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Die Twitter-Regeln der deutschen Medien

Eine Folge von Winnenden: Twitter hat sich als neuer, aber umstrittener Medienkanal etabliert. Die Mehrzahl der deutschen Redaktionen "zwitschert" bereits, doch alle mit unterschiedlichen Herangehensweisen und Regeln. MEEDIA hat die Redaktionen gefragt, ob die Medien via Microblogging-Dienst über einen Amoklauf berichten sollen, ob sie dabei pietätlos vorgegangen sind, und ob auch für Twitter klare journalistische Regeln erforderlich sind? Geantwortet haben u. a. Weltkompakt, derWesten.de oder taz.de.

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Carsten Erdmann, Chefredakteur „Berliner Morgenpost“

Sollen Medien via Twitter über den Amoklauf berichten? Wenn ja, wie?
Twitter ist ein Social Network, auf dem jedermann Informationen unglaublich schnell und ungeprüft verbreiten kann. Das ist Chance und Gefahr zugleich. Für uns ist es auch ein Weg, auf interessante Nachrichten von Morgenpost Online, Berlins größtem Newsportal, hinzuweisen.
Sind Sie bei Ihrer Live-Berichterstattung zum Teil pietätlos vorgegangen?
Nein. Wir haben am Mittwoch via Twitter als erster die Eilmeldungen der dpa verbreitet und Nutzer innerhalb des Netzwerks verlinkt. Die Kollegen der dpa haben,  in der teilweise sehr unübersichtlichen Nachrichtenlage die zuverlässigsten Informationen geliefert. Augenzeugenberichte auf Twitter gab es so gut wie keine. Am Donnerstag allerdings, bei der Nachricht rund um die angebliche Ankündigung des Amoklaufs im Internet, hat Twitter andere Medien und die Nachrichtenagenturen geschlagen und Impulse für Recherchen und die Berichterstattung geliefert.
Wer twittert bei Ihnen?
Mitglieder der Redaktion.
Brauchen Redaktionen klare Twitter-Regeln?
Ich sehe bei uns keine Notwendigkeit dafür. Die journalistischen Regeln, die für die Online- und Printredaktion gelten, gelten auch für die Berichterstattung auf Twitter. Unsere Follower vertrauen uns.
Ist die aktuelle Kritik an Twitter nicht der beste Beweis dafür, dass der Microblogging-Dienst auf dem besten Weg ist, ein vollwertiger Medienkanal zu werden?
Ich glaube, Twitter wird derzeit ein wenig überschätzt.

Matthias Urbach, Redaktionsleiter von taz.de

Sollen Medien via Twitter über den Amoklauf berichten? Wenn ja, wie?
Wenn einige das gerne wollen, sollen sie das tun. Man wird sehen, ob die Twitter Gemeinde das gut findet – oder nicht. Allerdings verlinkt die Twitter-Gemeinde doch ganz von selbst auf die interessantesten Medien-Angebote. Twitter-Liveticker könnten da schnell als eine neue Art von Spam empfunden werden.
Sind Sie bei Ihrer Live-Berichterstattung zum Teil pietätlos vorgegangen?
Michael Konken kritisiert, dass Reporter, die ihre Arbeit „in den Vordergrund“ rücken, „pietätlos gegenüber den Opfern“ seien. Das ist mir zu pauschal. Es gibt da sicher grenzwertige Fälle, aber die Öffentlichkeit hat doch auch ein Interesse daran, zu sehen, wie Reporter arbeiten. Unterm Strich werden solche Informationen den Journalismus eher von seinem hohen Roß holen.
Wer twittert bei Ihnen?
Die Onlineredaktion, hier vor allem Jan Michael Ihl, zurzeit über den kommenden Kongress zum 30. Geburtstag der taz. Daneben twittern auch einige (Zeitungs-)Redakteure persönlich.
Brauchen Redaktionen klare Twitter-Regeln?
Nein. Nichts, was sie nicht sowie schon beachten sollten.
Ist die aktuelle Kritik an Twitter nicht der beste Beweis dafür, dass der Microblogging-Dienst auf dem besten Weg, ist ein vollwertiger Medienkanal zu werden?
Ich glaube nicht, dass er eine Konkurrenz für journalistische Medien ist, wenn Sie das mit „vollwertiger Medienkanal“ meinen. Im Prinzip ist Twitter doch sowas wie eine für alle zugängliche Raucherecke, wo Freunde Tratsch austauschen. Das ist sich selbst erstmal genug, egal was einige Journalisten davon halten.
Noch muss man im übrigen abwarten, wie wichtig Twitter in Deutschland wird. Bei einer (nicht-repräsentativen) Umfrage kürzlich auf taz.de waren noch 80 Prozent der Meinung, dass Twitter reine Zeitverschwendung ist. Aber je nach Sichtweise ist das der Tratsch in der Raucherecke ja auch. Also: weiter beobachten und sehen, wie sich Twitter entwickelt.

