Das digitale „Witwenschütteln“

„Witwenschütteln“ nennt man bei Boulevardmedien mit dem berufseigenen Zynismus die Bilderbeschaffung nach einem Unfall, Mord oder Amoklauf. Dabei werden Mitarbeiter entsandt, die Nachbarn und Angehörige abklappern oder abtelefonieren, um an Bildmaterial zu kommen. Der Fall Winnenden zeigt, dass das Web auch das „Witwenschütteln“ verändert hat. Betroffene kooperieren oft nicht mit Medien. Die Recherche findet darum immer häufiger digital statt – auf den Profilseiten der sozialen Netze.

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„Witwenschütteln“ nennt man bei Boulevardmedien mit dem berufseigenen Zynismus die Bilderbeschaffung nach einem Unfall, Mord oder eben Amoklauf. Dabei werden Mitarbeiter entsandt, die Nachbarn und Angehörige abklappern oder abtelefonieren, um an Bildmaterial zu kommen. Der Amoklauf von Winnenden zeigt, dass das Web auch das „Witwenschütteln“ verändert hat. Offenbar kooperieren immer weniger Betroffene mit den Medien. Das „Witwenschütteln“ findet darum immer häufiger digital statt – auf den Profilseiten der sozialen Netze.

Nach Ereignissen wie Winnenden grasen Reporter von „Bild“, aber auch von den vermeintlich seriösen Redaktionen wie „Spiegel“, „stern“ oder „Focus“, großflächig die sozialen Netze im Internet ab. Laut einer Studie der Universität Augsburg sind 96 Prozent der unter 25-Jährigen in Deutschland in sozialen Netzen wie MySpace, Facebook, StudiVZ, Wer-kennt-wen.de oder Kwick unterwegs. Und die jungen Leute stellen in der Regel freizügig Bild- und Infomaterial von sich auf die oftmals offen zugänglichen Profil-Seiten. Die Trefferquote bei der Bild-Beschaffung im Web ist also ziemlich hoch, die Recherche schnell, effektiv – und kostengünstig.

Und groß ist die Enttäuschung, wenn es einmal nicht klappt. So twitterte die „Bild.de“-Redaktion bereits kurz nach dem Amoklauf: „Über den Täter findet sich nichts bei MySpace, Facebook und Co. Sehr ungewöhnlich für einen 17jährigen.“ Dies hatte einen einfachen Grund: Die Betreiber der Netzwerke, in denen Tim K. Profile angelegt hatte,  sperrten alle Einträge unmittelbar nach der Tat. Bei den Opfern wurde man später aber offenbar online fündig. „Bild am Sonntag“ machte mit Fotos fast aller Erschossenen vom Amoklauf von Winnenden auf. Die meisten der Bilder stammen dabei laut „<a href='BildBlog“ von Community-Seiten aus dem Internet wie Kwick.de. Auch der „Focus“ macht in Boulevard-Manier mit unscharfen Fotos der Getöteten auf, Titelzeile: „Die Opfer von Winnenden“.

Die Bereitschaft in der Bevölkerung, Boulevard-Medien mit Foto-Material zu versorgen, ist augenscheinlich gesunken. Auffällig sind auch die zahlreichen Proteste der Bevölkerung in Winnenden gegen die überbordende Medienpräsenz. In zahlreichen Fenstern werden Plakate und Zettel aufgehängt mit Aufschriften wie „Presse haut ab!“ oder „Lasst uns in Ruhe trauern“. Für Reporter und Redaktionen gerät der Umgang mit den Trauernden zur heiklen Gratwanderung: Wie weit soll und darf man gehen, wie verhalten sich die anderen Medien? Manche Zeugen und Hinterbliebenen sind bereit sich zu äußern, andere empfinden jede Anfrage als belastend.

Der „Spiegel“ berichtet in seiner gedruckten Ausgabe vom Trauergottesdienst in Winnenden, dass die Teilnehmer sich an den zahlreich anwesenden Kamerateams störten. Obwohl der Einsatz der Kameras mit der Kirchenleitung abgesprochen war, protestierten die Bürger so lange, bis die Filmteams abzogen.

Ein weiteres Beispiel, dass bei Boulevard-Berichterstattung gerne ins Internet ausgewichen wird, war der Fall des Beinahe-Absturzes eines Lufthansa-Airbus auf dem Hamburger Flughafen. „Bild“ „<a href='enthüllte“ kurz nach dem Ereignis das „traurige“ Geheimnis der Co-Pilotin. Garniert mit Fotos und Infos aus deren Profilseiten beim sozialen Netzwerk StudiVZ.

Auch der seriöse „Spiegel“ ist nicht vor der Versuchung gefeit, sich online Bilder zu beschaffen. Bei der jüngst erschienen Titelgeschichte „<a href='Nackt unter Freunden“, die sich kritisch mit sozialen Netzwerken und deren gesellschaftlichen Folgen auseinandersetzte, zeigte das Magazin mehrere Fotos aus sozialen Netzen, bei denen es zumindest fragwürdig ist, ob die Redaktion vorab die Einwilligung der Urheber zur Veröffentlichung eingeholt hatte. Rechtliche Grauzone hin oder her: Das Internet scheint für immer mehr Medien zu einem Selbstbedienungsladen für Fotos und Informationen geworden zu sein. Ob das lange gut geht, bleibt abzuwarten.

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