Facebook-Relaunch: Das schlechtere Twitter

Facebook hat ein neues Gesicht: Über Tage vorab angekündigt, hat das boomende Social Network über das Wochenende nach einem Jahr nun einen erneuten Facelift vollzogen. Die Änderungen sind auf den ersten Blick nicht nur für viele Nutzer gewöhnungsbedürftig – sie sind auch ziemlich unvollkommen. Beliebte Features fehlen auf der überarbeiteten Startseite, während im Profil das Design verwirrt. Vor allem überrascht aber, wie sehr sich Platzhirsch Facebook am Shootingstar Twitter orientiert.

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Facebook hat ein neues Gesicht: Über Tage vorab angekündigt, hat das boomende Social Network über das Wochenende nach einem Jahr einen erneuten Facelift vollzogen. Die Änderungen sind auf den ersten Blick nicht nur für viele Nutzer gewöhnungsbedürftig – sie sind auch ziemlich unvollkommen. Beliebte Features fehlen auf der überarbeiteten Startseite, während im Profil das Design verwirrt. Vor allem überrascht aber, wie sehr sich Platzhirsch Facebook am Shootingstar Twitter orientiert. 

1,65 Millionen Nutzer machen inzwischen nicht einmal mehr ein Hundertstel der Mitglieder des größten sozialen Netzwerks aus. Aber ein Hundertstel kann sehr mächtig ein, wenn es sich geballt gegen jene Plattform stellt, auf der man eigentlich aus Spaß an der Sache angemeldet ist.

Das ist der Fall bei der Gruppe „Petition Against the „New Facebook“, die eigentlich im Zuge des Relaunchs von 2008 entstanden ist. Am Wochenende gewann sie scharenweise neue Mitglieder hinzu, die sich in sehr deutlichen Worten Luft machten:

„Man kann Dinge nicht mehr einfach finden“, erklärt die Userin Amanda Fink. „Ich habe aber nicht Zeit, nach allem zu suchen.“  Marc Haas wird deutlicher:  „Die neue Homepage ist viel zu voll und komplett unorganisiert.“ Während Kerri Dixon den Finger noch tiefer in die Wunde legt: „Ich will den alten News- und Livefeed zurück. Dieses Ding hier ist alles andere als benutzer-freundlich“.

Damit sind die Hauptvorwürfe gegen den – im Ganzen – ziemlich überraschenden Facebook-Relaunch beim Namen genannt worden: Das neue Facebook, das sich in erster Linie durch eine überarbeitete Start- und Profilseite unterscheidet, hat einige angestrengte Veränderungen vorgenommen – nur dabei auf dem Weg den User vergessen.  Folgende Änderungen stechen ins Auge:

• Das gewöhnungsbedürftige überarbeitete Design

Wie bei allen Geschmacksfragen lässt sich hier über Sinn- und Unsinn (nicht) streiten. Die Schrift ist größer, Icons mit Profilbild zieren jedes Posting, während etwa beliebte Features wie das Großformat bei Foto-Uploads, das dem Profil mit sehenswerten Fotos etwas Flickr-Feeling verlieh, fehlen. All das ist gewöhnungsbedürftig – und am Ende vielleicht nach Monaten kein Thema mehr.

Fehlende Funktionalitäten

Weitaus schwerwiegender erscheint jedoch der plötzliche Verlust von äußerst beliebten Features, die Facebook in den vergangenen Monaten so groß gemacht haben. Der enorme  Erfolg von Facebook beruht im Wesentlichen schließlich auf der einzigartigen Verknüpfung von Inhalten.

Doch genau das wird nun – warum auch immer – plötzlich erschwert. Nicht nur ist da die von Usern schon bemängelte Unübersichtlichkeit im Livefeed, die durch die viel größere Schrift bedingt wird – es fehlen auch schlicht Funktionen. Etwa die Information über neu hinzugefügte Freunde, einen veränderten Beziehungsstatus – oder vor allem das Killer-Feature „Fotos kommentieren“, mit dem User auf denkbar einfache Weise über Bilder ihrer Freunde informiert wurden.

Natürlich: Fotos fließen weiterhin im Livefeed auf der Startseite ein – das schon. Doch der angezeigte Kommentar von Freunden bzw. auf Bilder von Freunden war es, der die Interaktion zwischen den Nutzern herstellte und immer wieder erneuerte. Ob der Verzicht auf die angezeigte Kommentar-Funktion gewollt oder noch ein Bug ist, erscheint derzeit nicht ganz klar – in der iPhone-Applikation von Facebook sind Kommentare im News-Feed weiterhin sichtbar.

