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Augsteins „Freitag“ wird immer besser

Mein erster Eindruck von Jakob Augsteins neuem „Freitag“ war zwiespältig. Neben guten Ideen und Ansätzen störten mich Unwuchten im redaktionellen Auftritt. Inzwischen lese ich die Zeitung regelmäßig und muss sagen: „Freitag“ macht sich von Woche zu Woche. Das Konzept hat Potenzial, und dafür gibt es einfache Gründe. In der Summe machen sie das Blatt aus Berlin zu einer echten Bereicherung des Kioskangebots – gleichermaßen als Meinungsmedium sowie als Zukunftsexperiment der kriselnden Branche.

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Mein erster Eindruck von Jakob Augsteins neuem „Freitag“ war zwiespältig. Neben guten Ideen und Ansätzen störten mich Unwuchten im redaktionellen Auftritt. Inzwischen lese ich die Zeitung regelmäßig und muss sagen: „Freitag“ macht sich von Woche zu Woche. Das Konzept hat Potenzial, und dafür gibt es einfache Gründe. In der Summe machen sie das Blatt aus Berlin zu einer echten Bereicherung des Kioskangebots – gleichermaßen als Meinungsmedium sowie als Zukunftsexperiment der kriselnden Branche.

Aber der Reihe nach. Die Diskussionen um die wegsackenden Auflagen versperren oft den Blick auf das Naheliegende und Elementare für den Erfolg von Printtiteln. Das richtige Thema zu setzen und exzellent aufzubereiten ist das Schwierigste überhaupt im Journalismus. Es erfordert den Mut, auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Die Perspektive zu wechseln, Doppelseiten über Vorgänge zu bringen, denen andere nur Meldungen widmen. Oder Themen zu setzen, die andere noch nicht auf der Rechnung haben.

Das alles erfordert Engagement und Ernsthaftigkeit, man kann auch sagen: Authentizität. Eben deswegen ist eine „Landlust“ ein (unerwarteter) Erfolg und ein geklontes Copycat eben nicht. Egal, was einem die Erfolgsflüsterer in den Unternehmensberatungen einreden wollen: Redaktionen sind keine Schraubenfabriken und Medien keine McDonald’s-Filialen. Qualitätszeitungen funktionieren anders, und der „Freitag“ ist ein Beispiel dafür. Warum?

Zuallererst beeindruckt der Mut, ein solches Objekt (bzw. das neue Konzept) mitten in die Krise zu starten. Augsteins „Freitag“ ist ein verlegerisches Statement, kein x-beliebiges Profitcenter. Das zahlt sich aus, vielleicht (noch) nicht finanziell, aber beim Produkt. Der „Freitag“ hat mir zum Beispiel die Finanzkrise und ihre Auswirkungen in wenigen Wochen transparenter erklärt als die Wirtschaftsexperten der Finanzzeitungen in den letzten sechs Monaten.

Bemerkenswert erscheint mir auch, dass der „Freitag“ seine Subline „Das Meinungsmedium“ ernst nimmt, und zwar in einer sehr pluralistischen Form. Augstein sucht die Diskussion, und er stellt sich der Kritik an seinen Beiträgen. Und offenbar sind abweichende Meinungen beim „Freitag“ ausdrücklich erwünscht. Dies ist in der deutschen Presselandschaft im Web 2.0-Zeitalter keineswegs selbstverständlich, Marketing-Gags wie „Leser fragen, der Chefredakteur antwortet…“ ausgenommen. Dieser Punkt ist wichtig, und die logische Konsequenz ist, dass die Leser auch im Blatt stattfinden – beim „Freitag“ sogar auf der Titelseite. Ein weiterer kluger Schachzug ist auch die Vernetzung mit international aufgestellten Medien wie dem „Guardian“ oder dem „Observer“. Das bringt mehr als ein dpa-Abo und ist sicher auch für andere Qualitätszeitungen zukunftsweisend.

Das aus Sicht deutscher Verlage interessanteste Experiment ist aber das Zusammenspiel zwischen Printredaktion und Lesern, die online kommentieren und gleichzeitig in der Zeitung publizieren können. Hier scheint es noch zu früh, den Wert dieser neuartigen Beziehungskiste zu ermessen. Aber man muss es dem „Freitag“ lassen, dass er hierfür einen Kommunikationskanal geschaffen hat, der auch für Leser attraktiv erscheint. Daraus kann sich was entwickeln. Der „Freitag“ ist wie der Spross einer Pflanze, die wachsen kann und muss. Man wünscht sich, dass nichts diesen Prozess aufhält oder zerstört, auch nicht die Megakrise.

Die zeigt sich leider auch im Blatt. Nur eine einzige Anzeige weist der aktuelle „Freitag“ bei 28 Seiten insgesamt auf. Das ist auch für einen vermögenden Verleger auf Dauer viel zu wenig. Und deswegen möchte man mit Blick auf den „Freitag“, etwas unüblich, ausrufen: Lesen! Und an die Anzeigenkunden gerichtet: Buchen! Es muss ja nicht unbedingt eine Großbank sein.

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