Cicero.de & das Prinzip „Überraschungs-Ei“

Der US-Wahlkampf hat es deutlich gezeigt: Das Internet kann über Sieg oder Niederlage entscheiden. "Das Medium heute, das die größte politische Kampagnenkraft hat, ist das Internet" sagt Alexander Görlach, Ressortleiter Online beim Politik-Magazin "Cicero". "Politische Inhalte funktionieren im Netz, es ist aber die Frage, ob man mit ihnen auch Werbeeinnahmen erzielen kann." Den Beweis dafür will das Berliner Magazin mit einem Premium-Webangebot antreten.

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Was ist Cicero Online?
Zur Marke Cicero gehören unser Heft und unser Onlineauftritt gleichermaßen. Im Netz  bilden wir die Themen aus dem Heft ab und spinnen sie mit online-typischen Formaten wie zum Beispiel Videos, Bildergalerien und Karikaturen weiter. Cicero Online ist kein klassisches Nachrichtenportal. Wir bieten Hintergrund und Deutung der aktuellen Debattenverläufe.

Allgemein wird Cicero als bürgerlich, eher konservativ eingestuft. Wie werden die Themen bei Ihnen denn gedeutet?

Cicero, Online wie Print, ist ein Debatten-Magazin. Dieses Konzept würde nicht funktionieren, wenn wir uns auf nur eine Richtung festlegen würden.

Nennen Sie drei Gründe, warum man einmal am Tag Cicero Online ansurfen sollte.

Wieso nur einmal? Der Überraschungs-Ei-Dreiklang: Es gibt da den ganzen Tag erstens Information, zweitens die Deutung der Information und deren Einordnung und drittens ein redaktionelles Zusatzangebot.

Funktioniert Politik im Netz überhaupt?

Politik erreicht die Menschen nicht mehr auf den klassischen Verbreitungswegen. Der Spiegel hatte dazu einmal eine schöne Montage, die Willy Brandt bei einer Rede im Stadion vor tausenden Menschen zeigte und daneben Frank Walter Steinmeier in einem Raum mit ein paar Leuten. Das Medium heute, das die größte politische Kampagnenkraft hat, ist das Internet. Politische Inhalte funktionieren im Netz, es ist aber die Frage, ob man mit ihnen auch Werbeeinnahmen erzielen kann.

Gibt es in den USA nicht schon einige Erfolgsmodelle? Denken Sie etwa an die „Huffington Post“.

Die Entscheider in den Verlagen und Sendern hier schauen nach Amerika, insofern ist die Entwicklung des deutschen Internets sehr stark an die Verläufe in den USA rückgekoppelt. Trotzdem wird es den Siegeszug, den Blogger in den USA feiern, in diesem Maße hier nicht geben. Die regionalen Zeitungsangebote in den USA sind nicht in dem Maße ausdifferenziert wie bei uns. In einem Land, das so groß ist wie ganz West-Europa, mit 300 Millionen Einwohnern, ist die Diversifizierung der Räume eine ganz andere als bei uns. Es macht in der Tat einen Unterschied, ob man in New York oder Alaska wohnt. Die Blogger-Szene konnte sich in den USA deshalb etablieren, weil sie genau diese Räume abdecken kann. In Deutschland hingegen gibt es starke regionale Produkte in den klassischen Medien. Daher werden wir diese Entwicklungen nicht eins zu eins übernehmen. Aber da wir in Online-Entwicklungen nach USA schauen, zahlen wir bei allem, was wir online tun, auf die Verheißung ein, dass es die Entwicklung, die es in den USA gab, auch bei uns geben wird.

Nächstes Jahr ist Bundestagswahl. Erleben wir einen echten Web-Wahlkampf?
Ich denke, die deutsche Politik ist noch nicht für intensive Online-Kampagnen aufgestellt. Da passiert noch sehr viel im Verlautbarungs-Stil. SPD und CDU wollen, so hört man zumindest, große Beträge in Online-Kampagnen investieren und die FDP hat sogar schon seit Längerem einen eigenen YouTube-Channel. Die politischen Akteure bewegen sich also schon im Netz. Aber die Unmittelbarkeit und Interaktivität ist in Deutschland lange noch nicht so ausgefeilt wie in den USA.

