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„Spiegel“-Chef verteidigt Titelstory

Montag ist "Spiegel"-Tag: Das galt in dieser Woche vor allem für die Internet-Szene. Mit der Titelstory "Fremde Freunde" über die Schattenseiten der sozialen Netzwerke lieferten die "Spiegel"-Macher eine viel diskutierte, vor allem aber auch heftig kritisierte Abrechnung mit dem Web 2.0. Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron rechtfertigt das Titelstück als "kritische Begleitung" gesellschaftlicher Entwicklungen. Auch der Vorwurf der Urheberrechtsverletzung bei den Fotos treffe nicht zu.

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Auf MEEDIA-Anfrage erklärt von Blumencron: „Der „Spiegel“ ist nicht gerade dafür bekannt, gesellschaftliche  Entwicklungen eindimensional zu beschreiben bzw. hochzujubeln. Genauso sind wir im Titelstück mit Twitter verfahren. Es ist ein Dienst, dessen Entwicklung wir anerkennen und mit Spannung beobachten. Er hat seine  Vorzüge – und seine Schattenseiten. Der „Spiegel“ experimentiert mit Twitter, so wie wir als erstes journalistisches Produkt in diesem Land Anfang der neunziger Jahre mit dem Internet experimentiert haben. Und dabei sind wir nicht unerfolgreich, wie die Follower-Zahlen zeigen.“
Von Blumencron weist auch den Verdacht der Voreingenommenheit von sich: „Wir  beobachten interessiert, was am Ende dabei herauskommt. Allerdings  behalten wir uns vor, die Entwicklung kritisch zu begleiten, so wie wir  zuweilen kritisch mit den gedruckten Medien umgehen und mit der Online-Welt. Das tun wir im Heft wie übrigens auch auf Spiegel Online.  Etwas anderes würden Sie vom ‚Spiegel‘ auch nicht erwarten.“
Die Spiegel-Titelgeschichte watschte ausgerechnet jenes Kommunikationsmedium ab, auf dem sich die Online-Redaktion in diesen Tagen so erfolgreich verbreitet. Gerade wurde der Twitter-Kanal „SPIEGEL_EIL“ mit deutlichem Abstand wieder  Monatssieger unter den deutschen Medien-Angeboten. Trotzdem kanzelte die Print-Redaktion das boomende Kommunikationsmedium als „Schwatzbude“ bzw. „Weltzentrale der Plattitüden“ ab.
Medien-Journalist Thomas Knüwer vom „Handelsblatt“ hatte neben seiner Kritik an handwerklichen Schwächen der Titelgeschichte sogar den Verdacht der Verletzung von Urheber- sowie Persönlichkeitsrechten in den Raum gestellt: „Laut „Spiegel“ soll das Gesamtarrangement ‚Fotos aus Online-Netzwerken‘ darstellen. Überraschend ist dabei: Für 13 der Bilder gibt es „Credits“, also Fotorechte. Sie umfassen Reuters oder AFP. Zu sehen aber sind 17 Bilder, die nicht Screenshots sind. Wer hat die Rechte an den anderen? Sind es tatsächlich Bilder aus Social Networks? Hat der „Spiegel“ dafür die Rechte erfragt? Die Fotografen entlohnt?“

Und dann, bezogen auf das halbseitige  sehr unvorteilhafte Partyfoto der Studentin Sarah: „Dafür sehen wir das Sauffoto von Sarah, die übrigens, mit Verlaub,  bemerkenswert männlich aussieht, ihr Foto trägt kein Credit, ihre Augen  sind verpixelt. Sollte der „Spiegel“ kein Bildhonorar gezahlt haben, würde  ich Sarah empfehlen, sich einen guten Medienanwalt zu suchen – da könnte  ein hübsches Sümmchen drin sein.“

Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron erklärt dazu auf MEEDIA-Anfrage: „Bei nahezu allen Bildern ist die Rechtelage geklärt, speziell natürlich bei den Agenturfotos. Auch im Fall „Sarah“ ist die Lage klar. Bei einigen wenigen Motiven war es uns nicht möglich, mit den Autoren in Kontakt zu treten.“ Bei nahezu allen Fotos? Und was bedeutet: Im Fall Sarah sei „die Lage klar“? Eine Klarstellung, die eher Verwirrung stiftet. Damit dürfte das Thema kaum abgeschlossen sein.
Auf dem „Spiegel“-Cover dürfte das Thema Internet nun jedoch erst mal für einige Zeit keine Rolle mehr spielen. Denn nur einmal im Jahr, so lehrt es zumindest die Vergangenheit, widmet der „Spiegel“ dem Treiben im Web eine Coverstory: Im letzten Jahr war es die Frage, ob das Internet „doof“ mache, 2007 wurde ausgiebig der „Second Life“-Spleen („Der digitale Maskenball“) betrachtet – nun also die „fremden Freunde“ aus den Social Networks.

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