Mathe-Genie startet „Google-Killer“

Wer im Internet etwas sucht, der googelt. Doch Google liefert keine Antworten auf Fragen, sondern lediglich Listen. Der britische Informatiker Stephen Wolfram will nicht mehr und nicht weniger, als dem Web das Antworten beizubringen. "Wolfram Alpha" soll konkrete Antworten auf Fragen geben. Zusammen mit rund hundert Entwicklern arbeitet er an der nächsten Stufe der Websuche. Erste Beta-Tester sind mehr als beeindruckt.

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Vor rund fünfzig Jahren dachte die Menschheit, Computer würden die Antworten auf alle Fragen liefern. Douglas Adams trieb diesen Gedanken in seinem Roman „Das Leben, das Universum und der ganze Rest“ auf die Spitze, in dem die Menschheit einen so mächtigen Rechner erbaute, der alle  Fragen beantworten sollte.

Antworten statt Listen

Heutzutage verbinden wir mit der Suche auf Computern und im Web vor allem eines: Google. Die Schwäche von Google liegt jedoch auf der Hand: Auf Fragen liefert der IT-Riese keine Antworten, sondern listet lediglich bereits Bekanntes auf. Fragen werden nur dann wieder beantwortet, wenn sie in irgendeinem Dokument im Netz bereits zuvor beantwortet wurden. Genau hier will Stephen Wolfram mit seinem etwas egozentrisch getauften „Wolfram Alpha“ eine Bresche zwischen dem User und dem Datenmoloch Internet schlagen. Der User soll einfach eine Frage stellen können, die das System dann beantworten wird. Ein stark vereinfachtes Beispiel: „Wie heißt die Hauptstadt von Deutschland?“ – „Berlin“. Eine immense Datenbank wie die von Google, die das gesamte Internet spiegelt, würde überflüssig.

Nicht umsonst proklamierte der News-Dienst „DailyTech“: „This search engine is straight out of Star Trek!“ Natürlich kann „Wolfram Alpha“ nicht sprechen, aber Sprachen stellen für das System dennoch kein Problem dar. Die Fragen können in jeder Sprache gestellt werden, da die Suchmaschine diese in ihrer Grundform nicht verstehen muss. Dazu soll das System Techniken aus den Bereichen der Analyse natürlicher Sprache und Modelle aus verschiedenen Wissenschafts- und anderen Bereichen kombinieren.

Es erstellt aus der Frage einen Berechnungs-Term, eine mathematische Gleichung, die ein Ergebnis ausgibt. Egal, ob aus den Bereichen Technologie, Wetter, Kochen, Reisen, Lifestyle oder Musik. Eine erste Version von „Wolfram Alpha“ soll bereits im Mai öffentlich zugänglich sein. Unter www.wolframalpha.com wird es dann nur ein Eingabefeld „zu einem großen System“ geben, so Wolfram.

Querdenker und Google-Killer?

Doch wer ist der Mann, der glaubt, der Websuche intelligentes Antworten beizubringen? An Selbstvertrauen scheint es Wolfram nicht zu mangeln. Immerhin benannte er seine Firma Wolfram Research und seine neueste Erfindung nach sich selbst. Dennoch genießt der britische Physiker und Mathematiker ein enormes Ansehen in der IT-Szene. Ende der Achtziger entwickelte er das Softwarepaket „Mathematica“, das bis heute als eines der besten und meistbenutzen mathematisch-naturwissenschaftlichen Programmpakete gilt. Die hier entwickelten Algorithmen und Techniken macht sich auch „Wolfram Alpha“ zu Nutze.

Seine neueste Erfindung, an der er gemeinsam mit rund hundert Entwicklern seit vier Jahren arbeitet, verwundert aber kaum, wenn man seinen bisherigen Lebenslauf studiert. Bei Wolfram scheint das Querdenken Programm zu sein. 2002 erschien sein erfolgreiches und vieldiskutiertes Buch „A New Kind of Science“ (Eine neuartige Wissenschaft), das kurzerhand etablierte mathematische Methoden für antiquiert erklärt. Eingetretene Pfade scheinen nichts für den Mann zu sein, der jetzt dem Web das Sprechen beibringen will. Den ersten Beta-Tester hat „Wolfram Alpha“ auch schon. Nova Spivack, CEO von Radar Networks, dem Anbieter der auf semantischen Suchtechnologien beruhenden Webanwendung Twine, warf bereits einen ersten Blick auf die neue Websuche.

Beinahe künstliche Intelligenz

Sein Fazit: „Eines ist sicher, ‚Wolfram Alpha‘ ist überaus beeindruckend.“ Es könnte genauso wichtig werden wie Google. An eine Kannibalisierung der „alteingessenen“ Suchmaschine durch den neuen Herausforderer glaubt Spivack allerdings nicht. Während Google ein System sei, um Dinge zu finden, sei Wolfram Alpha ein System, um Fragen zu beantworten. Es sei also vielmehr ein Konkurrent für Seiten wie Wikipedia als für den Such-Riesen Google. Technophobiker könnten „Wolfram Alpha“ demnach künstliche Intelligenz unterstellen.

Der Angst vor einer eigenständig denkenden Suchmaschine macht er allerdings ein abruptes Ende: „So intelligent das System auch zu sein scheint, ‚Wolfram Alpha‘ ist nicht HAL 9000 und soll es auch nicht sein“, meint Spivack. „Es ist sich seiner selbst nicht bewusst und ist keine Simulation des menschlichen Verstandes.“ Eigenwillige Maschinen gehören also glücklicherweise immer noch in die Science Fiction.

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