Aber Social Networks sind unglaublich interaktiv – auch in Deutschland. Immerhin sind etwa 60 Prozent aller Deutschen in Web-Communites unterwegs.
Das bedeutet noch nicht, dass dort auch Politik stattfindet.

Bei StudiVZ gibt es aber doch politische Gruppen, zum Beispiel die Friedrich-Ebert-Stiftung.

Das ist richtig. Dort entwickelt sich auch eine eigene politische Dynamik, eine Identifikation mit einer bestimmten politischen Partei oder einer bestimmten politischen Richtung. Was hier stattfindet, ist eine Bewegung von unten nach oben. Wenn die politischen Parteien in Deutschland hingegen derzeit in die Netzwerke gehen, um ihre Botschaften zu platzieren, haben wir es mit einer entgegengesetzten Bewegung zu tun, also von oben nach unten. Das ist gegen den Geist des Netzes. Vor allem, wenn es keine Interaktionsmöglichkeit gibt.

Was tun Sie, um die Qualität aus dem Magazin auch Online fortzuführen?
Cicero, das ist eine Marke, die im Print sehr stark über die Optik und Haptik funktioniert, aber natürlich auch über die Autoren, den Themen-Mix und den Einfluss, den wir auf den Verlauf von Debatten nehmen. Das schreiben wir online fort. Sie sehen das an neuen markennahen Ressorts wie Bibliothek und Leinwand.

Sie haben aber auch Copy/Paste-Angebote auf Ihrer Site.
Wenn Sie damit Agenturmeldungen meinen: Wir bilden die tagesaktuelle Nachrichtenlage in einem reduzierten Maße ab. Da wir aber kein Nachrichtenportal sind, müssen wir uns dabei dieser Hetze nicht aussetzen, mit der andere Kollegen in News-Räumen bisweilen zu kämpfen haben.

Worauf setzen Sie?
Wir bieten Meinungsjournalismus mit einem starken Absender, dem die Leser vertrauen. Das ist unser Qualitätsmerkmal. Die Angebote, die sich zur Aufgabe gemacht haben, das Tagesgeschehen schnell nachrichtlich umzusetzen, sind allesamt miteinander vergleichbar – wenngleich durchaus qualitative Unterschiede vorhanden sind. Bei Cicero Online lassen wir exponierte Akteure mit einer starken Meinung zu Wort kommen. Generell wird der Meinungsjournalismus in Zukunft immer wichtiger werden.

Wieso?
Weil der kritische Journalismus essentiell ist. User wollen nicht nur wissen, was passiert ist, sondern was das Passierte bedeutet.

Welche Zahlen wollen Sie erreichen?
Im zurückliegenden Jahr haben wir die Visitor-Zahlen mas o menos verdoppelt und die Klick-Zahlen verdreifacht. Diesen Trend wollen wir fortsetzen. Wir werden im nächsten Jahr einen technischen Relaunch durchführen und unser Angebot auf eine größere Bühne heben – uns dabei aber nicht verheben. Uns ist klar, dass wir es nicht mit Online-Redaktionen aufnehmen können, die 40 Mitarbeiter und mehr haben. Wir arbeiten derzeit mit acht Leuten. Wir sehen aber am Erfolg des nun zur Neige gehenden Jahres, dass wir mit unserem Deutungsansatz Leser gewinnen können und dass unsere Community beständig wächst.

Es ist kaum Bewegtbild auf Ihrer Site zu finden. Verschlafen Sie da nicht einen wichtigen Trend?
Wir wissen natürlich, dass das Bewegtbild immer den Text schlägt. Wir werden allerdings keine eigene Video-Produktion beginnen. Das kostet zu viel Geld. Vorstellbar sind eher Kooperationen mit Sendern.

Welche Kriterien muss ein journalistisches Online-Portal erfüllen, um die Finanzkrise zu überstehen?
Wie hart uns die Finanzkrise treffen wird, wissen wir noch nicht. Sicherlich haben die Angebote mit starken Alleinstellungsmerkmalen dann die besten Chancen, gut aus der Krise herauszukommen. Es ist wichtig, originäre Inhalte zu bieten und glaubhaft zu sein. Verwechselbarer Content wird nicht lange überdauern. Da sind wir gut aufgestellt.

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