Anzeige

WAZ: Brandbrief an Reitz sorgt für Unruhe

Die nächste Runde im Spar-Kampf der WAZ-Führung gegen die eigene Redaktion: Auf der gestrigen Betriebsversammlung wurde ein neues Konzept der Beratungsfirma Schickler vorgestellt. Es beinhaltet die Schließung von vielen Regionalbüros und die Streichung von 300 statt 261 Stellen. Direkte Reaktion auf den Plan ist ein Brandbrief der Lokalchefs, der bereits im Web kursiert: „Wir fürchten, dass eine Strategie verfolgt wird, die dauerhaft für die WAZ und ihre Abonnentenzahl schädlich ist.“

Anzeige

Das neue Schickler-Modell, dass bereits online einzusehen ist, stärkt vor allem die Mantelteile bzw. die neue gemeinsame Titelredaktion der „NRZ“, „WAZ“ und „WR“. Insgesamt sind für den neuen Newsdesk zwei Mitarbieter in der Chefredaktion vorgesehen. Zudem 81 Redakteure und 25 kaufmännische Mitarbeiter.

Die wichtigsten Maßnahmen – laut Schicklerstudie – für die Lokalredaktionen sind:

  • Es gibt keine Doppelstandorte mehr
  • Produktion der Seiten wird in regionalen Produktionsdesks gebündelt
  • Die Kosten der Lokalredaktionen werden in Richtung des Schickler-Benchmark-Korridors angepasst
  • Online-Kompetenz wird an den Produktionsdesks aufgebaut
  • Für kritische Standorte werden Einzel-Lösungen gefunden

Schickler kommt zu dem Schluss, dass insgesamt 300 Planstellen wegfallen und dadurch Einsparungen von 24,5 Millionen Euro erzielt werden können. Im Detail sparen die Lokalredaktionen 15,9 Millionen Euro ein und der neu organisierte Mantelapparat 8,6 Millionen Euro. Das erste Schickler-Konzept, dass kurz vor Weihnachten 2008 veröffentlicht wurde, ging noch von 261 wegfallenden Stellen aus.

Die Umstrukturierung geht hauptsächlich auf Kosten der Regionalbüros. Nach Meinung des Betriebsrates ein schwerer Fehler. Für die Arbeitnehmervertreter liegt gerade in der engen lokalen Vernetzung der WAZ-Titel mit ihren Lesern die Kernkompetenz der Zeitungen. Bislang unbekannt war der Umstand, dass offenbar auch verantwortliche Redakteure den Sanierungskurs der Geschäftsführung scharf kritisiert haben. So sollen insgesamt mehr als ein Dutzend Lokalchefs ihre Bedenken – bereits Mitte Januar – in einem Schreiben formuliert haben. Dieser Brandbrief kursiert nun im Internet.

Der Brief im Wortlaut (Quelle: Ruhrbarone.de):
“Wir, die Leiterinnen und Leiter der WAZ-Lokalredaktionen, fürchten, dass mit der Restrukturierung der vier NRW-Titel eine Strategie verfolgt wird, die dauerhaft für die WAZ und ihre Abonnentenzahl schädlich ist: Das Schickler-Konzept sieht eine Schwächung der Lokalredaktionen vor. Das widerspricht der erklärten WAZ-Philosophie, die ihre Kernkompetenz im Lokalen sieht und daraus ihre Leserschaft bezieht.

Mit der Zielvorgabe “One man one page” im Lokalen ist die geforderte und für die Zukunft der WAZ notwendige Qualität der Berichterstattung nicht zu gewährleisten. Dieser Personalschlüssel steht zudem in keinem Verhältnis zu der für den Content Desk geplanten Mitarbeiterzahl. Aus unserer Sicht ist es unumgänglich, die Relationen zu Gunsten der Lokalredaktionen anzupassen. Die bereits erfolgte Umfangsreduzierung hat überdies in vielen Lokalredaktionen schon zu gravierenden Qualitätsverlusten geführt.

Auch die bislang geplanten Regionalen Produktionsdesks betrachten wir als kontraproduktiv. Aus lokaler Sicht sind mit der beabsichtigten Struktur keine Synergien zu erzielen, sondern eher das Gegenteil: zusätzliche organisatorische Hürden, die wertvolle Arbeitszeit binden. Eine regionale Produktion von Seiten widerspricht elementar unserern Erfahrungen aus dem redaktionellen Alltag in den Stadtredaktionen. Sie würde keine Entlastung bringen, sondern Mehrarbeit und Qualitätsverluste. Die geäußerte Erwartung, dass – in der Struktur der Revierstädte – durch Auslagerung produktionstechnischer Prozesse Freiräume zur journalistzischen Arbeit geschaffen werden, teilen wir nicht.

Uns geht es dabei nicht um die grundsätzliche Ablehnung von Desks und Arbeitsbündelung. Vielmehr befürworten wir diese Organisationseinheiten für Großstädte wie Duisburg, Essen, Bochum oder Gelsenkirchen, in denen in der Tat Arbeitsabläufe konzentriert werden können, ohne die Nähe vor Ort zu gefährden.

Wir, die Leiterinnen und Leiter der WAZ-Lokalredaktionen, sind der festen Überzeugung, dass lokale Qualitätsberichterstattung das Pfund ist, mit dem wir heute und in Zukunft wuchern müssen, im Print, Online, TV oder anderen mobilen Diensten. Auch im Namen unserer Mitarbeiter bitten wir Sie eindringlich, das geplante Restrukturierungskonzept gründlich zu überdenken und zu Gunsten der Lokalredaktionen zu verändern. Wir bieten dazu unsere engagierte Mitarbeit an.”

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige