US-Zeitungskrise (1): Am Ende nur noch 3 Titel?

Es sind dramatische Zeiten auf dem US-Zeitungsmarkt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Entlassungen, Einstellungen oder Bankrotte verkündet werden. Die Auswirkungen des Internets sowie die Finanzkrise haben tiefe Spuren hinterlassen. MEEDIA dokumentiert in einem dreiteiligen Überblick, wie sich die Situation derzeit darstellt. Wir haben dabei die Top 10-Titel untersucht. Ergebnis: Bis auf die führenden drei laufen alle Zeitungen Gefahr, kurz- oder mittelfristig vom Markt genommen zu werden.

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Es sind dramatische Zeiten auf dem US-Zeitungsmarkt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Entlassungen, Einstellungen oder Bankrotte verkündet werden. Die Auswirkungen des Internets sowie die Finanzkrise haben tiefe Spuren hinterlassen. MEEDIA dokumentiert in einem dreiteiligen Überblick, wie sich die Situation derzeit darstellt. Wir haben dabei die Top 10-Titel untersucht. Ergebnis: Bis auf die führenden drei laufen alle Zeitungen Gefahr, kurz- oder mittelfristig vom Markt genommen zu werden.
Im ersten Teil stellen wir die drei Flaggschiffe der US-Zeitungsbranche vor, die unserer Meinung nach einfach zu groß und zu etabliert sind, um wirklich in Gefahr zu kommen. 
 
1) USA Today (2,26 Mio. Verkauf): stabile Auflage 
Das modern-gemachte Boulevard-Blatt, erst 1982 gegründet, ist mit 2,26 Mio. Verkauf die führende Zeitung des Landes. „USA Today“ ist das Flaggschiff von Gannett, dem größten Zeitungsverlag des Landes. Er publiziert mehr als 100 Regional-Zeitungen in den USA und England.
Der Konzern ist von der Krise erheblich getroffen: in den letzten 5 Jahren ist der Aktienkurs von 90 Dollar auf unglaubliche 3 Dollar gefallen, die Rating-Agentur Moody’s bewertet die Aktie mittlerweile als „Junk“! Alle 35.000 Gannett-Angestellten müssen im 1. Quartal dieses Jahres eine Woche unbezahlten Urlaub nehmen. Im Internet gibt es einen unabhängigen Blog, der sich ausschließlich mit dem Niedergang von Gannett beschäftigt. 

Die USA Today, wegen der vielen bunten Fotos, Infographiken und kurzen Stücken von Spöttern „McPaper“ genannt, ist deutlich seriöser und weniger blutig gemacht als z.B. die Bild-Zeitung. Die Redaktionsstärke liegt bei 430 Leuten. 20 Redakteure mussten 2008 gehen. Während amerikanische Zeitungen im Schnitt um die 5% Auflage p.a. verlieren, ist der Verkauf der USA Today bisher relativ stabil. Allerdings ist das Anzeigengeschäft stark rückläufig, die Zeitung ist heute deutlich dünner als vor einem Jahr. Um diese Probleme auszugleichen, hat der Verlag gerade den Copypreis auf 1 Dollar erhöht. 

Der eigentliche Schwachpunkt der Zeitung ist die Webseite, die für die breite Masse zu sehr in Richtung Web 2.0 angelegt ist.
 