Frank Schmiechen, „Welt Kompakt“
Sollen Medien via Twitter über den Amoklauf berichten? Wenn ja, wie?

Ich kann nicht sagen, was andere Medien machen sollen. Für mich erfordert jede Nachricht und jede Geschichte ihr spezielles Medium. Wir haben uns per Twitter fast gar nicht mit dem fürchterlichen Amoklauf beschäftigt. Das Geschehen passte für mein Gefühl nicht dorthin. Ich habe meine gesamte Kraft in die Zeitungsausgabe von „Welt Kompakt“ gesteckt. Wir haben den Tag in der Redaktion und unsere Erschütterung mit einem Video auf youtube (www.welt.de/wk-blog) dokumentiert.
Sind die Medien bei Ihrer Live-Berichterstattung zum Teil pietätlos vorgegangen?
Ich habe gerade einiges nachgelesen und konnte nichts Pietätloses entdecken.
Wer twittert bei Ihnen?
In den meisten Fällen mache ich das selber.
Brauchen Redaktionen klare Twitter-Regeln?
Richtlinien können Missverständnisse verhindern. Derzeit wird auf Twitter noch viel ausprobiert. Das macht ja auch einen Teil des Charmes aus.
Ist die aktuelle Kritik an Twitter nicht der beste Beweis dafür, dass der Microblogging-Dienst auf dem besten Weg, ist ein vollwertiger Medienkanal zu werden?
Twitter ist das, was die Menschen draus machen. Eine sehr elastische Angelegenheit. Genau die richtige Herausforderung für kreative Köpfe.

Peter Viebig, „Nürnberger Zeitung“

Sollen Medien via Twitter über den Amoklauf berichten? Wenn ja, wie?
Gegenfrage: Sollen Medien generell über den Amoklauf berichten? Ist Twitter nicht auch ein Medium? Zum wie: sachlich und informativ.
Sind Sie bei Ihrer Live-Berichterstattung zum Teil pietätlos vorgegangen?
Aus unserer Sicht: Nein.
Wer twittert bei Ihnen?
Mitglieder der Redaktion
Brauchen Redaktionen klare Twitter-Regeln?
Es gibt journalistische Regeln, die für die Zeitung gelten und die nicht deswegen außer Kraft gesetzt werden, nur weil eine Meldung nicht gedruckt, sondern via Twitter verschickt wird. Dennoch muss man sehen, dass durch den Aktualitätsdruck bei Twitter die Fehlergefahr natürlich größer ist.
Ist die aktuelle Kritik an Twitter nicht der beste Beweis dafür, dass der Microblogging-Dienst auf dem besten Weg ist, ein vollwertiger Medienkanal zu werden?
Freilich ist es ein Medium, bloß: Wo fängt denn Vollwertigkeit an? Die Zahl der Zeitungsabonnenten ist bei uns jedenfalls noch etwa 100mal größer als die der Twitterfollower.

