„Welt Kompakt“ plant Live-Videos

Frank Schmiechen ist Vize-Chefredakteur von „Welt Kompakt“ und derjenige, der bei der kleinen „Welt“-Schwester meist bis in die Nacht die Produktion steuert. Er ist die treibende Kraft hinter den zahlreichen New-Media-Aktivitäten der „Welt Kompakt“. Die Redaktion twittert, hat eigene MySpace- und Facebook-Seiten und präsentiert sich auf YouTube. Demnächst sind sogar Live-Videos vom Redaktionsschluss geplant. MEEDIA sprach mit Frank Schmiechen über seine Erfahrungen mit Twitter und Co.

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Die Redaktion von „Welt Kompakt“ ist sehr aktiv bei Twitter – was fasziniert sie an diesem Online-Tool?

Ja! Wir lieben Twitter. Diese Unmittelbarkeit. Das ist sexy. Wir wollen wissen, über was interessante Menschen jetzt gerade sprechen und was die Menschen jetzt gerade bewegt. Wir bieten unseren Followern dafür die Möglichkeit, zu verfolgen, über was wir jetzt gerade reden und was uns jetzt gerade bewegt.

Was bringt der Einsatz von Twitter für die Redaktion?

Die Möglichkeit, sich mit anderen Mitteln als mit der Zeitung zu präsentieren. Und die Möglichkeit, an interessanten Gesprächen außerhalb der Redaktion teilzunehmen. Und einmal hat uns ein Follower sogar eine gute Flasche Wein geschickt, weil wir auf Twitter neugierig nachgefragt haben, ob der Rote aus dem Rheingau etwas taugt…

Und für die Zeitung „Welt Kompakt“?

Wir finden auf Twitter Anregungen für Geschichten. Oder irgendwo auf der Welt passiert gerade etwas Ungewöhnliches und wir werden über Twitter darauf hingewiesen. Manchmal twittern wir ein paar Themen unserer Zeitung und testen die Reaktionen. Oder wir fragen nach einer Schlagzeile, wenn wir mal keine haben. Man kommt mal auf ganz andere Gedanken.

Gibt es redaktionelle Regeln für das Twittern?

Nein. Wir twittern aus dem Bauch.

Manche sagen voraus, Twitter würde den Journalismus revolutionieren. Wie sehen Sie das?

Das glaube ich nicht. Twitter führt uns allerdings ein zentrales Problem vor Augen, das die Journalisten in den kommenden Jahren beschäftigen wird: Wie filtere ich aus dem immer dichter werdenden Informationsgewitter die relevanten Informationen? Das kann man auf Twitter schon mal wunderbar üben…

Im Fall des Hudson-River-Tweet, als ein Flugzeug im Hudson notwasserte, haben Sie via Twitter nach dem Namen das Piloten gefragt. Wie waren die Reaktionen?

Ich habe sehr schnell vier Antworten bekommen. Alle hatten den richtigen Namen „Sullenberger“ parat. Da wir keine zweite Quelle für die Richtigkeit der Information gefunden haben, haben wir den Namen aber nicht gedruckt. War aber auch nicht dringend nötig, weil wir durch unseren späten Andruck bundesweit die einzige Zeitung waren, die die News überhaupt auf der Titelseite hatte.

Taugt Twitter also als Recherche-Tool?

Es gibt derzeit sehr viel mächtigere Recherche-Tools. Zum Beispiel das Telefon.

Sie nutzen Twitter also überhaupt nicht zur Recherche?

Zum Recherchieren nutze ich Twitter nicht. Ich wüsste auch gar nicht, wie das funktionieren soll. Vielleicht muss ich mich mal schlau machen. Twitter ist für uns eher ein Instrument, um Stimmungslagen, Themen, die in der Luft liegen, zu orten.

Anders gefragt: Taugt Twitter als News-Medium?

Diese Frage habe ich gerade mal getwittert… Wir meinen, dass man mit Nachrichten, die über Twitter verbreitet werden, sehr vorsichtig sein sollte. Sie können aber sehr gute Anregungen für weitere Recherchen sein. Ich gebe aber gern wichtige Meldungen an unsere Follower raus. Das schätzt unser Publikum. Und es vertraut uns. Wenn es um schnelle Neuigkeiten-Übermittlung im privaten Bereich geht, ist Twitter nicht zu schlagen.