 
2) Wall Street Journal (1,89 Mio. Verkauf): leichte Auflagengewinne 
Die 120 Jahre alte Zeitung ist mit rund 2 Mio. Auflage der zweitgrößte Titel im US-Newspaper-Markt. Seit August 2007 ist das Verlagshaus Dow Jones, in dem die „Wall Street Journal“ erscheint, im Besitz von Rupert Murdoch. Er hat für den Erwerb den wahnwitzigen Kaufpreis von mehr als 5 Milliarden Dollar gezahlt hat, obwohl der Gewinn im letzten Jahr gerade einmal 100 Mio. Dollar betrug. Vor kurzem musste der Verleger den Wert seiner Zeitungs-Division um 3 Milliarden Dollar abschreiben. Der Aktienkurs von Murdochs News Corp. ist allein im letzten Jahr um 70% gefallen. Murdoch gilt aufgrund dieser Entwicklung als einer der großen Verlierer
Aber der neue Verleger hat beim „Wall Street Journal“ auch Positives bewirkt: er hat frischen Wind ins Blatt gebracht, verkrustete Strukturen aufgebrochen und die Zeitung inhaltlich geöffnet. Sie beschränkt sich nicht mehr nur auf Wirtschafts- und Finanzthemen, sondern ist politischer geworden und hat sogar eine tägliche Sportseite bekommen. Murdoch greift mit dieser Formel die „New York Times“ an. Das scheint sich auszuzahlen: die Auflagenentwicklung vom Wall Street Journal ist als einzige Zeitung in den USA zur Zeit leicht positiv. Die Redaktionsstärke beträgt 700 Leute. 
Die Website der Zeitung ist als einzige Zeitung der USA kostenpflichtig. Sie hat rund 1 Mio. Abonnenten, die 60 Mio. Dollar zahlen. Zusätzlich erlöst die Site 120 Mio. Dollar an Werbung. Die Gesamterlöse liegen also bei 180 Mio. Erlöse (zum Vergleich: Spiegel Online dürfte in Deutschland rund 20 Mio. Euro erlösen). 
 
 
3) New York Times (1,00 Mio. Verkauf): schwaches Management 
Die “Gray Lady” ist noch immer die bedeutendste Zeitung der USA, auch wenn sie nach Auflage (knapp über 1 Mio. Exemplare, davon 640.000 Abonnenten) klar hinter der “USA Today” und dem “Wall Street Journal” zurückliegt.  

Das Problem der New York Times Company: sie wird unter Verleger Arthur Sulzberger schlecht gemanagt. Zum einen beschäftigt die Zeitung heute noch immer 1300 Redakteure, was angesichts der Probleme nicht zeitgemäss erscheint. Zum anderen hat sich der Verlag an einer Reihe unrentabler Regionalblätter (“Boston Globe”) beteiligt, die den Gewinn des Mutterblattes auffressen. Folge: der Aktienkurs ist in den letzten fünf Jahren von 45 auf 4 Dollar gefallen. Damit ist die Aktie heute billiger als die Sonntagsausgabe der Zeitung. 

Um nicht in Liquditätsprobleme zu kommen, ist der Verlag gerade dabei, das neue Zeitungsgebäude zu verkaufen und dann zurückzuleasen. Außerdem hat man beim mexikanischen Milliardär Carlos Slim einen Kredit von 250 Mio. Dollar aufgenehmen müssen. Und man hat die Dividende an die Aktionäre gestrichen, was insbesondere die Familie Sulzberger trifft. Außerdem will man sich auch noch von der Beteiligung im US-Baseball trennen.
Die New York Times hat das beste Internet-Angebot aller Zeitungen weltweit, das immer wieder mit innovativen Ansätzen wie z.B. dem neuen ArticleSkimmer glänzt. Im Gegensatz zum Wall Street Journal ist die NYT-Website inzwischen wieder völlig kostenfrei ist, nachdem vor zwei Jahren der Bezahldienst “TimesSelect” eingestellt wurde. Inzwischen gibt es Überlegungen, Teile des Internet-Angebots wieder kostenpflichtig zu machen. Die Website erlöst an Werbung zwischen 150-175 Mio. Dollar. 
Immer wieder wird spekuliert, dass die New York Times eines Tages nur noch online erscheinen könnte, aber bis dahin dürfte es noch ein langer Weg sein. Falls die Sulzberger ihre Anteile nicht mehr halten können, steht Rupert Murdoch bereit. Im Gespräch ist für diesen Fall aber auch ein öffentlich-rechtliches Modell mit staatlicher Teilhaberschaft. 
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In den nächsten Teilen der Serie stellen wir 7 weitere große US-Zeitungen vor, deren Überleben uns alles andere als sicher erscheint. Darunter sind die führenden Zeitungen von Großstädten wie Los Angeles, San Francisco, Chicago und Washington.

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