„NYT“: Das Geld geht aus, die Ideen nicht

Die Geldsorgen der "New York Times" beherrschen die Schlagzeilen. Gerade hat die ehrwürdige US-Zeitung ihr Gebäude für 225 Millionen Dollar verkauft und wieder zurückgemietet, um an Bar-Mittel zu kommen. Vorher hat sie sich von dem Milliardär Carlos Slim 250 Millionen Dollar geliehen. Die Krise hat das Blatt fest im Griff. Auf der anderen Seite sprüht die "NYT" gerade jetzt vor Ideen und Mut, das Internet zu nutzen. MEEDIA analysiert die Ideen-Flut der "New York Times".

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Das Öffnen der Schnittstellen

Die „New York Times“ hat in einem radikalen Schritt große Teile ihrer Inhalte über eine Programmier-Schnittstelle (API) der Online-Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Klartext bedeutet das, dass nun andere Programmierer oder Programme ungehemmt auf die Inhalte der „NYT“ zugreifen können und Artikel, Bilder und andere Inhalte bei sich einbauen können. 2,8 Millionen Artikel, die seit 1981 für die „New York Times“ geschrieben wurden, stehen zum Einbinden bereit. Ein beispielloser Schritt, der zeigt, dass die Macher der „New York Times“ es ernst meinen mit der Idee der Offenheit im Internet. Der Schritt wird nicht unmittelbar zu neuen Erlösquellen führen, aber die Stellung der „New York Times“ als Top-Nachrichten- und Informationsquelle im Internet fördern und festigen. Hier wird der Acker bestellt, auf dem womöglich die Erträge der Zukunft wachsen. Selten hat man ein Medienhaus gesehen, das solch einen langfristig orientierten Schritt in die Zukunft gewagt hat.

Der Schritt ins Lokale

Mit „The Local“ hat die „New York Times“ eine Unter-Marke für Bürgerjournalismus in Blog-Form geschaffen. Die „NY Times“-Journalistin Tina Kelley betreut ein Weblog für den New Yorker Vorort Maplewood, in dem sie seit sechs Jahren wohnt. Der „NY Times“-Reporter Andy Newman beackert seinen Wohnort Brooklyn. Die Blogs sind eine Online-Variante einer typischen Lokalzeitung samt Polizeibericht, Schul-Geschichten und Bürger-Sorgen. Alles, was für die große Politik in der „NYT“ zu mickrig wäre. Gemeinsam mit der City University von New York wollen die Profi-Reporter Bürger ans Schreiben heranführen und Praktikanten beschäftigen. Die große „NY Times“ begibt sich hier auf Tuchfühlung mit den Lesern und fördert nach Kräften den so genannten Grassroot-Journalismus. Noch vor wenigen Jahren wäre dies undenkbar gewesen.

"Einer in acht Millionen"

Mit dem Web-Projekt „One in 8 Million“ hat die „NY Times“ die vielleicht schönste Website einer Tageszeitung online gestellt. In stimmungsvollen schwarzweiß-Fotos und mit selbstgesprochenen Audio-Texten wird jede Woche ein New Yorker Bürger porträtiert. Ein italienischer Frisör, ein Cheerleader-Mädchen mit großen Ambitionen oder ein U-Bahn-Musiker. Die Porträts sind nur wenige Minuten lang aber wunderbar komponiert und mit Liebe produziert. „One in 8 Million“ ist schwer preisverdächtig und gibt einen Fingerzeig, wie anspruchsvoller und eigenständiger Online-Journalismus aussehen kann. Bemerkenswert, dass die „NY Times“ in Zeiten ihrer größten Krise solche kreativen und anspruchsvollen Projekte auf die Beine stellt.

Das iPhone

Die Applikation der „New York Times“ für das iPhone ist einfach gut gemacht und wurde gerade runderneuert. Die Zeitung beschränkt sich nicht darauf, ihre Website für die Anzeige auf mobilen Endgeräten zu optimieren, sondern hat ein elegantes und einfach zu nutzendes Programm für Apples iPhone programmiert. Das Ergebnis: Die „NY Times“ schafft es mit ihrer Medienmarke aus dem Bookmark-Dschungel des Telefon-Browsers direkt auf die Nutzeroberfläche und präsentiert ihre Artikel dort ansprechend und markengerecht. Warum nutzen andere Magazine oder Zeitungen die Möglichkeiten moderner Smartphones nicht derart konsequent? Die „New York Times“ ist zwar derzeit knapp bei Kasse. Bei so viel Mut und Ideenreichtum braucht man sich um die ehemals „graue Lady“ des US-Spitzenjournalismus aber keine Sorgen zu machen.

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