Christoph Hammerschmidt, Direktor Marketing & Kommunikation von n-tv

Sollen Medien via Twitter über den Amoklauf berichten? Wenn ja, wie?
Wir nutzen Twitter als Informationsquelle, wobei man sich immer bewußt sein musst, dass sie von Privatpersonen gespeist wird und insofern der Wahrheitsgehalt und die Unabhängigkeit überprüft werden müssen. Bei n-tv kommt Internetreporter Moritz Wedel zum Einsatz, der die Twitter-Nachrichten einordnet, bewertet und generell auch über das Phänomen Twitter berichtet.
Sind Sie bei Ihrer Live-Berichterstattung zum Teil pietätlos vorgegangen?
Unsere Moderatoren berichten ausführlich über die Geschehnisse vor Ort, kommentieren und ordnen die gesendeten Bilder professionell ein. Somit wird mit Sachverstand und Unterstützung von externen Experten durch diese dramatischen Stunden geführt, objektiv und neutral berichtet.
Ist die aktuelle Kritik an Twitter nicht der beste Beweis dafür, dass der Microblogging-Dienst auf den bestem Weg ist, ein vollwertiger Medienkanal zu werden?
Twitter wird in der aktuellen Form kein vollwertiger Medienkanal werden oder Nachrichtenagenturen ersetzen können, da die Nachrichten von Privatpersonen verfasst werden, deren Unabhängigkeit, Verlässlichkeit nicht sichergestellt ist. Es muss immer eine Einordnung und Bewertung durch eigene Redakteure stattfinden oder eine Verifizierung durch vertrauensvolle Quellen erfolgen.
Katrin Scheib, DerWesten.de
Sollen Medien via Twitter über den Amoklauf berichten? Wenn ja, wie?


Sie sollen nicht zwingend, aber sie können. Mit derselben Besonnenheit und handwerklichen Sorgfalt wie in ihrer sonstigen Berichterstattung: Die Inhalte einer Polizeipressekonferenz kann man auch mal tickern über Twitter, das sind ausreichend gesicherte Infos. Aber man darf nicht den Durchlauferhitzer spielen für allerlei Gerüchte.
Sind Sie bei Ihrer Live-Berichterstattung zum Teil pietätlos vorgegangen?



Wir hatten über Twitter einen Dialog mit unseren Followern darüber, ob es sinnvoll ist, zu sagen: 16 Tote, damals in Erfrurt waren es 17. Manche haben das als „Ranking“ empfunden, als wären weniger Tote weniger schlimm. Dabei hatten wir nur bei uns selbst gemerkt, dass wir uns gefragt hatten: „Wie war das noch mal damals in Erfurt.“ Auf den einen Aspekt reduziert kam das aber schief rüber. Das bestätigt, dass manche Inhalte und Kontexte sich nicht unbegrenzt verdichten lassen, weil es irgendwann auf Kosten der Verständlichkeit geht.  Da haben wir was gelernt.
Wer twittert bei Ihnen?

Als @DerWesten twittern die Redakteure und CvDs am Newsdesk, in wechselnden Schichten von Früh- bis Spätdienst. Einige von uns haben außerdem persönliche Twitteraccounts oder welche für ein bestimmtes Thema.
Brauchen Redaktionen klare Twitter-Regeln?


Ja – zuerst das ganze Repertoire an journalistischen Handwerksregeln und dann noch ein paar Twitter-spezifische Grundsätze. Darüber reden wir am Newsdesk auch immer wieder. Nur, weil irgendjemand etwas bei Twitter behauptet, enthebt uns das ja nicht von der Pflicht, es zu verifizieren.
Ist die aktuelle Kritik an Twitter nicht der beste Beweis dafür, dass der Microblogging-Dienst auf den besten Weg ist ein vollwertiger Medienkanal zu werden?


Was beim Twitter-Hype wie auch beim Twitter-Bashing oft übersehen wird: Twitter ist ein Weg, kein Ziel. Twitter ist so wenig gut oder böse, wie Papier gut oder böse ist. Papier ist geduldig, Twitter auch. Wir haben es hier weder mit der Neuerfindung des Journalismus zu tun noch mit dessen Untergang. Sondern nur mit einem weiteren Werkzeug, das wir nutzen können – mit dem besonderen Charme, dass es keine Einbahnstraße ist.

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