauen. Super Verschwörung!“ Prägnant und pointiert – aber auch geeignet zur Veröffentlichung?

Neben Insider-Kommentaren zum aktuellen Nachrichtengeschehen, gibt es auch zahlreiche kleine Alltagsgeschichten aus der Redaktion zu lesen. Beispiel gefällig: “ 3-2-1…gleich geht’s zu Tisch. Die Kantine bietet Kohlroulade zum Schnäppchenpreis. Da kann man schon mal qualitative Abstriche hinnehmen.“ Oder: „Im Newsroom wirds immer wärmer, die Volontäre werden maulig. Es riecht langsam nach Feierabend…“ Die Redaktion nutzt Twitter auch als Rückkanal: „Machen jetzt doch eine Geschichte über gute TV-Sendungen. Vorschläge?“

Die „Welt-Kompakt“-Redaktion spielt mit den Möglichkeiten des so genannten Web 2.0 wie keine zweite deutsche Print-Redaktion. Die Zeitung bringt täglich einen witzigen Video-Podcast über die Arbeit in der Redaktion und die Entstehung der aktuellen Ausgabe, es gibt eine eigene MySpace-Seite und die Zeitung druckt so genannte QR-Codes ab. Das sind quadratische Barcodes mit denen bestimmte Handys direkt zu weiterführenden Inhalten, zum Beispiel Videos, gesteuert werden. Ein solcher Code bildet auch das Twitter-Logo von „welt Kompakt“. Initiator dieser modernen Kommunikationsmittel ist Frank Schmiechen, stellvertretender Chefredakteur und Redaktionsleiter von „Welt Kompakt“, der auch meistens die Twitter-Inhalte schreibt. Auf Anfrage von MEEDIA, wie die Chefredaktion der „Welt“-Gruppe zu den Twitter-Aktivitäten der Redaktion steht, hieß es: „Die Chefredaktion der Welt-Gruppe unterstützt und fördert alle Web-2.0-Aktivitäten von Welt Kompakt.“ Wer weniger Offiziöses aus dem Hause Springer lesen möchte, muss wieder bei Twitter nachschauen. Dort schrieb die „Welt Kompakt“-Redaktion am Tag nach der Obama-AP-Story: „Fege gerade die Trümmer von gestern Abend zusammen. Was klare Worte alles auslösen können…“

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