• Offenkundiger Beta-Status ohne Switch-Möglichkeit

Überhaupt wirkt der Relaunch überhastet und unausgereift. „Im Laufe des gestrigen Tages startete Facebook die Umstellung auf die neue Startseite“, hieß es in der Pressemeldung am vergangen Donnerstag. Das stimmt allerdings nicht –  tatsächlich erfolgte der Switch bei vielen (deutschen) Nutzern erst in der Nacht von Freitag auf Samstag. Manche verwirrte Facebooker wollten bereits „Selbsthilfe-Gruppen“ einberufen, warum bei ihnen noch kein Upgrade erfolgt sei, während ihre Freunde bereits mit der neuen Version arbeiten konnten.

Besonders ärgerlich erscheint jedoch der abrupte Wechsel auf eine offenkundig technisch noch nicht ausgereifte Version. „Das wirkt alles in allem nicht richtig durchdacht, was Facebook hier vorstellt“, erklärt Nicolay Mausz, Gründer und Geschäftsführer der Software-Agentur flying dog: „Gute neue Funktionen wie die Filterliste sind schwer zu pflegen. An einigen Stellen treten ärgerliche Bugs auf, so dass z.B. Kommentare auf Status-Updates manchmal nicht sichtbar sind. Alles ziemlich Beta eben. So hätte Facebook den Relaunch nie und nimmer vornehmen dürfen!“

Im Vorjahr wurden Nutzer nicht mit der neuen Version überfallen: Hier bestand über Monate die Möglichkeit, die alte Version weiter zu benutzen. Die 2008er-Version lief lange unter der eigens eingerichteten URL new.facebook.com. Das überrascht auch Mausz: „Facebook wollte ja basisdemokratisch werden, wie bei den neuen Nutzungsregeln geplant, wo die Nutzer über die künftigen Geschäftsbedingungen des Social Networks abstimmen sollen. Schön wäre es jedenfalls bei der neuen Startseite gewesen, die ja durchaus interessante Ideen bietet, einen groß angelegten Beta Test durchzuführen. So ein Vorgehen kennt man z.B. vom Google Beta Programm, wo neue Funktionen erstmal von der Community getestet werden können.“

•  Verwirrende Twitter-Nähe

Vor allem überrascht jedoch die erstaunliche Nähe zu jenem aufstrebenden Web 2.0-Dienst, für die Mark Zuckerberg zuletzt sehr lobende Worte fand – Twitter.

Genau das aber ist nun die eigentliche Schwäche des Facebook-Relaunchs. Facebook ist nicht Twitter, will es aber offenbar mehr und mehr werden – was jedoch ziemlich misslingt. Das Live-Feeling mit schnell aktualisierten News-Feed ist eine durchaus gute Idee, die jedoch eigenartig umgesetzt ist. User sehen so ihr Icon auf der eigenen Profilseite zig-mal untereinander – weil sie ihr Profil natürlich am häufigsten mit Inhalten befüllen. Das irritiert und wirkt befremdlich.

Gleichzeitig wirkt der Live-Feed seltsam überfrachtet – was nicht zuletzt an der neuen Schriftgröße liegt. Obwohl der User nun die Möglichkeit besitzt, die neusten Inhalte seiner ausgewählten Freunde bevorzugt – also: gefiltert – angezeigt zu bekommen und obwohl in der rechten Navigationshälfte „Höhepunkte“ von Applikationen aufgeführt werden, beschleicht einen das Gefühl, konstant etwas zu verpassen. Irgendetwas fehlt – wie die kommentierten Fotos, Einladungen zu Drittprogrammen oder der direkte Zugriff auf Gruppen. 

Das neue Facebook bietet aufgrund seiner zahlreichen Anwendungen natürlich viel mehr als Twitter – aber aufgrund seiner neuen Unübersichtlichkeit auch weniger als die reduzierte, minimalistische Tweet-Abfolge, bei der jeder weiß, was man hatte. 

„Sie haben es Twitter angepasst“, fasst der User Liam Geoghegan die Kritik zusammen. „Ich will aber nicht Twitter – ich will Facebook. Ich muss jetzt aber dauernd herunterscrollen, um alle Status Udates zu sehen – oder Fotos oder Videos. Und wenn ich da hingelange, sehe ich nur den Aufriss davon. Das ist alles wirklicher, wirklicher Müll!“

Vielleicht mag diese Einschätzung sehr subjektiv sein und nicht für die Mehrzahl der Facebooker sprechen – sie bringt jedoch ein Gefühl zum Ausdruck, das bei Facebook noch vor Monaten kaum bekannt war: Echte Enttäuschung über ein liebgewonnes Social Network, das sich, wie zuletzt der AGB-GAU unterstrich, mehr und mehr von seinen Usern entfernt.

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