Wie ist der Austausch mit anderen Redaktionen über Twitter?

Das ist eine tolle Erfahrung. Wir haben durch Twitter guten Kontakt zu vielen Kollegen in ganz Deutschland bekommen. Am liebsten kabbeln wir uns mit unseren Freunden von der „Abendzeitung“ in München. Und der anständige Rheingau-Rotwein kam vom Chefredakteur der „Rhein-Zeitung“.

Sie haben für Furore gesorgt, als sie die Agentur AP via Twitter nach einer Falschmeldung beschimpft haben. Haben Sie da eine Grenze überschritten oder Kommunikation neu definiert?

Hier habe ich im Affekt eine Grenze überschritten. Dafür habe ich mich mehrfach öffentlich bei den Kollegen von AP entschuldigt. Auch wenn es ein harter Abend war: Beschimpfungen sind auch auf Twitter nicht erlaubt. Für das Publikum war es bestimmt interessant zu erleben, wie eine Redaktion tickt – und manchmal eben auch schimpft und flucht. Ich bin manchmal ein ziemlich leidenschaftlicher Zeitungsmacher.

Wie ist die Resonanz auf das Abdrucken von Tweets in der gedruckten Ausgabe

Reaktionen gibt es bis jetzt nur von den Verfassern der gedruckten Tweets. Die freuen sich meistens darüber, mal offline gedruckt zu werden. Andere wollen nicht von uns abgedruckt werden. Leser haben sich noch nicht geäußert.

Neben Twitter stellt Ihre Redaktion auch viele Videos auf YouTube bereit. Ist das reine Spielerei?

Nein. Wir sind fasziniert von den Möglichkeiten. Und wir wollen sie nutzen. Man braucht heute keinen gewaltigen Produktionsapparat mehr, um Videos, Musik, Blogs, Tweets oder Websites zu produzieren. Das ist doch ein Traum für jeden kreativen Menschen. Wir können mehr als Zeitung.

Die Zeitung ist aber immer noch das Haupt-Produkt. Kann die gedruckte Zeitung von den neuen Online-Medien wie Twitter, Facebook oder Youtube etwas für sich übernehmen?

Je enger sich eine Zeitung mit dem Internet verbindet, desto besser sind ihre Zukunftschancen. Da gibt es doch viel mehr Möglichkeiten als einen Links zu drucken oder die Marke mit dem Hinweis auf den Online-Sportticker. Twitter, Facebook und YouTube oder andere Plattformen dieser Art sollen der verlängerte Arm von „Welt Kompakt“ werden. Auf YouTube sieht der Leser, wie die Redakteure arbeiten. Wie sie denken, reden und aussehen. Wir sind auf dem Weg, die richtige Form zu finden. Auf Facebook oder MySpace kann sich eine Community rund um die Zeitung bilden. Twitter oder 12seconds sind der Live-Kanal in die Redaktion. Da wird es in Zukunft sicher noch ganz andere Möglichkeiten geben. Wir experimentieren gerade mit Live-Videos auf mogulus.com. Die Leser sollen jeden Abend sehen können, wie wir die Titelseite unserer Zeitung planen. Derzeit ruckelt die Übertragung noch zu stark. Wir hoffen, dass das in ein paar Wochen gelöst ist.

Müsste man nicht auch das Layout, und die Präsentation der Inhalte in der Zeitung überdenken? „Welt Kompakt“ kommt als Marke via Twitter und YouTube sehr frisch und jung rüber. Wenn ich die Zeitung kaufe, habe ich das Gefühl: Ist halt eine ganz normale Zeitung im Tabloid-Format….

Wir? Normal? Das kann gar nicht sein… Ich glaube, dass wir einen neuen Ton in der deutschen Zeitungslandschaft etabliert haben: Seriöse Nachrichten mit leicht hochgezogener linker Augenbraue präsentiert. So ähnlich macht das auch Caren Miosga bei den Tagesthemen. Keine Frage, das könnte man selbstverständlich noch forcieren.

Jüngst hat sich „Welt Kompakt“ mit dem Mediaplaner Thomas Koch via Twitter gezofft – er hat Fehler in einer Ausgabe moniert. Wie kam es dazu?

Nur so viel: Auch bei Twitter gibt es schnauzbärtige Besserwisser. Genau wie im richtigen Leben.

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